Rückkehr nach Deutschland

Der Wolf wird zum politischen Tier

Seit zehn Jahren gibt es wieder Wölfe in Deutschland – die meisten in der Lausitz. Doch es gibt Streit, denn die Tiere reißen Schafe und Ziegen.

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Der Aussichtsturm am Schweren Berg bei Weißwasser in der sächsischen Lausitz bietet einen weiten Blick über den Braunkohletagebau Nochten. Abraumhalden dehnen sich bis zum Horizont. Wo gigantische Bagger, die Brennstoff für das Kraftwerk Boxberg fördern, ihre Arbeit schon verrichtet haben, erstrecken sich Heide und Jungwald, wiederhergestellte Natur, Landschaft aus Menschenhand. Irgendwo da unten steckt Einauge.

In der Nacht hat sie ein Reh gefangen. Von dem Riss ließ das Rudel nur ein paar Fetzen Fell und Knochen übrig. Einauge ist schwerfällig geworden. Bald wird sie in ihrem Bau ihre Jungen zur Welt bringen. Seit 2005 hält sie das Nochtener Revier besetzt. Sie fand einen Gefährten und warf in jedem Frühjahr Welpen. 38 sind es bis jetzt.

Wie viele in diesem Jahr dazukommen, wird sich erst herausstellen, wenn der neue Wurf die Höhle verlässt, in der er die ersten Wochen nach der Geburt verbringt. Dann kann man Spuren lesen, und es gibt die Chance, dass spielende Welpen vor die Kamera einer Fotofalle laufen.

Obwohl ihr das rechte Auge fehlt und obwohl sie humpelt, ist Einauge eine sehr erfolgreiche Wölfin, fruchtbar, beständig, vorsichtig und erfahren. Neun oder zehn Jahre hat sie jetzt auf dem Buckel. Für einen Wolf in freier Wildbahn ist das ein stolzes Alter. Einauge ist eine der Urmütter der deutschen Wölfe.

Geboren wurde sie nicht weit von ihrem jetzigen Revier auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in der Muskauer Heide. Ihre Eltern waren aus Polen eingewandert. 1998 muss das gewesen sein. Seitdem jedenfalls fanden die für den Wald der Bundeswehrliegenschaft zuständigen Bundesförster Anzeichen dafür, dass ein Wolfspaar zwischen Schießbahnen und Panzerspuren jagte.

Im Frühling nach der Jahrtausendwende setzte dieses Paar Nachwuchs in die Welt. Es ist, als hätte es ein Gespür für historische Zäsuren gehabt. Als die Bonner zur Berliner Republik wurde, waren auch die Wölfe da, kaum mehr als 100 Kilometer von der neuen Hauptstadt entfernt, die gerade erst begann, sich zur Metropole zu mausern. Zum ersten Mal seit 150 Jahren hatten sie sich in Deutschland in freier Wildbahn fortgepflanzt. Sie blieben und zogen Jahr für Jahr Welpen auf.

Deutschland ist für Wölfe attraktiv

Zunächst versuchten Förster und Naturschützer, daraus ein Geheimnis zu machen. Sie fürchteten, dass den Räubern Öffentlichkeit nicht gut bekäme. Doch das Geheimnis war nicht lange zu hüten. 2001 stand es in den Zeitungen, dass die Wölfe nach Deutschland zurückgekehrt seien. Seitdem wird über sie gestritten, was sie allerdings nicht daran hindert, sich das Land, aus dem sie nahezu verschwunden waren, Schritt für Schritt zu erobern. Aus wölfischer Sicht nämlich ist die Bundesrepublik ein sehr attraktiver Lebensraum.

Hirsche, Rehe und Wildschweine gibt es im Überfluss, Schafe und Ziegen und ab und zu ein streunender Hund bereichern den Speisezettel. Vor allem aber: Es darf den Wölfen kein Haar gekrümmt werden. Sie genießen den höchsten denkbaren Schutz nach nationalem und europäischem Recht sowie internationalen Abkommen.

600 Kilometer südlich des Nochtener Tagebaus muss man hoch hinauf, um sich einen Überblick zu verschaffen. Mit der Seilbahn fährt der Wanderer auf den Taubenstein oberhalb des Spitzingsees, von wo aus er auf einem "Wolfswanderweg" durchs Mangfallgebirge steigen kann, durch jene oberbayerische Bilderbuchlandschaft, die vor fünf Jahren der Braunbär Bruno aufmischte, bis er auf Anweisung der bayerischen Staatsregierung als Problembär erlegt wurde.

Der Wanderer muss sich die Wegbeschreibung allerdings im Internet suchen. Hinweistafeln in der Natur gibt es nicht. Der Worldwide Fund for Nature (WWF) und die Münchner Gregor Louisoder Umweltstiftung, Urheber dieses wolfstouristischen Angebots, wollten die Almbauern mit solchen Installationen nicht unnötig provozieren. Die Eigner und Nutzer der Almen, über die der Wanderweg führt, waren nicht eingeladen, als er Ende Mai eingeweiht wurde. Sie kamen trotzdem und protestierten lautstark gegen das, was Brigitta Regauer vom Almwirtschaftlichen Verein eine "Verherrlichung des Wolfes" nennt.

Seit Weihnachten 2009 hatte ein Wolf das Rotwandgebiet, eines der beliebtesten Ausflugsziele der Münchner, durchstreift und immer wieder Schafe gerissen, die auf den Almen frei weideten, wie es seit Generationen üblich ist. Genetische Untersuchungen von Kotproben ergaben, dass er aus der italienisch-schweizerischen Wolfspopulation stammt und über Graubünden und Tirol nach Bayern eingewandert sein muss. Seit dem Frühjahr fehlt von ihm jedes Lebenszeichen.

