Wissenschaftler

Warum "Aufschieberitis" keine Frage der Intelligenz ist

Studierende schieben Aufgaben gern vor sich her. Berliner Experten haben ein Programm dagegen entwickelt. „StartWork” soll fleißig machen.

Foto: Massimo Rodari

Jeden Tag, wenn der Wecker um sieben Uhr klingelt, ist Lisa Kaus noch todmüde, ihr schlechtes Gewissen aber ist schon putzmunter: Du solltest, du müsstest, du wolltest doch. Die Studentin drückt den Wecker weg und die Schuldgefühle beiseite. Er schrillt weiter, erinnert sie jede Stunde daran, dass sie eigentlich früh aufstehen und ihre Hausarbeit schreiben wollte.

Die VWL-Studentin schlummert bis zwölf Uhr. Dann kriecht sie aus dem Bett, schaut sich ein paar Folgen ihrer Lieblingssendung an, putzt die Badewanne, sortiert ihren Kleiderschrank, chattet mit Freunden auf Facebook. Gegen 20 Uhr lässt sie sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen, erschöpft und unzufrieden. Schuldgefühle hüpfen auf ihren Nerven herum wie Fünftklässler auf einem Trampolin. In ihrem Kopf hämmert es. Sie arbeitet bis spät in die Nacht, der Druck als ständiger Begleiter, sie schläft schlecht. Am nächsten Tag beginnt ihr ganz normaler Wahnsinn von vorne.

Statt ihre Arbeit zu erledigen, schiebt die 24-Jährige sie lieber auf. "Aufschieberitis" könnte man das Phänomen nennen, doch das würde verharmlosen, womit die Beratungsstellen der Universitäten immer häufiger konfrontiert werden. "Prokrastination" nennen es Wissenschaftler, und das kann krankhaft werden. Studien belegen, dass etwa 80 Prozent der Studenten schon mal betroffen waren, 50 Prozent verschieben ihre Aufgaben regelmäßig. Bei mindestens 20 Prozent wird die Neigung chronisch. Betroffen ist vor allem, wer über viele Freiräume verfügt, Studenten der Geisteswissenschaften, Freiberufler, Selbstständige. Den Tag selbst zu strukturieren und die Pläne einzuhalten, kann zur Mammutaufgabe werden.

Keine Frage der Intelligenz

Das Problem ist keine Frage der Intelligenz oder der Einstellung. Wer prokrastiniert, ist nicht faul, Ratschläge wie "Du musst es nur wollen" oder "Mach halt einfach" sind wenig hilfreich, denn Studenten wie Lisa Kaus wollen ja, können aber nicht. Es gibt eben immer noch was Besseres zu tun, schon der Anblick des Schreibtischs wirkt wie eine Giftschlange, um die man besser einen großen Bogen macht.

In den Buchläden stehen unzählige Ratgeber für Zeitmanagement, es gibt Computerprogramme, die bestimmte Seiten blockieren und so Ablenkung am Arbeitsplatz vermeiden sollen. Die Uni Münster hat eine Ambulanz ins Leben gerufen, die sich auf das Aufschieben spezialisiert hat. Dort behandeln Therapeuten die verzweifelten Studenten. Manche Hochschulen bieten eine "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" an. Dann sitzen Studenten zusammen und schreiben bis morgens früh an längst überfälligen Arbeiten. Die Gruppendynamik wirkt sich positiv auf die Arbeitsmoral aus.

Diesen Effekt hat auch Robert Sarrazin erkannt und eine Internetseite entwickelt, die gemeinsames Lernen organisiert. Mit "StartWork" lädt man über Facebook Freunde zu einer Lerneinheit ein, ein Terminkalender strukturiert die Arbeitswoche. Zum verabredeten Zeitpunkt sitzen alle vor ihren Computern, in einer Randspalte sind die Freunde über Webcams eingeblendet. Eine virtuelle Bibliothek, jeder allein und doch zusammen. Unter der Beobachtung der Freunde geht jeder seinen Hausarbeiten, Referaten oder Prüfungsvorbereitungen nach, nach 50 Minuten schrillt eine Glocke. Zehn Minuten Pause. StartWork aktiviert den Ton, und alle dürfen miteinander chatten, skypen oder im Internet surfen.

