Biologie

Der berühmteste Schmarotzer der Tierwelt

Kaum jemand, der nicht Ornithologe ist, hat ihn je gesehen. Doch sein Name ist sein Ruf: Kuckuck. Er ist der bekannteste Parasit der Tierwelt, weil er seine Eier in fremde Nester legt und die Aufzucht den anderen überlässt. In unseren Breitengraden treibt es der Brutparasit allerdings besonders wild.

Foto: Joachim Moog / PA

Zu Millionen ziehen sie jetzt durch die Frühlingsnächte nordwärts. Vorhuten des großen Fluges sind schon eingetroffen. Wer um das Mittelmeer herum überwintert hat, ist wie die meisten Rotkehlchen schon da. Die perlenden Triller, die auch gegen Abend aus dem Buschwerk quellen, stammen von ihnen. Längst singen sie auch in den Städten, wie die Amseln, die ihren Gesang bereits in den späten Nachtstunden beginnen.

Von April bis Anfang Mai treffen dann auch jene Sänger ein, die im tropischen Afrika überwintert hatten. Nachtigallen schluchzen wieder, wo es sie noch gibt. In den Röhrichten an den Gewässern schnarren die Rohrsänger, und in den Auwäldern flötet der Pirol. Ein anderer Rufer ist dann auch wieder da. Zu den Singvögeln gehört er nicht. Und doch ist er mit ihnen auf Gedeih und Verderb verbunden.


Jeder kennt seinen Ruf. Kaum jemand, der nicht als Ornithologe mit Fernglas draußen ist, hat ihn aber gesehen. Sein Name ist sein Ruf: Kuckuck. Mitte bis Ende April kommt er aus Afrika zurück, bei gutem Wetter manchmal auch früher. Wenn die Auwälder einen grünen Schimmer haben, wird sein Ruf weithin schallen.


Mitzählen, rieten früher die Bäuerinnen ihren Mägden. Denn je öfter der Kuckuck ruft, desto mehr Geld soll es geben. Eine andere Version rückte in den Vordergrund. Zu nahe sollte er nicht kommen, dieser „andere Kuckuck“; schon gar nicht ins Haus oder in die Wohnung, denn dann wären sie gepfändet.

Kleinvögel stürzen sich auf ihn, sobald sie ihn erblicken

Zu nahe kommt einem der scheue Vogel draußen in der Natur nicht. So laut er auch ruft, so gut weiß er sich versteckt zu halten. Nicht weil er die Menschen fürchtet, sondern der anderen Vögel wegen. Die Kleinvögel hassen ihn so sehr, dass sie sich auf ihn stürzen, wo immer sie ihn entdecken. Ausgestopften Kuckucken reißen sie die Federn aus. In gerechtem Zorn, möchte man meinen. Aber was ist schon gerecht in der Natur? Schließlich sind es die Kleinvögel, die auf den Kuckuck hereinfallen. Wären sie klüger, gäbe es ihn gar nicht.

Denn dieser Kuckuck, den wir „unseren Kuckuck“ nennen, ist der extremste Brutparasit unter den rund 140 Arten von Kuckucksvögeln. Auf allen Kontinenten, die eisige Antarktis ausgenommen, kommen sie vor. Eine Art, der Rennkuckuck von Mexiko und Arizona, läuft so schnell und so komisch, dass er Vorbild für eine Comic-Figur („Road Runner“) geworden ist. Südamerikanische Verwandte leben in Großfamilien. Nur das Führungspaar der Gruppe brütet. Alle zusammen ziehen die Jungen groß. Zum Nächtigen rücken sie in einer Schlafreihe zusammen. Tagsüber trillern sie fast unentwegt. In Gruppen leben auch die schwarzen Ani-Kuckucke Amerikas. Vom Vieh, auf dem sie herumklettern, zwicken sie mit Hingabe solche Zecken ab, die sich schon mit Blut vollgesaugt haben.