Viele nehmen an, dass ihn die Kugel eines bayerischen oder österreichischen Jägers traf, der das "Wolfsproblem" nach der S-S-S-Methode – schießen, schaufeln, schweigen – lösen wollte. Andere vermuten, dass der Wolf an der Staupe eingegangen sei, die, wie man weiß, in jüngster Zeit sehr unter den Füchsen gewütet hat.

Die Zahl der Wolfsrudel nimmt zu

Jedenfalls wollen ihn ältere Damen, die mit ihren Nordic-Walking-Stöcken durchs Gebirge tackerten, krank und abgemagert gesehen haben. Vielleicht ist er auch einfach nur weitergezogen. Jedenfalls ist er weg, worüber die Wolfsschützer traurig sind, die Almbauern jedoch nicht. Einig sind sie sich allerdings in der Erwartung, dass bald ein anderer Wolf kommen wird. Und dann noch einer. Und so weiter. Überall in Europa sind die Wölfe auf dem Vormarsch.

Es ist viel Bewegung und Dynamik in diesem Geschehen. Eine Momentaufnahme dieses Jahres ergibt für Deutschland folgendes Bild:

In der Lausitz leben sechs Wolfsrudel, also Paare mit diesjährigen und vorjährigen Nachkommen, fünf auf sächsischem und eines auf brandenburgischem Gebiet. Dazu kommen zwei Wolfspaare ohne Nachkommen. In den Lausitzer Rudeln wurden im vergangenen Jahr 26 Welpen nachgewiesen. Ein weiteres Wolfsrudel lebt seit 2009 auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow, der teils zu Sachsen-Anhalt, teils zu Brandenburg gehört.

In Brandenburg sind außerdem sechs Gebiete mit territorialen, also sesshaften Wölfen bekannt, die bisher offenbar ohne Nachwuchs geblieben sind: die ehemaligen Truppenübungsplätze Lieberoser Heide und Jüterbog, der Truppenübungsplatz Brück/Lehnin, die Kyritz-Ruppiner Heide mit dem Truppenübungsplatz Wittstock sowie zwei Gebiete, die nördlich an das Lausitzer Wolfsvorkommen anschließen.

Einzelbeobachtungen gab es in den Landkreisen Potsdam-Mittelmark und Dahme-Spreewald. In Mecklenburg-Vorpommern wurden einzelne Wölfe in der Ueckermünder Heide im Nordosten, in der Lübtheener Heide im Westen und in der Müritzregion nachgewiesen, wobei es sich hier wahrscheinlich um den Wolf handelt, der im vergangenen Winter durch seine Übergriffe auf Wildgatter und Schafherden bei Kyritz und Ruppin von sich reden machte.

Niedersachsen hat mindestens einen Wolf auf dem Truppenübungsplatz Munster. Einer wagte sich bis vor die Tore Hamburgs. Durch den hessischen Reinhardswald streifte seit 2006 ein Wolfsrüde, der dort vergeblich auf eine Partnerin wartete. Im April wurde er tot aufgefunden. Was aus dem Wolf geworden ist, der im vergangenen Winter bei Gießen angefahren wurde, weiß man nicht. Alle diese Wölfe stammen mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Lausitzer "Quellgebiet" oder sind direkt aus Polen eingewandert. Nur der bayerische Wolf kam aus dem Süden.

Ohne Zweifel also hat sich der Wolf in Deutschland etabliert. Ob hier Platz ist für 440 Wolfsrudel, wie ein vom Bundesamt für Naturschutz in Auftrag gegebenes Gutachten auf der Grundlage von computergestützten Lebensraumanalysen feststellt, sei dahingestellt. Die Gesamtzahl der deutschen Wölfe beläuft sich einstweilen auf etwa 50 bis 80. Dazu kommen die Welpen, die allerdings in den ersten Lebensmonaten durch Krankheit, Hunger und den Straßenverkehr stark dezimiert werden.

Ein Tier als Symbol für Ängste, Mythen und Wildnis

Im europäischen Vergleich ist das wenig. Allein in Spanien gibt es etwa 2000 Wölfe, in Rumänien 3000, in den Balkanstaaten ebenso viele und in Italien 700. In all diesen Ländern war der Wolf, anders als in Mitteleuropa, nie vollständig ausgerottet. Er war immer Teil der heimischen Fauna, wurde mehr oder weniger scharf verfolgt und wird nun mehr oder weniger konsequent geschützt. Aus Deutschland war er lange verschwunden und ist nun für viele überraschend zurückgekehrt.

Erfahrungen des Zusammenlebens mit dem Wolf gibt es hier nicht mehr. Das ist ein Grund dafür, dass um ein paar Dutzend Wölfe ein gewaltiger administrativer und wissenschaftlicher Aufwand mit Managementplänen, Monitoring, Wolfsbeauftragten und Runden Tischen getrieben wird. Der Wolf ist zum Leittier des Natur- und Artenschutzes geworden. Seine Integration soll den Beweis dafür liefern, dass die ökologische Aufklärung gesiegt hat, dass wir Heutigen es in Sachen Natur besser machen als unsere Urgroßväter.

Diese Botschaft jedenfalls wird von Behörden und Umweltverbänden auf Unmengen bedruckten Broschürenpapiers und via Internet unters Volk gebracht. Das Heer der Wolfsanwälte ist um ein Vielfaches größer als das der Wölfe. Das mag auf unbeteiligte Beobachter grotesk wirken. Allerdings bleibt nicht lange unbeteiligt, wer sich näher auf den Wolf und die Folgen seiner Anwesenheit einlässt.

