US-Bürgerkrieg

Lincoln und das gespaltene Amerika

Vor 150 Jahren hielt Präsident Abraham Lincoln seine Antrittsrede. Sie sollte versöhnen, gilt aber als Auftakt zum Bürgerkrieg.

Der Tag, an dem die Vereinigten Staaten von Amerika starben, graute kalt und wolkenverhangen über Washington. Noch bevor jener Montag, der 4. März 1861, sich neigte, wurde die Rebellenfahne der Konföderation über Montogomery (Alabama) gehisst, und eine der großen Versöhnungsreden der Geschichte hatte Verächter der Sklaverei enttäuscht und ihre Verteidiger mit frischem Hass erfüllt.

Die „mystischen Bande“ der gemeinsamen Vergangenheit hatte Abraham Lincoln beschworen, um die „unzufriedenen Mitbürger“ im Süden zu besänftigen, die Berührung durch die „besseren Engel unserer Natur“ hatte er herbeigesehnt. Jedes amerikanische Schulkind kennt diese poetischen Verbrüderungsformeln.

Lincolns Worte galten als Appeasement-Kitsch

Damals galten die Worte Lincolns Freunden unter den Abolitionisten als Appeasement-Kitsch, Feinde verlachten seine Schwäche und Anbiederung. Nach allen Regeln der politischen Kunst hinterließ Abraham Lincoln, der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, mit seiner Ansprache zur Amtseinführung ein Desaster.

Sieben von 15 Sklavenhalterstaaten hatten sich seit seiner Wahl am 6. November 1864 von der Union losgesagt. Vier weitere würden folgen, bevor am 20. April im Hafen vor Charleston die erste Kanonade von Rebellenbatterien den Bürgerkrieg eröffnen würde.

Kaum zwei Monate im Amt, bracht die Union zusammen

Lincoln war keine zwei Monate im Amt, als sein ganzes Sinnen, die Union gewaltlos zusammenzuhalten, gescheitert war. Kein anderes Datum in der amerikanischen Geschichte trägt so schwer an seiner Schicksalslast, kein anderes wurde aufgeladen mit mythischer Vorsehung wie der 4. März 1861.

Für den am Ende siegreichen Norden markiert die Einschwörung Lincolns das Ende der heuchlerischen, mit sich selbst zerfallenen Staaten und zugleich die Wiedergeburt einer noblen Republik. Im Singular: „the United States is...“ wurde erst nach der geretteten Einheit üblich, mit der Sklaverei verschwand der Plural.

Bis heute weht die Rebellenfahne, wo der Zorn aufbricht

Für die besiegten Rebellen im Süden aber – damals für alle, noch anderthalb Jahrhunderte danach für viele – bedeutete der 4. März Verrat an der einträchtigen Lebensart von wohlgeborenen Christenmenschen und seelenlosen Leibeigenen. Ein Leben frei von Schande, erst recht von Sünde.

Bis zum heutigen Tag gedeiht im Süden die Mär, der Kriegsgrund sei Notwehr im Streit um Steuern und die Rechte der Einzelstaaten gewesen. Und bis heute wehte die Rebellenfahne, wo immer der Zorn auf Washington, den Bund, Die-da-oben aufbricht.


Manche sagen, der Bürgerkrieg habe nie geendet

Die unversöhnte Rivalität wurde 1911 am 50. Jahrestag des Kriegsbeginns, als noch Veteranen lebten, mit patriotischen Gesängen übertönt. Beim Gedenken zum 100. Jahrestag, bestimmten der Kalte Krieg und die Unruhen der Bürgerrechtsbewegung die (im Süden noch nach Rassen getrennten und übellaunigen) Feiern.

Wird das Amerika, das einen schwarzen Präsidenten wählte, den 150. Jahrestag als Befreiung erleben? Manche sagen, der Bürgerkrieg habe 100 Jahre gewährt, andere meinen, er habe nie geendet. Abraham Lincolns Rede zum Amtsantritt, so notierte der „Charleston Mercury“ am Tag darauf, sei die jüngste Ausgeburt seiner anmaßenden „Frechheit“ zur Bewahrung des „mobokratischen Imperiums“ der Union.

