Clara (15 Monate) hat einen großen Bruder. Er wohnt nur nicht bei ihr, sondern auf dem Friedhof in Karlshorst. In einem Sarg, auf den die Eltern ihm einen Schmetterling gemalt haben. Jakob, das erste Kind, war für sie immer „der Schmetterling“, wenn er im Bauch der Mutter strampelte. Dann wurden die Bewegungen seltener. Er wurde eben ruhiger, dachten die Eltern. Sie liefen zur U-Bahn. Vor der Arbeit, beim Arzttermin, sollten sie das erste 3-D-Bild ihres Kindes sehen. Es war ein klarer Herbstmorgen, die Sonne schien, sagt die Mutter.
Bei der Untersuchung sagte der Arzt: „Das Kind ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht lebensfähig.“ Melanie (28, Studentin Sprach- und Medienwissenschaften) und Axel (35, Cutter, Volontär) schauen sich oft an, wenn sie diese Geschichte erzählen. Jakob war ein Wunschkind. Als die Schwangerschaft sicher war, hatte Alex Melanie ein großes lachendes Gesicht auf den Babybauch gemalt, und sie hatten sich zu dritt fotografiert. Mit dem Bild sagten sie allen Freunden und Verwandten: „Wir sind schwanger!“ Und jetzt sollten sie entscheiden, ob sie die Schwangerschaft abbrechen sollten oder das Baby langsam sterben lassen. Und einen Namen finden, für ein Kind, das nie leben würde.
Als der Arzt Jakobs Eltern sagte, dass ihr Kind keine Chance hatte, brachen sie nicht zusammen. Sie schrien nicht. Sie schauten aus dem Fenster, sagt Axel: „Und unten gingen die Fußgänger, als wäre nichts geschehen. Wir waren auf Zeitlupe, alle anderen liefen normal weiter. Matrix…“ – „Dissoziation“, sagt die Psychiatrie-Professorin Anette Kersting. Wenn der Seele mehr zugemutet wird, als sie tragen kann, bleibt sie einfach still stehen. Professor Kersting hat an der Uni Münster eine Web-Betreuung für trauernde Eltern eingerichtet ( www.internettherapie-trauernde-eltern.de ). Sie hat auch untersucht, wie Eltern nach einer Fehlgeburt leiden, Frauen, 14 Tage danach befragt, und andere, die ihre Babys vor vier bis sieben Jahren verloren haben. Ergebnis: Auch nach vier bis sieben Jahren war bei zwei Drittel der Frauen der Schmerz ebenso groß wie bei der Vergleichsgruppe.
Gedenkseiten im Internet sollen Trost spenden
Die verlorenen Kinder – viele von ihnen leben für die Eltern auch im Internet weiter. Mütter richten Gedenkseiten ein, für ihr „Sternenkind“, sie finden Freunde für das Kleine, das nie lebte, andere Stillgeborene, als gingen sie alle in einen Kindergarten. Sie zeigen virtuelle Geschenke auf den Gedenkseiten, manche bis zum zehnten Geburtstag ihres toten Kindes.
Ist das normal? „Das ist ein Weg, Trauer zu bewältigen“, sagt die Psychiatrie-Professorin: „Nicht zwei Menschen trauern gleich, und wenn es den Eltern hilft…” Und es sind viele Seiten. Max und Mandy und Oskar, nie gelebt, nie vergessen.
Professor Werner Mendling (62), Chefarzt für Gynäkologie der Vivantes-Kliniken Am Urban und im Friedrichshain, kennt seit 35 Jahren die Geschichten der trauernden Eltern. Gerade vor vier Wochen behandelten sie die Frau, die zuerst einen ihrer Zwillinge während der Schwangerschaft verlor, die Ärzte taten alles, das zweite Kind zu retten, die Mutter hoffte. Zwei Tage lang, dann verlor sie auch dieses: „Trösten – kann man da nicht.”
Mendling kennt auch die Zahlen: 2008 gab es in Berlin 30.551 Geburten. 5,2 Prozent der Eltern hatten vorher schon ein Baby während der fortgeschrittenen Schwangerschaft verloren.
Jakobs Eltern haben – später – einen Film gemacht, in dem andere Eltern sprechen, die ihr Kind verloren haben und von Freunden sprechen, die nicht verstehen, warum man um ein Kind trauert, das nie richtig geboren wurde. Viermal dieselbe traurige Geschichte. Und doch ist jede Geschichte anders.