Der Wolf ist ein politisches Tier. Er polarisiert. Er ist beladen mit Mythen, mit dunklen und hellen. Noch immer verbreitet er bei manchen Furcht. Aufgeklärte Zeitgenossen nennen das das "Rotkäppchensyndrom". Vor allem aber weckt er heute als vermeintlicher Botschafter der unverfälschten Wildnis bei vielen eine grenzenlose naturromantische Begeisterung. Aber wie immer man zu ihm steht, man wird zugestehen müssen, dass er ein Tier mit ausgeprägtem Charisma ist. Und er ist in vieler Hinsicht dem Menschen auf eine frappierende Weise ähnlich und ihm in seiner domestizierten Form, dem Hund, eng verbunden. Als Mensch und Wolf sich begegneten, kamen sie nicht mehr voneinander los.

Was die Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichsten geografischen und klimatischen Bedingungen angeht, kann unter den Säugetieren nur der Wolf dem Menschen das Wasser reichen oder umgekehrt. Ursprünglich war er über die gesamte nördliche Erdhalbkugel verbreitet, von der Arktis bis nach Indien und Nordafrika. So unterschiedlich seine Lebensräume sind, so unterschiedlich sind auch seine Erscheinungsformen.

Die Systematiker streiten darüber, wie viele Unterarten des Wolfes es gibt. Die weißen Polarwölfe und die schwarzen Timberwölfe aus Alaska und dem Yukon werden bis zu 80 Kilogramm schwer. Sie jagen Großwild wie Elch, Bison oder Moschusochse. Indische oder arabische Wölfe erreichen gerade einmal ein Viertel dieses Gewichts und ernähren sich eher von Nagern, Vögeln und Aas.

Rehe sind als Fressen besonders beliebt

Der europäische Grauwolf nimmt eine Mittelstellung ein. Er entspricht in der Größe einem Schäferhund, bringt etwa 40 Kilogramm auf die Waage und weist in seinem Pelz alle Schattierungen von Grau und Braun auf. Bei flüchtigem Hinsehen ist er leicht mit einem wolfsähnlichen Hund zu verwechseln. Doch es gibt spezifische Wolfsmerkmale wie den ausgesprochen breiten Schädel, die im Verhältnis dazu kurzen Ohren, die gerade Rückenlinie und die Hochbeinigkeit. Auch Wolfsspuren lassen sich gut von Hundespuren unterscheiden.

Erwachsene Wölfe laufen zielstrebig geradeaus. Hunde bleiben ihr Leben lang "kindisch" und rennen mal hierhin und dahin. Wo genügend Schalenwild – Rehe, Hirsche, Gämsen, Mufflons – vorkommt, ist es die Hauptnahrung des europäischen Wolfs. Mangelt es daran, wie lange Zeit in Italien, stellt er sich um und sucht seinen Fraß wie die "Spaghetti-Wölfe" am Stadtrand von Rom auf Müllkippen. Hat er die Gelegenheit dazu, hält er sich an Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Hühner.

Im Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz wurden Hunderte von Kotproben der Lausitzer Wölfe untersucht. Es zeigte sich, dass sie ausgesprochene Rehfresser sind. Rehe machen 50 Prozent ihrer Nahrung aus, das Rotwild folgt mit 25, das Wildschwein mit 17 Prozent. Das im Wolfsgebiet vorkommende Muffelwild, Wildschafe, die eigentlich in den Bergen Korsikas zu Hause sind und sich vor Fressfeinden in unzugängliche Felsregionen flüchten, war, weil es solche Fluchtmöglichkeiten in der Lausitz nicht gibt, bald aufgefressen und schlug sich in der Nahrungsstatistik über die Jahre kaum nieder.

So wie die wilden Schafe waren auch die Hausschafe am Beginn der Lausitzer Wolfsära eine leichte Beute der Räuber. Etwa 6500 Mutterschafe stehen im Wolfsgebiet. 700 davon gehören Schäfer Frank Neumann, 62, aus Rohne. Er produziert Mastlämmer. Sein ganzes Leben hat er sich mit Schafen beschäftigt, gehörte zu DDR-Zeiten mit seiner Schäferei zu einer LPG und ist jetzt Anteilseigner einer Agrar-GmbH.

Seine Ställe und Weideflächen werden in wenigen Jahren dem Braunkohlebagger weichen müssen. Er ist zuversichtlich, dass ihm attraktive Ersatzflächen angeboten werden. Die Schäferei will er nicht aufgeben, sein Sohn wird den Betrieb übernehmen. Doch als die Wölfe kamen in einer Aprilnacht des Jahres 2002, da wusste er nicht, wie es weitergehen sollte.

Es waren Jungwölfe gewesen, die sich vom Elternrudel in der Muskauer Heide gelöst hatten und auf der Suche nach eigenen Revieren in der Gegend herumstreiften. Die Schafe boten sich ihnen dar wie auf einem Präsentierteller. Wildschweine hatten den Elektrozaun des Pferchs durchbrochen. Durch die Lücke brachen die Wölfe ein. Sie beherrschen das Handwerk des Tötens. Sie springen ihrem Opfer an die Kehle, ziehen es nieder und halten es fest, bis das Leben aus ihm gewichen ist.

Was sie in der Schafkoppel von Schäfer Neumann nicht verstanden, war, dass die Herde nicht flüchtete, sondern sich in Panik zusammenrudelte. Das provozierte die Räuber zu immer neuen Attacken. Sie richteten ein Blutbad an. 15 tote Schafe fand Neumann am Morgen. Bei einem weiteren Angriff einige Tage später kamen noch einmal so viele um. Wölfe lernen schnell. Warum sollen sie mühsam Rehe und Hirsche jagen, wenn ihnen das Schafsfleisch wie im Schlaraffenland fast von alleine in den Rachen springt?