Knapp die Hälfte der Arten von Kuckucken legt Eier in fremde Nester. Keine geht allerdings dabei so rabiat vor wie unser Cuculus canorus. In Vogelbüchern des 19.Jahrhunderts ist über ihn zu lesen: „Der Kukuk spricht von sich selbst und ist deshalb auch Jedermann bekannt, freilich mehr dem Namen nach als hinsichtlich seiner Gestalt und seines Wesens.“ „Über die geistigen Begabungen des Kukuks ist wenig Gutes zu sagen. Er ist sehr unliebenswürdig.“ „Zur Brutzeit geberdet er sich wie rasend, eifersüchtig toll. Es ist höchst wahrscheinlich, dass er nicht einmal in strenger Ehe lebt, sondern jedes Weibchen annimmt, dessen er habhaft werden kann. Fressen, Schreien und mit Anderen seiner Art zanken heißt bei ihm Leben.“ In der Antike glaubte man, der Kuckuck würde sich im Herbst in einen Sperber verwandeln und nun seine eigenen Zieheltern jagen und auffressen. Einen guten Leumund hat er wahrlich nicht. In geduldiger Forschungsarbeit wird nach und nach aufgedeckt, wie der Kuckuck wirklich lebt.

Erstaunliches kommt dabei zutage. An ihm allein ließe sich fast die ganze Biologie der Vögel aufrollen. Seine Rufe schallen weit und signalisieren den Kuckucksweibchen, wo sich Männchen aufhalten. Die Weibchen scheinen dafür nur ein Lachen übrig zu haben, so klingt – für uns – ihr Ruf. Doch wenn sie sich damit melden, kommen oft gleich mehrere Männchen angeflogen. Ihre Rufe überstürzen sich vor Erregung. Denn jetzt sind sie zur Paarung gefordert. Die Weibchen entwickeln nach und nach bis zu 20 Eier, und jedes muss zum gerade passenden Zeitpunkt befruchtet werden. Daher haben sie oft Männerbedarf.

Nicht jedes Kuckucksei bleibt unentdeckt

Die starke Verkleinerung der Kuckuckseier passt nicht nur gut zu den Gelegen der Singvögel, sondern die Kuckucksweibchen können so mehr Eier produzieren und diese besser streuen. Denn nicht jedes Kuckucksei bleibt unentdeckt. Wird es von der Wirtsvogelart angenommen, schlüpft der Jungkuckuck meist zuerst. Dann schiebt er in einem anstrengenden Balanceakt die Wirtsvogeleier mit seinem Rücken zum Nestrand hoch und wirft sie hinaus. Sollten die Jungen der Wirtsart schon im Nest sein, ergeht es diesen genauso. Selbst wenn die Eltern zusehen, kapieren sie nichts. Der Wechselbalg fesselt sofort ihre Aufmerksamkeit mit heftigem Betteln. Das macht er so intensiv wie eine ganze Singvogelbrut. Zudem ist sein Rachen tief blutrot gefärbt. Dieses Signal drückt beste Gesundheit aus, weil das Rot nicht vom Blut stammt, sondern von Carotinoiden, die als Farbstoffe den Dotter gelb machen. Den kleinen Vogeljungen verleihen sie einen Immunschutz. Wer davon wenig oder nichts verbraucht hat, ist kerngesund. Sogar fremde Vögel, die vorbeikommen, fallen auf dieses starke Signal herein und füttern den jungen Nimmersatt.

Er wächst und wächst. Bald wird er zu groß für das Nest. Winzlinge wie der Zaunkönig müssen ihm nun auf den Kopf fliegen und mit einer tiefen Verbeugung das Futter in seinen Rachen stecken. Wochen über die Zeit hinaus, bei der die Jungen der Wirtsart flügge werden würden, lässt sich der Kuckuck weiter füttern. Die weiblichen Jungkuckucke lernen die Wirtseltern genau kennen, während sie abspecken, bis sie flugtauglich geworden sind. Im nächsten Jahr werden sie sodann die Vogelart suchen, von der sie großgezogen wurden. So kommen die Wirtsrassen des Kuckucks zustande.

Bestimmte Vogelarten werden bevorzugt

Bevorzugt werden bei uns Rohrsänger, Heckenbraunelle und Bachstelze sowie einige andere Singvögel, die gut zugängliche Nester bauen und ihre Jungen mit Kleininsekten füttern. Rohrsänger eignen sich am besten dafür. Ihre Nester hängen im schwankenden Schilf recht stabil. Das Kuckucksweibchen kann sie schon von den ersten Baustadien an gut unter Kontrolle halten, weil das Röhricht übersichtlicher ist als der Dschungel eines Auwaldes. Die Rohrsänger füttern ihre Jungen mit sehr bekömmlicher Nahrung. Denn all die kleinen Insekten, die aus dem Wasser kommen, weil ihre Larven darin leben, enthalten keine Gifte. Zudem schwärmen sie bei Regenwetter, wenn in Wald und Flur Insekten knapp sind. Wer so schnell wachsen muss wie ein Jungkuckuck, braucht gute Kost.

