Medizin-Studie

Erst kommt die Abtreibung – dann die Frühgeburt

Gut eine Millionen Schwangerschaften haben drei deutsche Universitäten für eine Gemeinschaftsstudie zum Thema Frühgeburten ausgewertet. Das Ergebnis ist alarmierend: Abtreibungen, Fehl- oder Totgeburten erhöhen bei nachfolgenden Schwangerschaften das Risiko für das Baby, zu früh zur Welt zu kommen.

Foto: hi/sv / dpa

Nach der Analyse der Universitäten Greifswald, Rostock und der TU München liegt die Frühgeborenenrate unvorbelasteter Mütter bei 7,6 Prozent. Nach einer erfolgten Abtreibung klettert sie jedoch auf 8,7, nach zwei und mehr Abbrüchen auf 10,1, nach zwei und mehr Fehlgeburten auf 14,1 und nach einer Totgeburt auf 18,3 Prozent. Die Mediziner werteten für ihre im Fachblatt „Geburtshilfe und Neonatologie“ veröffentlichte Studie gut eine Million Einlingsschwangerschaften der bundesweiten Perinatalerhebung von 1995 bis 2000 aus. Dabei verglichen sie über 800.000 nicht vorbelastete Mütter mit solchen, die eine oder mehrere Abtreibungen hinter sich (52,000), eine Fehlgeburt erlitten (117.000) oder ein totes Kind zur Welt gebracht hatten (3000).

Sie stellten fest, dass die Frühgeborenenrate und damit die Rate Neugeborener, die weniger als 2500 Gramm wogen, mit der Anzahl dieser vorausgegangenen Ereignisse stieg. Nach einer einzigen Abtreibung erhöhte sich das Risiko für eine Frühgeburt um zehn Prozent. Betroffen waren 46026 Mütter. Bei zwei und mehr Abtreibungen erhöhte sich das Risiko um 30 Prozent (6604 Mütter).

Nach einer vorausgegangenen Fehlgeburt erhöhte sich das Frühgeburtsrisiko um 20 Prozent (98393 Mütter), bei zwei und mehr Fehlgeburten sogar um 90 Prozent (19391 Mütter). Eine Totgeburt steigerte das Risiko um 140 Prozent, zwei und mehr Totgeburten um 310 Prozent (3396 Mütter).

Die Analyse bestätigt ältere Studien, unter anderem eine Auswertung von über 100.000 Geburten der Bayerischen Perinatalerhebung des Jahrgangs 1994. Auch dort hatte sich das Risiko analog zur steigenden Anzahl von Abbrüchen erhöht. Darüber hinaus hatten die Forscher damals festgestellt, dass das Risiko zu sehr frühen Frühgeburten wuchs.

Verdacht auf posttraumatische Wirkung

Unklar ist bislang, warum es zu dem erhöhten Risiko kommt. Bei den Abbruchmethoden handelte es sich in der aktuellen Analyse ganz überwiegend um operative Methoden. Eine Vermutung der Ärzte zielt daher auf deren „posttraumatische“ Wirkung: Der Gebärmutterhals könnte nach dessen mechanischer Erweiterung und Ausschabung Durchblutungsstörungen erlitten haben und die Gebärmutterschleimhaut beschädigt worden sein. Auch eine nachträgliche Infektion komme als Ursache in Betracht. Eine Studie aus dem Jahr 2004 konnte bei der Frühgeburten rate keinen Unterschied ausmachen zwischen medikamentösen und chirurgischen Abbrüchen.

Es bestehe weiterhin Bedarf für Forschung nach den „Auswirkungen der unterschiedlichen Abbruchmethoden“ und nach den zugrunde liegenden, „noch mangelhaft verstandenen pathophysiologischen Mechanismen“, betont Studienleiter Manfred Voigt vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Uni Greifswald. Vor allem Frauen über 35 Jahre sollten deshalb, falls sie durch Abbrüche, Fehl- oder Totgeburten entsprechend vorbelastet sind, „Schwangerschaften zurückhaltend planen beziehungsweise intensiv überwachen lassen“. Darüber hinaus empfiehlt Voigt, „den hohen Abbruchraten durch bessere Verhütung vorzubeugen“ und diejenigen Frauen, die am Anfang ihrer Schwangerschaft stehen, „verstärkt zur Mutterschaft zu motivieren“. 2006 wurden in Deutschland knapp 60.000 Babys zu früh geboren. Damit kletterte die seit Jahren steigende Frühgeburtenrate auf neun Prozent. Knapp eine Milliarde Euro jährlich kostet die klinische Frühchen-Versorgung – nicht eingerechnet die Folgekosten.