Barack Obama kann es an Todesdrohungen mit Lincoln aufnehmen

Der Artikel, damals zu einer Handvoll im Süden zählend, die Lincolns Worte der Erwähnung wert fanden, liest sich auf unangenehme Weise zeitgemäß. Barack Obama wird ähnlich dreist und beleidigt kommentiert, auch an Todesdrohungen kann er es mit Lincoln aufnehmen.

Dass es heute um Gesundheitsrefom, Rechte von Frauen oder Schwulen geht, macht den Ton nicht weniger keifend, den Hass nicht weniger gefährlich. Scharfschützen hielten die Dächer besetzt, Kanonen waren um das Kapitol in Abwehrstellung gebracht, als Präsident James Buchanan seinen Nachfolger am Mittag des 4. März mit einer Kutsche im Hotel Willard abholte.

Keiner sollte die Rede Lincolns im Voraus zu Gesicht bekommen

Lincolns Frau Mary, von Attentatsahnungen verschreckt, hatte eine schlaflose Nacht verbracht; Lincoln selbst hatte sich bei Morgengrauen erhoben, um ein letztes Mal an seiner Rede zu feilen. Viele Wochen waren vergangenen, seit er im Hinterzimmer des Ladens seines Bruders in Springfield (Illinois) den ersten Entwurf angefertigt hatte.

Freunde hatten ihm Rat angeboten, er hatte manche gehört und alle zur Geheimhaltung verpflichtet. Selbst sein Rivale um die Präsidentschaft, William Seward, hatte sich erboten, mit Ideen und Redigaten zu helfen. Vierzehn Tage lang war Lincoln mit dem Zug über 3000 Kilometer durch siebzehn Städte auf Washington zu gereist.

Während seines Wahlkampfes erhielt Lincoln Morddrohungen

Verfolgt von Morddrohungen, gefeiert von Anhängern; am 21. Februar in Philadelphia waren 100 000 Menschen zusammengeströmt, ihn zu sehen. Doch nach Washington kam er nicht im Triumph, sondern auf Anraten seines besorgten Teams, unerkannt im Morgengrauen: Begleitet von zwei Leibwächtern, eingehüllt in einen Schal, die Spione des Südens waren überall.

Man mag sich das kuriose Bild von der Kutschfahrt vor Augen bringen: der dürre, 1,93 große, bärtige, aufregend hässliche Mann (den Karikaturisten als Affen darzustellen beliebten) neben dem gedrungenen, jovialen James Buchanan, Anfang 70, auf der Fahrt zum Kapitol. Schweine und Hühner kreuzten den Weg, Jauche floss in den Gräben der unasphaltierten Straßen.


Washington war ein "malariaverheertes Sumpfkaff"

Unter Washingtons 75 000 Einwohnern – laut Volkszählung 1860 waren darunter 148 Ärzte, 180 Anwälte, 242 Schneider, sechs Bestattungsunternehmer –, lebten 3000 Sklaven und 11 000 „farbige Freie“. In den sechzig Jahre seit seiner Gründung war es ein „Baby der Hauptstädte“ geblieben, genauer: ein malariaverheertes Sumpfkaff.

Historiker haben darüber gestritten, ob Abraham Lincoln, einer der großen Rhetoren seiner Zeit, an einer Fistelstimme litt oder über einen dröhnenden Bariton verfügte. Bezeugt ist, dass der Riese leicht ins Kichern verfiel, und dass er es liebte, bei den Pointen von Geschichten seine Knie hochzuziehen und zu umarmen wie ein Kind.

Seine Worte wurden per Telegraf im Land verbreitet

Lincolns Lächeln soll blendend weiße Zähne entblößt haben, eine Seltenheit damals, wie seine enorme Körpergröße. Der Schauspieler Daniel Day-Lewis arbeitet gerade daran, für einen Steven-Spielberg-Film Lincolns uns unbekanntes Lächeln zu erfinden.