Alles bestens, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Der Kuckuck darf seine Wirte nicht zu sehr schädigen. Nicht einmal zehn Prozent der Nester kann er nutzen. Nur dann bleiben die von ihm verursachten Verluste gering genug. Der Witterung und den Feinden fallen mehr zum Opfer. Der Kuckuck schmuggelt sich hinein in die „Grauzone“ der ohnehin vorkommenden Nestverluste. Außerdem nehmen es die Wirtsvögel mit der Partnertreue nicht allzu genau. Manches Vogelmännchen zieht Junge groß, die einen anderen Vater haben. Fremdgehen gehört zum Vogelleben; da kann sich ein ganz Fremder leicht einklinken. Die Ungewissheit, wer der Vater ist, nutzt der Kuckuck bei seinen Wirtsvögeln aus. Für die Weibchen lohnt es nicht, die eigenen Gelege zu kritisch zu betrachten. Würden sie grundlos ihr Gelege aufgeben, das sie ein Drittel oder gar die Hälfte ihres eigenen Körpergewichtes gekostet hat, schädigten sie sich selbst. Dem bloßen „Verdacht“ steht das Risiko gegenüber, eine hohe Eigeninvestition zu verlieren. Singvögel, die nur eine Brut pro Sommer schaffen, reagieren daher eher als solche mit zwei oder drei Bruten im Jahr und sehr selten vom Kuckuck Heimgesuchte überhaupt nicht.

Warum aber ist ausgerechnet unser Kuckuck so „extrem“?

In unseren Breiten gibt es im Frühsommer weit mehr Kleininsekten, als die Vögel verzehren können. In Regionen, wo diese rar sind, lohnt der Brutparasitismus nicht und fehlt, wie bei den Kuckucken in Südamerika. Die dortigen Kuckucke mühen sich damit ab, unter den vielen giftigen oder schlecht schmeckenden Insekten die geeigneten herauszusuchen. Denn die Schwachstelle im Kuckucksleben sind die Jungen. Diese können mit ihren empfindlichen Mägen keine Raupen mit langen, gefährlichen Haaren verzehren. Die erwachsenen Kuckucke tun das – und würgen von Zeit zu Zeit die ganze Magenschleimhaut wieder aus, in der all die Haare stecken bleiben. Es ist die Knappheit an guten Insekten, die in den Tropen und Subtropen die Kuckucke zum gemeinschaftlichen Brüten zwingt oder als Alternative zum Brutparasitismus führt. Alle Stadien des Übergangs gibt es dabei.

Unser Kuckuck konnte der extremste Brutschmarotzer werden, weil er von den Tropen aus als Zugvogel den Kleinvögeln nach Europa und Nordasien in die für ungiftige Kleininsekten besten Regionen überhaupt folgt. Was geschieht aber, wenn seine Wirtsarten selten werden? Genau das ist das Problem des Kuckucks in unserer Zeit. In diesem Jahr wurde er zum „Vogel des Jahres“ ernannt, weil seine Rufe immer seltener zu hören sind. Die Abnahme der Rohrsänger ist der Hauptgrund dafür. Die Abwasserreinigung hat unsere Gewässer sauberer gemacht. Die Menge der Kleininsekten nahm ab und mit ihnen die Rohrsänger. Der Kuckuck muss wechseln. Auswahl hat er noch, aber sie wird knapper.

Vielleicht kommt er bald auch in die Städte. Seine Rufe wären uns als sichere Zeichen für den Frühling willkommen. Sein Ruf hat sich gewandelt. Wir staunen heutzutage über seine Lebensweise. Gibt es eine interessantere Vogelart als den Kuckuck?

Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe lehrt als Professor Naturschutz an der Technischen Universität München und leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München.

Zuletzt erschienen: „Kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“ (2007) und „Ende der Artenvielfalt?“, beide im Fischer-Verlag.