Robert Sarrazin, 30 Jahre alt, litt während seiner Doktorarbeit in Medizin selbst an Prokrastination. Zusammen mit Informatiker Benedikt Voigt (36) und Betriebswirt Miro Wilms (24) gründete er seine eigene Firma. Der Arzt beklagt, dass es an den Universitäten nicht genug Hilfsangebote für Betroffene gäbe, "erst wenn es krankhaft wird, sind die Beratungsstellen alarmiert".

Die Lösung für Prokrastination

Mit StartWork wollten sie früher ansetzen und kostenlos übers Internet die "weltweite Lösung für Prokrastination bei Studenten" anbieten. In einer Studie mit 22 Probanden haben die Gründer herausgefunden, dass StartWork das Aufschieben um 73 Prozent senkt. "Das Programm erleichtert es, anzufangen und dabei zu bleiben", sagt Robert Sarrazin, "langfristig wird damit der Stress reduziert und die Leistung gesteigert."

Auch Studentin Lisa Kaus arbeitet mit StartWork für ihren Masterabschluss. "Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, nach zwei Stunden was geschafft zu 8haben. Über die Kamera sehe ich, dass 8alle beschäftigt sind, sodass ich auch lieber arbeite, als aufzustehen und wieder was anderes zu machen", sagt sie. Und in der Bibliothek gebe es sowieso nie genug Plätze.

Dass sich die Gemeinschaft positiv auf die Arbeitsmoral auswirkt, sagt auch Hans-Werner Rückert, Leiter der Psychologischen Beratung an der Freien Universität Berlin. "Die soziale Kontrolle schafft eine Verbindlichkeit, die im günstigen Fall auf Loyalität, ansonsten auf Gruppendruck beruht", sagt er.

Ablenkende Impulse

Doch warum ist es überhaupt so schwer, das zu machen, was man sich vorgenommen hat? Perfektionismus und Selbstüberforderung nennt Rückert als Gründe. "Wer sich zu viel vornimmt, ist schnell frustriert, wenn nicht alles klappt." Wenn das Arbeitspensum steigt und der Druck wächst, brauche es nur einen kleinen "ablenkenden Impuls", um zu verschieben und zu verdrängen. Dann setzt das schlechte Gewissen ein, es wird schwierig, die freie Zeit noch zu genießen. Das Selbstwertgefühl wandert in den Keller. "Setzen dann noch Sinnlosigkeitsgefühle und Schlafstörungen ein, ist man von einer Depression nicht mehr weit entfernt", sagt Rückert. Von den 1200 Studenten, die jährlich zum ersten Mal die Beratungsstelle der Uni aufsuchen, kämen 850 mit Lern- und Arbeitsstörungen. Das Problem sei auch, dass beim Studieren der Erfolg erst mittelfristig sichtbar werde. Der Abschluss und die guten Noten zahlen sich oft erst aus, wenn man sich bereits im Arbeitsleben befindet. Wer eine Blume umpflanzt oder den Herd schrubbt, hat das Erfolgserlebnis direkter vor Augen.

Wichtig sei, so der Wissenschaftler, sich über das Problem bewusst zu werden und keinen negativen Druck aufzubauen. "Es hilft, sich ein realistisches Pensum vorzunehmen und sich zu belohnen, wenn man es geschafft hat." Das versucht Lisa Kaus jetzt auch. Manchmal ist sie schon froh, wenn sie eine Stunde konzentriert gearbeitet hat. Dann nimmt sie sich was Schönes vor, ohne schlechtes Gewissen. Ihr geht es damit besser, nur die Badewanne, die hat schon mal sauberer geglänzt.

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