Neumann hat das Schäferhandwerk gelernt, wie es in Mitteleuropa üblich ist. Er hütete seine Herden mit Hütehunden, oder er koppelte sie ein. Ihr Schutz vor großen Beutegreifern spielte keine Rolle. Die Wölfe zwangen ihn, Neues zu lernen und unbekannte Wege zu beschreiten. Einem traditionsbewussten Schäfer fällt das nicht leicht. Doch Neumann ist auch ein Schlitzohr und erkannte seine Chancen. In einer Ecke seines Schafstalls führt er stolz den jüngsten Wurf seiner Herdenschutzhunde vor.

Die weißen Wollknäuel der Rasse Pyrenäenberghund sind alle schon vergeben. Das Herdenschutzhundwesen ist sozusagen das zweite Standbein Neumanns. Mit seinen Hunden bildet er die sogenannte schnelle Eingreiftruppe. Immer wenn eine Schafherde ins Visier der Wölfe gerät, ist Neumann zur Stelle, gewöhnt Schafe und Hunde aneinander, verbringt viele Nächte am Pferch. Dafür erhält er vom Land Sachsen eine Aufwandsentschädigung. Auch das Hundefutter zahlt der Staat.

Neugierig beobachten die Wölfe die Schafsherde

Man muss sich klarmachen, dass der Einsatz von Herdenschutzhunden in Sachsen eine kleine Kulturrevolution ist. Eine Kulturtechnik, die bislang höchstens noch in abgelegenen Gebirgsgegenden der Pyrenäen, des Apennin oder der Karpaten verbreitet war, wird in eine Landschaft importiert, die durch und durch Kulturlandschaft ist.

Herdenschutzhunde sind etwas völlig anderes als Hütehunde. Diese treiben und lenken die Herde, sammeln versprengte Tiere ein. Sie arbeiten nach dem Kommando des Schäfers auf Zuruf und Handzeichen. Typische Hütehunde sind Border Collies und die deutschen Hütehundschläge wie Schafpudel, Gelbbacken oder Füchse. Das Zusammenwirken solcher Hunde mit dem Schäfer zu beobachten bereitet ästhetischen Genuss, es ist wahrhaftig eine Kunst.

Das Zusammenwirken Schäfer Neumanns mit seinen Pyrenäenberghunden hält sich in Grenzen. Er achtet auf ein distanziertes Verhältnis. Kaum dass er den zottigen Riesen einmal einen freundschaftlichen Klaps gibt. Die Hunde werden auf Schafe sozialisiert. Sie wachsen in der Herde auf und sollen sie gegen Raubtiere verteidigen, zunächst durch warnendes Gebell, wenn es sein muss aber auch im Kampf Hund gegen Wolf. Als Entwicklungshelfer in Sachen Herdenschutz betätigte sich im sächsischen Wolfsland der Schweizer Jean-Marc Landry, der in den Alpen viele Jahre lang die Arbeit mit solchen Hunden erprobt hat.

Er zeigte Neumann, wie man die Hunde eingewöhnt und wie man sie dazu bringt, Spaziergänger und ihre Hunde zu ignorieren oder sie jedenfalls nicht als Gefahr für die Herde zu betrachten, denn das war die große Befürchtung in der Lausitz: dass friedliche Wanderer sich plötzlich mit zähnefletschenden Bestien konfrontiert sehen. Es ist offenbar nicht leicht, die Schärfe der Hunde richtig zu dosieren. Vor Neumanns Hunden, denkt man, müsste man als Wolf eigentlich keine Angst haben. Sie kommen eher neugierig als drohend an den Zaun. Aber es wäre falsch, sie zu unterschätzen. Seit er sie richtig einsetzt – mindestens zwei müssen bei der Herde sein –, gab es keinen Wolfsangriff mehr auf seine Schafe.

Durch die Herdenschutzhunde hat Neumann seinen Frieden mit den Wölfen gemacht. Oder sagen wir so: Es ist ihm leichter gefallen, sich damit abzufinden, dass sie da sind. Neumann sammelt gern Abwurfstangen von Hirschen. Er kommt eben viel draußen herum. Diese "Trophäen" schmücken seinen Hobbyraum. Außerdem bewahrt er hier Medaillen und Pokale auf, die er als Taubenzüchter gewonnen hat. Hessische Kröpfer, die waren seine Lieblingsrasse. Schon lange allerdings reitet er dieses Steckenpferd nicht mehr.

Er hat zu viel zu tun mit seinen Schafen, den Hunden und den Wölfen. Zwei Ehrenplätze gibt es an der Wand. Einen für seine Schäfertracht mit Weste, Tasche, Hut und Schäferschippe. Und einen für Einauge, die Nochtener Wölfin. Ein großes Foto, flankiert von zwei Geweihstangen, zeigt sie, wie sie einen Sandweg entlangschnürt, nicht weit an einer Rotte Wildschweine vorbei. Die haben offenbar gemerkt, dass die Wölfin nicht auf der Jagd ist. Sie lassen sich nicht stören.

Ist der Herdenschutz mit Hunden also das Zaubermittel, um den Konflikt zwischen Wölfen und Schafzüchtern zu lösen? In der Wolfsszene, bei all den Leuten, die sich mit Leidenschaft dem Schutz der Wölfe verschrieben haben, ist der Enthusiasmus dafür grenzenlos. Wolfsfreunde sind fast ausnahmslos auch Hundenarren. Für sie ist es das höchste der Gefühle, wenn Hunde, indem sie Schafe schützen, das Wolfsproblem lösen helfen. Auch auf dem oberbayerischen Wolfswanderweg lernt der Wanderer, dass Herdenschutzhunde ein probates Mittel seien, das Vieh auf der Alm zu schützen.

Brigitta Regauer, Bäuerin der Wildfeldalm im Mangfallgebirge und für den Almwirtschaftlichen Verein in der bayerischen "Arbeitsgruppe Große Beutegreifer" – das Gremium wurde aus Anlass der Bruno-Krise eingerichtet –, hält das alles für Spinnerei. Sie habe sich kundig gemacht, sagt sie, und vieles erfahren, was nicht ins geschönte Bild passe. Sehr wohl gebe es Probleme mit aggressiven Herdenschutzhunden.

