Vogelsterben

In Deutschland gibt es immer weniger Spatzen

Spatzen gibt es massig - sollte man meinen. Tatsächlich ist die Zahl der Haussperlinge in Deutschland je nach Bundesland um bis zu 50 Prozent zurückgegangen. Ausnahme: Berlin. Trotzdem ist der Rückgang insgesamt so gravierend, dass die kleinen Vöhel demnächst wohl als gefährdet in die Rote Liste aufgenommen werden.

Foto: pg/dvb / DDP

Eigentlich gibt es jede Menge von ihnen: Etwa fünfeinhalb bis elf Millionen Spatzenpaare flatterten zuletzt durch Deutschlands Lüfte. Genauer können es die Vogelkundler nicht abschätzen, aber jeder Wert dazwischen wäre statthaft. Und trotzdem: Die Zahl der Haussperlinge, so lautet der korrekte Name des Spatzen, nimmt stetig ab. Gegen die Ursachen kann der einzelne Bürger nichts unternehmen. Mithelfen, einen weiteren Rückgang zu verhindern, kann er aber durchaus.

Um das Ermitteln der Verbreitungszahlen kümmern sich die Experten vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA). Basis sind Programme zur Erfassung, an denen sich rund 5000 freiwillige Helfer beteiligen. Demnach weist die Kurve für den Spatzen eindeutig abwärts: In den meisten Bundesländern ging der Bestand zwischen 1980 und 2005 um 21 bis 50 Prozent, in Bremen sogar um mehr als 50 Prozent zurück. Nur in Berlin ist die Lage stabil, und in Schleswig-Holstein hat sie sich positiv entwickelt.

Mittlerweile steht der Haussperling auf der Vorwarnliste zur Roten Liste der Brutvögel Deutschlands. Auch in deren neuester Version, die noch diesen Sommer veröffentlicht wird, ist er verzeichnet. „Und wenn sich die Situation so weiterentwickelt, müssen wir überlegen, ihn in Kategorie 3 der Roten Liste zu nehmen“, sagt Christoph Sudfeldt vom DDA mit Sitz in Münster. Dann wäre er offiziell „gefährdet“.

Weshalb hat es der Spatz immer schwerer zwischen Usedom und dem Bodensee? „Seine Situation steht und fällt mit den Nistmöglichkeiten, und da ist ihm in den vergangenen Jahren vieles verloren gegangen“, sagt Markus Nipkow, Vogelexperte beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) in Bonn. Früher habe es an vielen Häusern Nischen, Löcher in Mauern oder auch lose Dachpfannen gegeben – und damit Möglichkeiten in Hülle und Fülle für den Höhlenbrüter, Nester zu bauen.

Die Tatsache, dass das heute immer seltener der Fall ist, hat eine simple Ursache. Mehr und mehr Eigentümer lassen ihre Häuser sanieren - aus gutem Grund: Eine gedämmte Fassade und ein dichtes Dach senken die Heizkosten, was die Umwelt und das Klima schont. Platz für den Spatz ist an solchen Häusern allerdings nicht mehr. Mit Hilfe des Umkehrschlusses lässt sich die relativ entspannte Lage des Singvogels in Berlin erklären: Hier sind noch viele Häuser unsaniert.

Problem Nummer zwei ist: Die Nahrung für den Nachwuchs wird immer knapper. Haussperlings-Babys sperren ihre Schnäbel für Eiweißreiches wie Blattläuse, kleine Käfer oder Larven auf, sagt Birgit Radow von der Deutschen Wildtier Stiftung in Hamburg, die jüngst die Kampagne „Rettet den Spatz“ gestartet hat. Und das Angebot an derlei Futter nimmt ab. „Die Spatzen haben früher davon profitiert, dass gerade auf Dörfern fast jeder Kleintiere hatte“, sagt Sudfeldt – rund um den Hühner- oder Hasenstall kreucht und fleucht es automatisch.

„Das Problem für den Spatzen ist offenbar, dass sie sehr stark an den Menschen gebunden ist“, sagt Birgit Radow. Der Haussperling ist ein „Kulturfolger“: eine Art, die sich durch das Wirken des Menschen grundsätzlich positiv entwickelt – oder in diesem Fall: die sich bis zu den 70er Jahren positiv entwickelt hat.

Ganz ähnlich sieht es bei den Mauerseglern sowie den Mehl- und den Rauchschwalben aus, wie Markus Nipkow erläutert: Auch sie brüten an Gebäuden, und auch sie stehen auf der Vorwarnliste. Dagegen haben die neben dem Spatz hierzulande am weitesten verbreiteten Vögel – Amseln und Buchfinken – solche Probleme nicht.

„Der Buchfink ist eine wenig spezialisierte Art, die vor allem im Wald lebt“, sagt Nipkow. Und in Deutschland gebe es viel Wald. Den Amseln mangelt es vor allem nicht an Nahrung. Sie fressen bevorzugt Regenwürmer – und profitieren davon, dass es in den meisten Gärten zwar keine biologische Vielfalt gibt, aber immerhin ein Stück Rasen, unter dessen Halmen die Würmer kriechen.

Was sollten Hausbesitzer oder Mieter tun, die den stetigen Sinkflug der Spatzen stoppen wollen? Auf Modernisierungen zu verzichten, kann schließlich nicht die Lösung sein. „Es geht um Ersatzlebensräume an sanierten Gebäuden“, sagt Christoph Sudfeldt vom DDA. Damit meint er Nistkästen.

„Die werden zwar nicht ganz so gut angenommen wie ein klassischer Starenkasten, aber sinnvoll sind sie doch“, erläutert Markus Nipkow. Bastelanleitungen oder komplette Kästen bieten der NABU und die Wildtier Stiftung an. Aufgehängt wird ein Kasten idealerweise an einer Südostwand oder zumindest nicht dort, wo er dauerhaft praller Sonne ausgesetzt wäre.