Jakob war 24 Wochen alt, als die Ärzte die Eltern vor die Wahl stellten. Er wuchs kaum, sein Magen war leer … „Wir konnten unser Kind doch nicht verhungern lassen, im Mutterleib”, sagt Axel: „Es klingt vielleicht dumm, aber wir hatten doch eine Fürsorgepflicht.“
Die Geburt wurde eingeleitet. 30 Stunden dauerten die Wehen, dann erblickte Jakob um 22 Uhr nachts nicht das Licht der Welt. Er wurde in ein Tuch geschlagen und aus dem Raum getragen. „Und doch“, sagt Melanie, „du wartest auf den ersten Schrei, auch wenn du weißt: Dein Kind ist tot. Du suchst ihn im Zimmer, unwillkürlich, um zu sehen, ob es ihm gut geht.“ Jakob wog 360 Gramm, war 16 Zentimeter groß – gerade so groß wie die Hand seiner Mutter. Er hatte ein sehr schönes Gesichtchen, die Augen fest geschlossen, als schliefe er tief.
Eine handvoll Fotos bleiben zur Erinnerung
Seine Eltern durften ihr Kind eine Nacht lang bei sich haben, um Abschied zu nehmen. Jakob wurde ihnen im Moseskörbchen, so heißt das, gebracht, sie haben ihn gestreichelt, auch wenn sich das tote Kind so kalt anfühlte, ihn im Körbchen auf den Arm genommen, sie haben gegenseitig Fotos von sich und ihrem Baby gemacht. Man sieht darauf einen Vater und eine Mutter, die ihr Kind sehr zärtlich anschauen.
Die Eltern fragen, ob man die Fotos ertragen kann, bevor sie sie zeigen – und das Baby ist süß. Es ist nur tot. Ein bisschen Erinnerung, wenigstens. Sie haben ja sonst nichts, die Eltern der Kinder, die nie gelebt haben. Nur die wissenschaftliche Sprache – eine Fehlgeburt, so sagt man, bis zur 16. Schwangerschaftswoche ist es ein Frühabort, danach heißt es Spätabort. Zehn bis 30 Prozent der klinisch festgestellten Schwangerschaften enden damit; die Dunkelziffer ist hoch – Professor Mendling: „Man kann davon ausgehen, dass es ebenso viele verlorene Kinder gibt wie geborene – dass 50 Prozent der Schwangerschaften nicht glücklich enden.” In vielen Fällen liegt dann dort ein Kind, an dem die Ärzte keine Fehlbildungen finden können. Völlig gesund, nur tot.
Abschied nehmen wollen viele mit einer Beerdigung
Noch vor einem Dutzend Jahren galten die toten Kleinen als Klinikmüll, noch heute gilt, je nach Bundesland, für sie keine Bestattungspflicht unter 500 oder 1000 Gramm Gewicht. Dann haben die Eltern gekämpft. Initiativen wie regenbogenkinder.de entstanden. Sie wollten ihre Kinder beerdigen dürfen, sehen dürfen. Professor Mendling: „Wir haben bei Vivantes sehr früh diese Kinder fotografiert, wir raten den Eltern, ihr Kind anzuschauen.” Das Foto kommt immer in die Krankenakte, manchmal bitten Mütter Jahre später, ihr totes Baby doch noch ansehen zu dürfen.
Dreimal im Jahr beerdigt Pfarrerin Gabriele Smend, Krankenhausseelsorgerin im Sana Klinikum Lichtenberg, still geborene Kinder. Den Sarg bemalen die Eltern selbst. Schmetterlinge, Regenbogen, Sonne, Sterne, Wolken, schöne Dinge. Die Kleinchen werden in ein Tuch, das die Eltern aussuchen, gewickelt und bekommen kleine Geschenke mit in den Sarg (Bilder, Briefe oder kleine Kuscheltiere). Die Seelsorgerin: „In einem Abschiedsritual kann die Trauer, aber auch die Liebe zu dem verlorenen Kind gelebt und vor allem gestaltet werden. Noch etwas für ihr Kind tun zu können, das ist für Eltern von still geborenen Kindern oft hilfreich auf dem Weg durch ihre Trauer.“
Axel: „Mit unserem Baby wurden mehrere andere Kinder beerdigt, zu früh geborene. Ich wollte auch nicht, dass der Jakob da im Dunkeln ganz allein ist, in so einem großen Sarg.” Ein Tuch haben sie Jakob mitgegeben, damit er beschützt ist. Und ein Foto im Rahmen – Melanie und Alex und das lachende Gesicht, das Alex damals auf den Babybauch gemalt hat – das einzige Foto zu dritt, das sie haben. Damit Jakob weiß, wer seine Eltern sind.