In Rumänien, das auch dank EU-Fördermittel einen Aufschwung des Tourismus in den Bergweidegebieten erlebe, komme es immer wieder zu Zwischenfällen. Nicht Wölfe griffen die Touristen oder ihre Hunde an, sondern die Herdenschutzhunde. Wie soll so ein Schutzkonzept in einem Gebiet funktionieren, das so überlaufen ist wie die Almen um die Rotwand? Und was werden die Touristen sagen, wenn dort oben überall orangefarbene Elektrozäune gezogen werden?

Für Brigitta Regauer passen Wolf und Almwirtschaft nicht zusammen. Sie und ihre Berufskollegen sehen sich einer Front aus Naturschutzverbänden und staatlicher Naturschutzpolitik gegenüber, die, so empfinden sie es, rücksichtslos über die bäuerlichen Interessen hinwegtrampelt. Den Verbänden gehe es doch nur um Spenden, für sie sei der Wolf vor allem ein perfektes Werbemittel, sagt die Bäuerin. Außerdem schaffe er Stellen für alle möglichen Experten: "Da hängen Arbeitsplätze an so einem Viech, das ist Wahnsinn."

Die bayerische Staatsregierung zahlt Entschädigung

Einen dieser durch den Wolf generierten Arbeitsplätze hat die junge Försterin Giulia Kriegel. Sie ist seit Kurzem regionale Wolfsbeauftragte mit Sitz in der Flussmeisterstelle Miesbach, einem Außenposten des Landesamtes für Umwelt. In ihrem Büro wird man freundlich von ihren beiden Weimaraner-Hunden begrüßt. Giulia Kriegel hat Zootierpflegerin gelernt, bevor sie Forstwirtschaft studierte. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über Herdenschutzmethoden in Europa, nicht gerade ein klassisches forstliches Thema. Aber es prädestinierte sie für ihren Posten. Der verlangt von ihr erhebliches diplomatisches Geschick.

Die Almwirtschaft ist ein Kernelement des weiß-blauen Lebensgefühls, ein alpenländisches Kulturgut, an dem sich kein bayerischer Politiker versündigen darf. Außerdem gilt die extensive Beweidung der Almen als Musterbeispiel einer Landnutzung, die der Artenvielfalt dient. In diese oberbayerische Seelenlandschaft bricht plötzlich der Wolf ein, der Superstar des Artenschutzes, dem nicht nur bayerische Politiker huldigen müssen. Die Politik befindet sich also in einer Zwickmühle.

Die bayerische Staatsregierung hat erst einmal einen "Alm-Aktionsplan Wolf" aufgestellt. Eine funktionierende Almwirtschaft sei ihr "auch aus ökologischen Gründen ein zentrales Anliegen", heißt es da. Um die Gemüter zu beruhigen, werden üppige Hilfen und Ausgleichszahlungen in Aussicht gestellt.

Die Bauern sollen Unterstützung für die Anschaffung von mobilen Zäunen oder Herdenschutzhunden erhalten. Für Herden, die wegen des Wolfsrisikos abgetrieben werden, sollen die zusätzlichen Futterkosten ersetzt werden. Bei gerissenen Tieren verspricht die Regierung den doppelten Marktwert als Entschädigung, und zwar auch dann, wenn nur der Verdacht besteht, dass ein Wolf der Übeltäter gewesen sein könnte.

Almbäuerin Regauer lacht über solche Versprechungen: "Das ist bei der EU doch noch gar nicht durch." Giulia Kriegel muss nun erst einmal eine Bestandsaufnahme machen. Auf welchen Almen besteht die Möglichkeit, Schafe nachts einzustallen? Wo lässt das Gelände Zäunungen überhaupt zu? Wie ist es mit der Bereitschaft der Bauern bestellt, ihre Schafe und Ziegen zu größeren Herden zusammenzufassen, die dann von angestellten Schäfern gehütet werden könnten?

Die Schafe sind sozusagen das Salz in der Suppe der extensiven Almwirtschaft. Sie grasen auch dort, wo Kühe nicht mehr hingehen. Es gibt keine großen Schafherden in den bayerischen Alpen. Die Tiere verteilen sich in kleinen Gruppen und weiden frei. Unter den Schafbesitzern sind viele Nebenerwerbslandwirte. Sie halten sich ein paar Tiere und treiben sie im Sommer auf die Alm, damit die Weiderechte, die in den Familien von Generation zu Generation vererbt werden, nicht verfallen. Wenn einer nur zehn Schafe hat, sagt Giulia Kriegel, dann gibt er jedem einen Namen. Der doppelte Marktwert ist dann nur eine materielle Entschädigung.

Bisher ist die Bereitschaft der Bauern, neue Schutzmaßnahmen anzuwenden, noch nicht sehr ausgeprägt. Sie lassen ihre Schafe lieber im Tal. Für die wenigen Tiere lohne der Aufwand nicht, sagen sie. Wenn aber der Wolf dauerhaft kommt, und damit wird gerechnet, dann ist es vorbei mit der freien Weide auf der Alm. "Wenn wir ein Rudel haben, ist es mit der Almwirtschaft überhaupt vorbei", sagt Bäuerin Regauer. Wenn es so weit käme, müsste man fragen, ob der Wolf in bestimmten Gebieten, vor allem in solchen extensiver Weidewirtschaft, der Artenvielfalt insgesamt nicht abträglich ist. Diese Frage liegt nahe. Aber sie wird vom staatlichen Artenschutz und von Naturschutzverbänden nicht gestellt.

