Neue Studie

Immer mehr Wolfsrudel streifen durch Deutschland

Wölfe brauchen keine Wildnis – Das Fazit der Studie: Alle Bundesländer sollten sich auf die Rückkehr des Wolfs vorbereiten.

Der Wolf kehrt unaufhaltsam nach Deutschland zurück. Derzeit leben zwölf Rudel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg . Einzeltiere wurden in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen und Bayern gesichtet.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) stellte in Bonn eine Studie zur Ausbreitung der Wölfe in Deutschland vor. Fazit: Alle Bundesländer sollten sich auf das Erscheinen des Wolfes einstellen. Die sehr anpassungsfähigen Tiere könnten auch weiter nach Westen vordringen, etwa nach Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. So seien die Lebensbedingungen im Teutoburger Wald oder in der Eifel günstig.

"Man sollte sich überall in Deutschland auf das Erscheinen des Wolfs einstellen und ein möglichst konfliktfreies Miteinander von Menschen und Wölfen sicherstellen" , sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel. "Wölfe brauchen keine Wildnis, sondern können sich auch in unserer Kulturlandschaft an die unterschiedlichsten Lebensräume anpassen." Genaue Prognosen über die erwartete Verbreitung seien aber nicht möglich, sagte Jessel.

Wölfe gibt es in Deutschland wieder seit knapp 20 Jahren, nachdem 1904 der letzte Wolf in Sachsen erlegt worden war. Die Tiere wanderten aus Polen ein. Das erste Rudel wurde im Jahr 2000 in der Lausitz in Sachsen entdeckt.

Mit der Pilotstudie wollte das BfN in Zusammenarbeit mit dem Wildbiologischen Büro Lupus die Wanderwege erkunden und herausfinden, wie sich die Tiere verhalten. Eine solche satellitengestützte Studie habe es in Mitteleuropa noch nicht gegeben, sagte BfN-Präsidentin Professor Beate Jessel. Sechs Jungtiere - drei weibliche und drei männliche - wurden mit GPS-Sendern ausgestattet, die zwei Jahre lang Daten über die Aufenthaltsorte lieferten.

Das Ergebnis habe viele Fachleute verblüfft, sagte Jessel. So können Wölfe mehr als 70 Kilometer am Tag zurücklegen. Wolf Alan, einer der Probanden, entfernte sich schon mit zwölf Monaten von seinem Rudel in Sachsen und lief in zwei Monaten 1550 Kilometer weit bis nach Weißrussland. Dabei überquerte er Autobahnen, durchschwamm die Weichsel und die Oder und überwand irgendwie die überwiegend mit Elektrozäunen gesicherte Grenze zwischen Polen und Weißrussland.

Alans Bruder Karl blieb 19 Monate lang beim Rudel, ehe er in 16 Tagen 400 Kilometer nach Berlin und zurück lief, um sich dann in der Nähe des elterlichen Rudels ein eigenes Territorium abzustecken. Dort hat er nun sein eigenes Rudel gegründet. Dagegen lebt Schwester Mona nach 27 Monaten noch immer bei den Eltern.

"Wölfe können innerhalb kurzer Zeit prinzipiell überall in Deutschland auftauchen", ist eine der Schlussfolgerungen aus der Studie. Sie können sich einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume anpassen. Dabei gilt allerdings als Voraussetzung, dass es keine unmittelbare Störungen durch Menschen gibt.

Als größte Konfliktfelder gelten Land- und Forstwirtschaft , Jagd und Tourismus. Vor allem Nutztierhalter wehren sich oft gegen die Rückkehr des Wolfes, da ihre Tiere für die Räuber eine einfache Beute sind. Ein Wolf braucht immerhin eine tägliche Fleischration von zwei bis drei Kilo.

In den vergangenen Jahren wurden wiederholt Schafe, Ziegen und auch Damwild von Wölfen gerissen. Nicht immer waren die Weiden ausreichend gesichert. Im sächsischen Wolfsgebiet werden Maßnahmen zum Herdenschutz wie etwa Elektrozäune öffentlich gefördert. Für durch Wölfe verursachte Verluste gibt es einen Ausgleich.

"Wölfe sind eigentlich Hasenfüße", sagte Jessel. Sie können Verkehrswege überqueren und in deren Nähe auch leben. Jungtiere sind an stark befahrenen Straßen aber gefährdet. Seit dem Jahr 2000 wurden 14 Tiere überfahren.

Die Empfehlung des BfN lautet: Alle Bundesländer sollten sich auf das Erscheinen des Wolfes einstellen. Sofern noch nicht geschehen, sollten Pläne für ein Wolfsmanagement erarbeitet werden. Dabei sollte den Ausbreitungsfähigkeiten der Wölfe und deren Bedürfnis nach störungsarmen Rückzugsräumen ebenso Rechnung getragen werden wie der Vorbeugung von Konflikten zwischen Mensch und Wolf und der Aufklärung und Information der Bevölkerung.

Die begrüßt übrigens mehrheitlich die Rückkehr der Wölfe. Vier von fünf befragten Deutschen finden die Entwicklung gut. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) befürworten 79 Prozent der Befragten, dass sich in Deutschland wieder Wölfe ansiedeln.

Nur 18 Prozent seien gegen die Rückkehr. Vor allem Ältere zeigten sich skeptisch. Die Naturschützer plädierten angesichts dieser Werte dafür, den Schutz von Wölfen auszudehnen. Laut BUND leben zurzeit rund 60 Wölfe in Deutschland.

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