Psychologie

Phänomen Internetsucht – und was dagegen hilft

Zwei Millionen Menschen in Deutschland sind internetabhängig – sie verbringen durchschnittlich mehr als 15 Stunden am Tag vor dem PC. Dabei befriedigen sie nicht nur ihre Chat- oder Online-Sex-Sucht. Was viele zu spät merken: Die Sucht schadet nicht nur den Betroffenen. Eine Praxis soll helfen – virtuell natürlich.

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Sobald man die Beratungspraxis betritt wird man von der Sekretärin mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. Ein anderer Patient hat bereits auf einem der brauen Sessel Platz genommen. Auf seinem Schoß befindet sich ein Laptop, mit dem er sich die Zeit bis zu seinem Termin vertreibt. Auch er lächelt. Alles sieht aus wie in einer normalen Sprechstunde, doch befindet man sich nicht in einem realen Raum, sondern in der ersten virtuellen Beratungspraxis für Onlinesüchtige. In dieser können sich dreimal die Woche Internetsüchtige und ihre Angehörigen mit anderen Betroffenen austauschen. Die Teilnahme daran ist anonym, kostenlos und prinzipiell für alle Interessierten im deutschsprachigen Raum zugänglich. Parallel dazu sind auch individuelle Beratungen möglich.

Offiziell ist Internetsucht noch nicht als Krankheit oder eigenständige psychische Störung anerkannt. Deswegen werden Behandlungskosten nur in Ausnahmefällen erstattet. Dabei sind laut verschiedener Studien zwei Millionen Deutsche internetabhängig. Als abhängig gelten Alle, die neben Arbeit oder Schule mehr als 35 Stunden pro Woche im Internet verbringen. Bei vielen ist das Internet Hauptbestandteil ihres Lebens geworden.

Nach Angaben von „Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige 2007 e.V.“ (HSO) ziehen sich Onlinesüchtige immer mehr aus dem realen Leben zurück und kapseln sich von ihren Freunden und ihrer Familie zunehmend ab. Somit trifft die Sucht nicht nur die Abhängigen, sondern auch deren Angehörige. Denn die wissen oft nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen und ihre Partner von der Sucht befreien können. Meist wird nach und nach auch der Job vernachlässigt.

Die Gründe für Onlinesucht sind noch eindeutig geklärt. Nach einer Studie der Uni Hannover leiden viele unter Depressionen, Angsterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen. Es kann bisher noch nicht eindeutig definiert werden, ob überdurchschnittlicher Internetkonsum wirklich als Sucht bezeichnet werden kann ob sich hinter überdurchschnittlichem Internetkonsum psychische Störungen verbergen.

„Onlinesucht kann jeden treffen, unabhängig von Geschlecht, Alter, beruflicher, sozialer oder gesellschaftlicher Stellung“, sagt die ehemalige Internetsüchtige Gabriele Farke. Sie ist die Vorstandsvorsitzende von HSO. Der Verein wurde vor zehn Jahren gegründet und zählt heute nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Vereinsmitglieder. Ein zentrales Angebot des Webportals ist das Forum: Hier schreiben Betroffene und Angehörige anonym über ihre Probleme, suchen Rat, geben Tipps oder führen ein Tagebuch darüber, wie und ob sie einen Ausstieg aus der Onlinesucht schaffen.

Die meisten Internetsüchtigen sind Erwachsene. Dabei gibt es zwei Formen vorherrschende der Abhängigkeit. „Die Internet-Chatsucht kommt am häufigsten bei Frauen ab 30 Jahren vor“, so Farke, „und Online-Sexsucht vor allem bei Männern. Viele sind Studenten unter 30 Jahren."