Einstweilen versucht die bayerische "Arbeitsgruppe Große Beutegreifer", einen "Wolfsmanagementplan Stufe II" auszuarbeiten. Die geltende Stufe I ist nämlich nur für den Fall konzipiert, dass sich ein Wolf vorübergehend in Bayern aufhält, und nicht für die dauerhafte Anwesenheit des Raubtieres. Sollte es zu einer Rudelbildung kommen, müsste Stufe III gezündet werden. Aber dem bayerischen Drei-Stufen-Wolfsmanagement fehlt es nach Auffassung mancher Wolfsfreunde an der entscheidenden politischen Zielvorgabe.

Unlängst erhielt Umweltminister Markus Söder Post von der umtriebigen "Gesellschaft zum Schutz der Wölfe", einer Art Laienorganisation der naturschutzamtlichen Wolfskirche. Der Politik, hieß es in dem Brief, fehle es "seit dem Desaster, das die Horrorgeschichte des Braunbären Bruno in der politischen Landschaft hinterlassen hat, offensichtlich an Mut, die großen Beutegreifer als Symbol der Biodiversität und Bereicherung des gesamten Ökosystems willkommen zu heißen".

Der Wolf ist ein politisches Tier

Ulrich Wotschikowsky, Forstwirt und Wildbiologe, stammt aus der Lausitz. In Bayern wuchs er auf. Er hat einen großen Teil seines Lebens im Wald verbracht als Jäger und Forscher. Sein Geld verdient er als Berater für das, was man heute Wildtiermanagement nennt. Seit vielen Jahren lebt er in Oberammergau. Vom Typ her könnte er gut bei den Passionsspielen mitwirken. Er hat es aber noch nie getan. Er wäre, sagt er, mit dem Herzen nicht dabei.

Wotschikowsky ist ein unruhiger, kritischer Geist, der keinem Streit aus dem Weg geht, wenn es um Hirsch oder Reh, Wolf oder Bär geht. Welche Auswirkungen haben die großen Beutegreifer auf den Wildbestand und die Jagd? Wenn es um diese Frage geht, kommt man an Wotschikowsky kaum vorbei. Er legt sich mit Jägern und Naturschützern gleichermaßen an, wenn er das Gefühl hat, Ideologien und Feindbilder gewännen in der Auseinandersetzung darüber die Oberhand.

Politisch brisant ist derzeit die Frage, ob der Wolf in Sachsen dem Jagdrecht unterstellt werden soll. Wotschikowsky ist einer der Fachleute, die bei einer Anhörung des Sächsischen Landtages zu dieser Frage um ihre Stellungnahme gebeten wurden. Es geht nicht um eine Fachfrage des Artenschutzes, sondern um reine Politik, um Psychologie, um Propaganda. Der Wolf im Jagdrecht würde keinesfalls bedeuten, dass er tatsächlich bejagt werden dürfte.

Sein Totalschutz nach dem Naturschutzrecht bliebe bestehen, und er erhielte, wie die meisten der auf der Liste des jagdbaren Wildes stehenden Arten, keine Jagdzeit, würde also das ganze Jahr von der Jagd verschont. Aber er käme in den Genuss der sogenannten Hegepflicht, die mit dem Jagdrecht verbunden ist. Die Jäger müssten sich um die Erhaltung der Wolfspopulation kümmern.

Diesen an sich bestechend einfachen Gedanken möchte der sächsische Umweltminister Frank Kupfer (CDU) zur Befriedung des Wolfskonfliktes nutzen. In Stellungnahmen hat der Landesjagdverband immer wieder versichert, dass er die Rückkehr des Wolfes akzeptiere. Wie weit diese politisch korrekte Verbandsposition auch von den Jägern mitgetragen wird, ist schwer zu sagen. Sie offenbaren nicht gern, was sie denken.

In den ersten Wolfsjahren trat ein Verein "Sicherheit und Artenschutz" ziemlich aggressiv gegen den Wolf auf. Um ihn ist es still geworden. Kupfers Idee, die Jagdfunktionäre beim Wort zu nehmen und die Jägerschaft am Wolfsschutz zu beteiligen, erscheint auf den ersten Blick als kluger Schachzug.

Der Minister hat allerdings übersehen, dass es für die Naturschützer, insbesondere für den Naturschutzbund Deutschland (Nabu), nicht um eine Frage pragmatischer Konfliktbewältigung geht, sondern ums Ganze. Der Wolf soll eine Bresche ins bestehende Jagdrecht schlagen, den Jägern sollen Kompetenzen genommen, nicht neue übertragen werden.

Der Naturschutz, nicht die Jagd soll letztlich die Hoheit in Wald und Flur haben. Deshalb darf es aus Sicht des Nabu keine jagdrechtliche Zuständigkeit für den Wolf geben. In diesem politischen Machtkampf geht es längst nicht mehr darum, was für den Wolf das Beste wäre.

Auch Wotschikowsky lehnt derzeit eine Übernahme des Wolfes ins Jagdrecht ab. Sie wäre, sagt er, das falsche Signal. Wolfsromantiker und Wolfshasser würden daraus doch nur die Botschaft entnehmen, dass der Wolf jetzt gejagt werden dürfe, und nur noch erbitterter aufeinander eindreschen. Außerdem sei die deutsche Wolfspopulation noch weit von jenem "guten Erhaltungszustand" entfernt, den Naturschutzgesetze zur Voraussetzung der nachhaltigen Nutzung einer Art machen. Irgendwann, sagt Wotschikowsky, gehöre der Wolf ins Jagdrecht. Aber das sei ferne Zukunftsmusik.

