Gesundheit

Wie krank uns Autos machen können

Die Belastung mit Feinstaub im Straßenverkehr erhöht das Allergierisiko und führt zu Asthma. Auch der ständige Krach wird zum ernsten Gesundheitsrisiko. Studien belegen, dass Lärm Kreislauf-Erkrankungen hervorruft und Schlaganfälle sowie Herzinfarkte häufig auch auf das Konto des Verkehrslärms gehen.

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Wie nachteilig der Straßenverkehr für die Gesundheit der Stadtbewohner ist, offenbart sich nur langsam. Denn es ist schwierig, langwierig und teuer, den Einfluss des Verkehrs auf die Gesundheit festzumachen.

"Es gibt eine ganze Reihe von anderen Einflussfaktoren, die da mit hineinspielen", betont Joachim Heinrich vom Institut für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München. Dennoch konnten der Epidemiologe und seine Arbeitsgruppe aus Münchner und Leipziger Wissenschaftlern nachweisen, dass die Feinstaubbelastung durch den Straßenverkehr das Allergierisiko für Kinder gehörig in die Höhe treibt. Und auch der Straßenlärm scheint nicht nur eine Belästigung, sondern sogar ein ernstes Gesundheitsrisiko zu sein.

Der Krach steht im Verdacht, am Anstieg der Herz-Kreislauf-Erkrankungen beteiligt zu sein. Das erhärtet eine wachsende Zahl epidemiologischer Studien. Unlängst stellte die Weltgesundheitsorganisation WHO vorläufige Untersuchungsergebnisse vor, denen zufolge der Verkehrslärm in Europa für drei Prozent aller Todesfälle infolge von Herzinfarkten oder Schlaganfällen verantwortlich sei.

Eine Metastudie des Umweltbundesamtes aus dem Jahre 2006 wertete 61 epidemiologische Einzelstudien aus und buchte 27 000 der jährlich rund 500 000 tödlichen und nicht tödlichen Herzinfarkte oder Schlaganfälle auf das Konto Verkehrslärm.

Geringe Größe, tiefes Eindringen

Zweites Gesundheitsrisiko in Sachen Verkehr ist der Feinstaub, der vor allem aus den Auspuffrohren der Fahrzeuge quillt. Wegen ihrer geringen Größe dringen die Partikel tief in die Lunge ein und können auch in das Blutsystem übertreten. So können sie insbesondere Atemwegserkrankungen wie Asthma auslösen, aber offenbar fördern sie auch die Arterienverkalkung, Herzrhythmusstörungen und die Infarktbildung. Tierversuche haben das nachgewiesen, und auch von staubbelasteten Arbeitsplätzen kennt man die Gefahr der Asthmaentstehung.

Allerdings werden in den Tierversuchen sehr hohe Staubkonzentrationen eingesetzt, und auch an den untersuchten Arbeitsplätzen kommen Belastungen vor, die drastisch selbst über denen der schlimmsten Hauptverkehrsstraßen liegen. "Den Beweis für aktuelle Luftkonzentrationen in der Umwelt können wir deshalb leider nicht antreten", bedauert Wolfgang Kreyling, der stellvertretende Direktor des Instituts für Inhalationsbiologie am Münchener Helmholtz-Zentrum.

Autoabgase und Hautausschläge

Dennoch verzeichnet die Forschung Fortschritte, denn die Wissenschaftler gehen zweigleisig vor. In epidemiologischen Studien wie der von Joachim Heinrich suchen sie nach Zusammenhängen zwischen der tatsächlichen Staubbelastung und bestimmten Krankheiten. Seine Allergiestudie ist Teil einer Langzeitbeobachtung von über 3000 Münchener Kindern über sechs Jahre hinweg. Und da zeigten sich Zusammenhänge von Straßenverkehr mit asthmatischen und darüber hinaus mit allergischen Erscheinungen. Es zeigte sich überraschenderweise aber auch ein Zusammenhang zwischen den Stickoxiden, die die Autos abgeben, und Hautausschlägen.

In Tierversuchen untersuchen die Forscher parallel, wie die Feinstaubpartikel im Organismus wirken. "Da haben wir in den vergangenen Jahren einige Fortschritte gemacht", berichtet Annette Peters, Leiterin der Arbeitsgruppe "Gesundheitseffekte der Luftverschmutzung" am Institut für Epidemiologie. Es sind offenbar drei Wege, auf denen die Partikel ihre schädliche Wirkung entfalten.

Die erste Möglichkeit ist eine Entzündungsreaktion der Lungenbläschen. "Wir sehen in der Lunge deutliche Aktivität von Makrophagen, die die Partikel wegschaffen", erklärt Professor Holger Schulz, Direktor des Instituts für Inhalationsbiologie. Diese Abwehrzellen des Immunsystems beschränken sich jedoch nicht nur auf das Aufräumen, sondern senden auch Alarmbotschaften an den Rest des Körpers. Teil der daraufhin anlaufenden Alarmmaßnahmen ist die Ausschüttung von Fibrinogen. Dieses Protein macht das Blut zähflüssiger. Bei Menschen mit Arteriosklerose, deren Adern ohnehin weniger elastisch und innen rauer sind, kann dann die Gefahr von Thrombosen und Infarkten steigen.

Ein weiterer Mechanismus, den die Forscher näher untersuchen, ist die Beeinflussung des vegetativen Nervensystems durch die Partikel. "Über Rezeptoren in der Lunge könnten sie das Gleichgewicht innerhalb des vegetativen Nervensystems verschieben, und das steuert auch den Herzschlag", erklärt Annette Peters. Der Effekt: Der Herzschlag beschleunigt sich, und der Körper erhält ein weiteres Alarmsignal. Gelangen die ultrafeinen Stäube direkt in die Blutbahn, dann - so die dritte Hypothese der GSF-Forscher - aktivieren sie die Blutplättchen, die ebenfalls für eine erhöhte Gerinnungsfähigkeit des Blutes sorgen. Außerdem verringern die Teilchen die Elastizität der Arterien. Das konnte in Studien unter Umweltbedingungen nachgewiesen werden.

Von den zunehmenden Bemühungen der Städte, den Verkehr in ihren Grenzen zu lenken, versprechen sich die Wissenschaftler Verbesserungen. "Die Umweltzonen zum Beispiel sind ein erster Ansatz", erläutert Wolfgang Kreyling. Wie viel sie bringen, wird sich allerdings erst weit in der Zukunft zeigen. "Unsere Forschung ist sehr langsam, sie kann die Auswirkungen erst in ein paar Jahren bewerten", weiß Annette Peters. Aber immerhin läuft derzeit in Augsburg eine epidemiologische Studie in Sachen Straßenverkehr, und die wird auch die Einführung der dortigen Umweltzone im vierten Quartal dieses Jahres abdecken. Dann wird man die Folgen dieser Maßnahme genau erfassen können.