Wer immer den neuen Präsidenten von der Holztribüne vor dem Kapitol reden hörte, seine Worte wurden per Telegraf im Land verbreitet. Wo diese im Westen endeten, übernahmen Reiter des Pony Express die Übermittlung: in Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens, trafen Lincolns Worte nach sieben Tagen und siebzehn Stunden ein. Gerichtet waren sie an die, die ihn nicht hören wollten.

„Wir dürfen keine Feinde sein"

„Wir sind nicht Feinde, sondern Freunde“, beschwor Lincoln die Sezessionisten im Süden, „wir dürfen keine Feinde sein.“ Die Union werde nie zuerst die Waffe erheben, versprach er, „in eurer Hand, meine unzufriedenen Mitbürger, und nicht in meiner, liegt die folgenschwere Sache des Bürgerkriegs.“

Zum Ärger vieler seiner Anhänger gelobte er, er habe „nicht die Absicht, direkt oder indirekt, in die Institution der Sklaverei einzugreifen. Ich glaube, ich habe kein Recht dazu“. Nur die Ausbreitung der Sklaverei in die neuen Staaten und Territorien im Westen wollte Lincoln eindämmen.

„Zurückerobern“ hatte er aus der Passage gestrichen

Ihm gehe es vor allem darum, sagte der Präsident nun, die Verfassung zu „erhalten, zu schützen und zu verteidigen“. Was des Bundes sei, werde er, wenn nötig mit Waffengewalt, „halten, besetzen und besitzen". Das Wort „zurückerobern“ hatte er auf Anraten Sewards aus der Passage gestrichen.

Der Mann, der zum Außenminister des Kriegskabinetts berufen werden sollte, hatte Versöhnung in die Rede redigiert und Zorn gelöscht, wo er nur konnte. Die Rebellen sollten keine Rachedrohung als Vorwand haben, sie sollten sich unprovoziert ins Unrecht setzen. So geschah es. Die „besseren Engel“ schwiegen bis 1865.

Im Krieg starben 600 000 junge Amerikaner

Abraham Lincoln zum Heiligen zu erheben, verkleinert seine politische Courage und überragende Leistung. Er konnte nicht ahnen, dass 600 000 junge Amerikaner sterben würden, bevor die Union gerettet wäre. Er war der Sohn eines Farmers in Kentucky, der kaum seinen Namen schreiben konnte.

Er war Flößer, Kaufmannsgehilfe, Autodidakt der Jurisprudenz, Abgeordneter für Illinois, lernte früh, die Sklaverei aus religiösen Gründen abzulehnen. Seine Überzeugung war fest: „Alle Menschen sind gleich geboren?“, hatte er einmal notiert, „alle außer Negern, und bald außer Ausländern und Katholiken.

Für Lincoln kam erst die Union, dann lange nichts

Ich würde es vorziehen, in einem Land wie Russland zu leben, wo der Despotismus pur verabreicht wird, als unter Heuchlern, die vorgeben, die Freiheit zu lieben.“ Lincoln wäre nicht Präsident geworden, hätte er auf solchen radikalen Positionen bestanden.

Stattdessen versprach er, entlaufene Sklaven ihren Eigentümern zurückbringen zu lassen, er spintisierte von einem organisierten Exodus freier Schwarzen, heim nach Afrika. Für ihn kam erst die Union, danach lange nichts und niemand. Zum Großen Emanzipator wurde Lincoln später, nach Niederlagen seiner Armee, notgedrungen in Gottes Namen.

Man soll ihn nicht in den Himmel loben, vergöttlichen, aus seiner Zeit reißen, nur weil für ihn erst die Union kam, dann die Moral. Nach 18 Monaten Krieg formulierte der Präsident seine Prioritäten klar in einem Brief an die „New York Tribune“.

Datiert am 22. August 1862 schrieb er: „Wenn ich die Union retten könnte, ohne einen Sklaven zu befreien, würde ich es tun, und wenn ich sie retten könnte, indem ich alle befreite, würde ich es tun; und wenn ich sie retten könnte, indem ich einige befreite und andere in Ruhe ließe, würde ich auch das tun.“ Abraham Lincoln hat verdient, dass man ihm glaubt.