Jäger gegen Naturschützer

Wie schätzt er die Haltung der Jäger ein? "Wenn die große Mehrheit der Jäger so wäre, wie manche Naturschützer ihnen unterstellen, hätten die Wölfe in der Lausitz keine Chance", sagt Wotschikowsky. Der Nabu, schreibt er in einem offenen Brief, "hat sich von der sachlichen Argumentation verabschiedet und verfällt zunehmend in reine Klientelpolitik. Diese Klientel sieht im Wolf eine Art Heiligtum, das unter keinen Umständen angerührt werden darf. Dabei scheint ihm jedes noch so abwegige Argument recht." Der Verband führe einen "Privatkrieg" gegen die Jäger und unterstelle ihnen andauernd, dass sie dem Wolf "sofort ans Leder" wollten.

Es sind allerdings nicht nur Naturschutzfunktionäre, die Zweifel an der Wolfstoleranz der Jägerschaft hegen. Franz Graf von Plettenberg, Leiter des Bundesforstamtes Lausitz und damit schon von Berufs wegen Jäger, stöhnt, wenn man ihn auf diese Frage anspricht. Hochintelligente Leute, sagt er, legten ihren ökologischen Verstand ab, wenn sie in den grünen Rock schlüpften. Verstocktheit begegne ihm, wenn er auf den Versammlungen der Hegegemeinschaften über Wolf und Wild referiere. Mühselig sei die Überzeugungsarbeit und bisher noch nicht von Erfolg gekrönt.

Was weiß man über die Auswirkungen der Wölfe auf den Wildbestand in der Lausitz? Ulrich Wotschikowsky ist dieser Frage im Auftrag des von den Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt vor acht Jahren gegründeten "Wildbiologischen Büros Lupus" nachgegangen. Die beiden "Lupinen", wie sie in der Region und inzwischen darüber hinaus genannt werden, sind Schlüsselfiguren der jüngsten deutschen Wolfsgeschichte.

In der Schorfheide nördlich von Berlin warteten sie Ende der 90er-Jahre auf die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland. Als die Wölfe sich einen anderen Weg suchten und sich in der sächsischen Lausitz niederließen, zogen die beiden mit Sack und Pack dorthin und gründeten ihr Unternehmen. An ihren Forschungsergebnissen und Empfehlungen orientiert sich das Wolfsmanagement überall in Deutschland.

Wo, wie in der Lausitz, viel Schalenwild vorkommt, ernährt sich der Wolf fast ausschließlich davon. Man sollte annehmen, dass er dadurch den Ertrag menschlicher Jagd empfindlich schmälert. Dem ist aber bisher in der Lausitz nicht so. Stellt man die Entwicklung der Jagdstrecken in Sachsen und im Wolfsgebiet in Kurven dar, sieht man, dass sich die Linien weitgehend parallel bewegen. Auch wo der Wolf jagt, gab es wie überall seit etwa 2000 eine Explosion der Schwarzwildbestände, bedingt durch milde Winter, hohes Nahrungsangebot im Wald und vermehrten Maisanbau im Feld.

Der witterungsbedingte Einbruch nach dem Winter 2006/07 zeichnet sich im Wolfsgebiet ebenso ab wie im gesamten Land. Ähnlich sieht es bei Reh- und Rotwild aus. Beim Rotwild stieg die Jagdstrecke in der Lausitz bis 2006 sogar deutlich, während sie im Freistaat insgesamt leicht sank.

Die Zusammensetzung der Wolfsnahrung wurde, wie schon gesagt, am Naturkundemuseum in Görlitz untersucht. Wotschikowsky hat diese analysiert. Unter der – großzügigen – Annahme, dass ein Wolf etwa 1500 Kilogramm tierischer Biomasse im Jahr verzehrt, bedeutet das in der Lausitz, dass er jährlich 62 Rehe, 14 Wildschweine und neun Stück Rotwild reißt. Ein Rudel aus Elternpaar, Jährlingen und heranwachsenden Welpen kommt auf etwa 500 Stück Schalenwild im Jahr – in einem Streifgebiet, das etwa 250 bis 300 Quadratkilometer, also 25.000 bis 30.000 Hektar groß ist.

Auf einer solchen Fläche, sie macht etwa 50 bis 60 durchschnittliche Jagdreviere aus, erlegen menschliche Jäger in der wildreichen Lausitz etwa zehnmal so viel Wild. Es gibt also bislang keine Anhaltspunkte dafür, dass der Wolf die Jagd wesentlich beeinträchtigt oder gar, wovon Wolfsromantiker träumen, den Jäger mit der Büchse ersetzen könnte.

Mit Zukunftsprognosen ist Wotschikowsky allerdings vorsichtig. Die Faktenbasis seiner Schätzungen ist dünn und zu komplex die Beziehung zwischen Beutegreifern und Beutetieren. Die aus der Sicht der Jäger bislang relativ günstige Entwicklung kann darauf zurückzuführen sein, dass die Jagd bisher den tatsächlichen jährlichen Zuwachs der Schalenwildbestände nicht abgeschöpft hat, also Reserven in der Population steckten. Sind die aufgebraucht, könnte sich der Teil, den sich der Wolf holt, drastischer auf das auswirken, was dem Jäger bleibt. Beim Reh, der Hauptnahrung des Wolfes, müssen die Jäger jetzt schon empfindliche Einbußen hinnehmen.

Das Leben der Wölfe zu erforschen, ist mühsam

Jagd ist in der Lausitz nicht in erster Linie ein teures, prestigeträchtiges Hobby, bei dem die Ausgaben in keinem Verhältnis zu den Einnahmen stehen. Die Pachtpreise sind niedrig. Sie liegen bei 1,50 bis 4 Euro pro Hektar. In Westdeutschland zahlt man für entsprechende Reviere leicht das Zehnfache. Jäger pachten in der Lausitz ein Revier auch wegen der Aussicht, damit einen Nebenverdienst aus dem Verkauf von Wildbret zu erwirtschaften. Wenn einer dann nur noch halb so viele Rehe als Weihnachtsbraten verkaufen kann, dann ist das eine spürbare finanzielle Einbuße.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sind Schäden durch den Wolf nichts prinzipiell anderes als die Schäden, die das Schwarzwild auf den Feldern oder Reh und Hirsch in den Forsten anrichten. Jagd ist neben allem anderen eben auch eine wirtschaftliche Unternehmung. Schäden an Feld oder Vieh, an Eigentum also, können allerdings ersetzt werden. Das Wild ist "herrenloses Gut", solange der Jäger es nicht erlegt hat. Er hat keinen Anspruch auf Ersatz, wenn es seltener wird. Das ist der Lauf der Natur.

