Drogenbeauftragte

Internetsucht auf Niveau von Cannabis-Konsum

Mehr als eine halbe Million Deutsche sind internetsüchtig. Damit liegt der Anteil auf dem Niveau der Cannabis-Konsumenten. Besonders gefährdet sind Jugendliche. In ihrem Verhalten unterscheiden sich Mädchen und Jungen deutlich.

In Deutschland gibt es neuen Schätzungen zufolge mehr Internetsüchtige als Glücksspielabhängige. Rund 560.000 Menschen in Deutschland sind vom Internet abhängig. Dies geht aus einer repräsentativen Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums hervor, die die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) am Montag in Berlin vorstellte.

Demnach müssen ein Prozent der 14- bis 64-Jährigen (4,6 Prozent) zwanghaft täglich mindestens vier Stunden online gehen. Das sind etwa so viele Menschen, wie hierzulande Cannabis konsumieren. Bei den Glücksspielsüchtigen liegt der Anteil bei 0,3 bis 0,5 Prozent, also bei rund 250.000 Personen.

Bei Jugendlichen ist die Online-Sucht stärker ausgebreitet als bei Älteren. 2,4 Prozent der 14- bis 24-Jährigen sind internetabhängig. 13 Prozent gelten als problematisch in ihrer Internetnutzung, ergab die Befragung von 15.000 repräsentativ ausgewählten Personen. Vier Prozent von ihnen können sich nicht freiwillig vom Netz lösen. Die Studie liefert erstmals verwertbare Daten zu diesem Phänomen.

Mit einem Bevölkerungsanteil von einem Prozent reihen sich die Internetabhängigen ein zwischen Glücksspielern, Alkoholikern und Drogensüchtigen. Nach Angaben von Studienleiter Rumpf sind deutschlandweit 1,4 Prozent der Bevölkerung alkoholsüchtig. Dyckmans sagte, dass die Zahl der Internetsüchtigen auf dem Niveau der Cannabiskonsumenten liege. Dies sei „besorgniserregend“.

Die Folgen der Sucht reichen von Kontrollverlust bis zu Entzugserscheinungen wie zum Beispiel Angst. Internetsüchtige lebten nur noch in der virtuellen Welt des Netzes, gingen teilweise nicht mehr zur Schule oder zur Arbeit und vernachlässigten ihre realen sozialen Kontakte, sagte Dyckmans. In besonders schweren Fällen werde auch die eigene Körperhygiene vernachlässigt.

Der Autor der Studie „Prävalenz der Internetabhängigkeit (Pinta), der Suchtforscher Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck, wies darauf hin, dass es bislang keine wissenschaftliche Definition von Internetsucht gibt. Die Folgen seien aber vergleichbar mit denen von Alkohol- oder Drogensucht. Abhängige verbrächten rund vier Stunden täglich im Internet, gefährdete Personen rund drei Stunden.

Männer bevorzugen Spiele, Frauen Facebook

In der Regel sind Männer häufiger internetsüchtig als Frauen. Bei den ganz jungen Nutzern dreht sich das Verhältnis jedoch um. In der Gruppe der 14- bis 16-Jährigen sind 4,9 Prozent der Mädchen und nur 3,1 Prozent der Jungen internetabhängig. Bei den bis 24-Jährigen ist das Verhältnis gleich. Bei Frauen spielen mit 77 Prozent soziale Netzwerke wie Facebook oder SchülerVZ die Hauptrolle, während bei jungen Männern Computer-Spiele einen hohen Stellenwert einnehmen.

Rumpf wies darauf hin, dass die Therapie von Internetsüchtigen sehr schwierig sei, weil eine komplette Abstinenz in der Regel aus beruflichen Gründen nicht möglich sei. Es müsse eine kontrollierte Nutzung des Internets erlernt werden. Ist jemand nach einem bestimmten Spiel süchtig, muss der Gebrauch allerdings verboten werden. Auch die ständige Verfügbarkeit etwa durch Flatrates - unbegrenztes surfen für einen Festpreis – spiele bei der Sucht eine große Rolle. Ein Verbot der Flaterates sei aber keine Lösung.

Dyckmans verwies auf einen neuen Ratgeber der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für Eltern von Internet-Sucht gefährdeten Kindern.

Mehr Infos unter: www.drogenbeauftragte.de

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