Beim Wolf gilt, dass der Natur ihr Lauf gelassen werden muss. Sein Schutzstatus verbietet es, ihn zu "steuern", ihn aus bestimmten Gebieten herauszuhalten und "Wolfsgebiete" auszuweisen, wie es etwa auch Rotwildgebiete gibt. Umso wichtiger ist es abzuschätzen, wohin der Wolf läuft, wie seine Verbreitungswege sind. Das ist eine der Forschungsaufgaben, an denen das Büro Lupus im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz arbeitet.

Die Arbeit ist mühsam. Man muss Wölfe einfangen, um sie mit Sendern zu versehen, was einfacher gesagt als getan ist. Dann müssen die Sender auch so funktionieren, wie sie sollen, und es ist von Vorteil, wenn sie nicht an einem Wolf hängen, der überfahren am Straßenrand liegt. Die bisher gesammelten Daten sind noch spärlich. Immerhin konnten die beiden Wolfsforscherinnen aus Spreewitz zwei Beispiele extrem unterschiedlichen Wanderverhaltens dokumentieren. Ein Sohn von Einauge aus Nochten zog bis nach Weißrussland. Ein anderer blieb in unmittelbarer Nachbarschaft von Mama.

Ein dichteres Bild der Wolfsbewegungen sollen 500 Kotproben liefern, die gekühlt der genetischen Analyse harren. Das Senckenberg-Institut im hessischen Gelnhausen hat dafür jetzt den Auftrag bekommen. Aus dem Kot soll herausgelesen werden, wie die Wölfe in Deutschland miteinander verwandt sind, ob die Zuwanderer etwa in Niedersachsen oder Hessen tatsächlich von Wölfen der Lausitz abstammen oder direkt aus Polen gekommen sind. Wenn alle mitmachen, sagt Ilka Reinhardt, dann könnte so etwas wie eine genetische Wolfskarte Deutschlands erarbeitet werden.

Deutschland, einig Wolfsland. In Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist ihre dauerhafte Anwesenheit Realität. In Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen rechnet man damit, dass aus Einzeltieren Paare und Rudel werden. Die entsprechenden Managementpläne jedenfalls sind schon geschrieben. In den Westen Deutschlands könnten Wölfe der italienisch-französischen Population über die Alpen und die Vogesen einwandern, also auch etwa ins dicht besiedelte Nordrhein-Westfalen. In Einzelfällen ist auch das schon geschehen. Deutschland würde zur europäischen Wolfsdrehscheibe. Seine Mittellage ist nun einmal sein Schicksal.

Der Wolf als eine Art Absolution auf vier Pfoten

Die Rückkehr der Wölfe ist ein leises und doch spektakuläres Naturereignis. Wer hätte damit gerechnet, dass am Beginn des 21. Jahrhunderts der Wolf in Europa so viel Aufmerksamkeit für sich beanspruchen kann? Eigentlich steht die Epoche doch im Zeichen der rasenden Beschleunigung und Verdichtung von Verkehr und Kommunikation, der Urbanisierung, der technologischen Umwälzung.

Die Menschen erleben oder erleiden einen nie da gewesenen Modernisierungsschub. Und in diesem Moment beginnen die Wölfe wieder zu heulen? Manche verstört das. Viele aber fühlen sich getröstet. Sie lesen die Rückkehr der Wölfe als Zeichen dafür, dass die Natur dem Menschen nicht auf Dauer verübelt, was er ihr angetan hat: der Wolf als eine Art Absolution auf vier Pfoten.

Man kann es auch nüchterner sehen: Er nutzt seine Chancen, seit er nicht mehr verfolgt wird. Als Lebensraum braucht er nicht die entlegene Wildnis. Im Gegenteil: Sein Erfolg in der Evolution beruht auf seiner Anpassungsfähigkeit. Er ist ein Generalist und damit der Gegentyp zum traurigen Panda, der ohne seine Bambussprösslinge nicht sein kann. Wenn die Jäger, von denen alles abhängt, mitspielen, wird er sich weiter verbreiten.

Die Begegnung mit einem Wolf wird für den normalen Wanderer und Spaziergänger zwar die absolute Ausnahme sein. Aber für den Fall der Fälle wird er eines der unzähligen Wolfsfaltblätter im Gepäck haben, in denen steht, dass Wölfe dem Menschen in der Regel aus dem Weg gehen. Hält der Wolf es einmal anders, soll man laut sprechen und keinesfalls davonlaufen. Folgt der Wolf dem Spaziergänger wider Erwarten, ist er von diesem anzuschreien, gegebenenfalls mit Gegenständen zu bewerfen. Spätestens dann wird er sich verziehen. Nein, Angst muss wirklich niemand mehr vor dem bösen Wolf haben.

An Einauge geht der Rummel um die Wölfe völlig vorbei. Ihr Humpeln ist stärker geworden. Sie hat Schmerzen. Es fällt ihr schwer, genügend Fraß für die Welpen herbeizuschaffen. Vielleicht ist das ihr letzter Sommer. Das wäre dann ein langes Wolfsleben gewesen, in Deutschland begonnen und in Deutschland beendet. Niemand kann ihr das Heimatrecht absprechen.

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