"Tim und Struppi"

Hergé ließ sich von seinem Abendessen inspirieren

Für die wilden Ideen in den "Tim und Struppi"-Comics gibt es einfache Erklärungen. Hergé-Biograf Michael Farr hat sie im Nachlass des Zeichners gefunden.

Tim, „der pfiffige Reporter“, hat seit 1952 ein deutsches Publikum. Im Februar jenes Jahres wurde er vom „Hamburger Abendblatt“ den jungen Lesern der Wochenendbeilage Kinder-Abendblatt als „unser jüngster Reporter“ präsentiert. Bald folgten Auftritte in der Berliner Morgenpost, in der Beilage „Hessen Illustrierte“, der Gießener „Freien Presse“ sowie in der Familienzeitschrift „Deutscher Hausfreund“.

Zum ersten Mal erschien er im Januar 1929 in „Le Petit Vingtième“, einer belgischen Zeitungsbeilage für Kinder. Sein Schöpfer war der damals 21-jährige Georges Remi, der seine Zeichnungen mit „Hergé“ signierte (seine umgekehrten Initialen in französischer Aussprache).

Seit jener Zeit hat dieser bemerkenswerte Reporter 23 Abenteuer bestanden; die Bände wurden in über 80 Sprachen übersetzt und insgesamt mehr als 200 Millionen Mal verkauft. Jetzt, nach langer Wartezeit, erlebt er sein Hollywood-Debüt in einem von Steven Spielberg und Peter Jackson produzierten Film. Diese beiden Meister des zeitgenössischen Films sind große Fans von Tintin, wie Tim im französischen Original heißt.

Lange Zeit – jedenfalls bis zu seinem Werk „Tim in Tibet“ – waren Hergés persönliche Favoriten „Das Geheimnis der Einhorn“ (1952 als erster Band der „Tim und Struppi“-Serie auf Deutsch erschienen) und „Der Schatz Rackhams des Roten“.

Vor seinem Tod dachte Hergé an Spielberg

Diese packende Fortsetzungsgeschichte, in der es um historische Rückblenden, Taschendiebstähle, Mordversuche und die Jagd nach einem Piratenschatz geht, enthält die klassischen Elemente eines Abenteuerfilms. Bei den Recherchen zu Hergés Biografie stieß ich auf eine Notiz, die er drei Monate vor seinem Tod im Jahr 1983 gemacht hatte.

„Wenn irgendjemand es schaffen kann, Tintin [also Tim] auf die Leinwand zu bringen, dann dieser junge amerikanische Regisseur“, stand da, allerdings ohne Steven Spielberg beim Namen zu nennen. Dieser hatte Hergé im Jahr zuvor wegen der Filmrechte kontaktiert und wollte sich Ende März 1983 in Brüssel mit ihm treffen. Hergé, der ein Filmfan und Bewunderer von Spielbergs frühen Filmen war, starb jedoch am 3. März jenes Jahres.

Um einen modernen, abendfüllenden Spielfilm zu machen, braucht man eine gewisse Menge Material. Von den 23 erschienenen Abenteuern sind die drei auf zwei Bände verteilten Fortsetzungsgeschichten geradezu ideal:

Die erste ist „Das Geheimnis der Einhorn“/„Der Schatz Rackhams des Roten“; die zweite heißt „Die sieben Kristallkugeln“/„Das Geheimnis des Sonnentempels“ und führt Tim nach Südamerika, und der Titel der dritten, prophetischen, aber realistisch erzählten Geschichte, in der Tim 16 Jahre vor dem amerikanischen Astronauten Neil Armstrong auf dem Mond landet und wieder zur Erde zurückkehrt, lautet „Reiseziel Mond“/„Schritte auf dem Mond“.

Seine populärste Figur ähnelt ihm selbst

Um die Story von „Das Geheimnis der Einhorn“ zu ergänzen, hat Spielberg Elemente aus „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ übernommen, einem Schlüsselwerk von Hergés Œuvre, denn hier findet die erste Begegnung zwischen Tim und dem trunksüchtigen Kapitän Haddock statt, elf Jahre nach dem ersten Abenteuer des jungen Reporters, das dieser ganz allein bestehen musste, begleitet nur von seinem treuen Foxterrier Struppi (der nach Hergés erster Freundin im französischen Original Milou heißt).

Haddock, ein klassischer Antiheld und so wortgewaltig, wie Hergé es war, entwickelte sich rasch zur populärsten Figur der Serie.

Hergé hatte schon lange einen weit herumgekommenen Seemann der Handelsmarine einführen wollen. Dieser sollte Brite sein, denn zum einen gab es keinen Zweifel daran, dass Britannia die sieben Meere beherrschte, zum anderen war Hergé, wie die meisten Belgier, ausgeprägt anglophil.

Er hatte jedoch Schwierigkeiten, einen passenden Namen zu finden, und war unentschlossen. Eines Tages stand seine Frau Germaine, als er heimkam, am Herd und kochte. „Was gibt es denn?“, fragte er. „Aiglefin“, antwortete sie, „diesen langweiligen Fisch, den die Engländer Haddock nennen.“ Et voilà – da war der Name. Und 25 Jahre später, in „Tim und die Picaros“, erhielt er noch den passenden Vornamen Archibald.

Aus Träumen wurden beängstigende Halluzinationen

Hergé träumte viel; auf seinem Nachttisch lag stets ein Notizbuch, in dem er seine Träume aufzeichnete. Dies erklärt zweifellos die zahlreichen Traumsequenzen in den Abenteuern, darunter auch die beängstigende Halluzination in „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“, wo Haddock seinen jungen Freund für eine Champagnerflasche hält und ihn bei dem Versuch, ihn zu „entkorken“, beinahe erwürgt.

Oder Tims Traum, in dem der Kapitän in ihm eine Flasche Burgunder (das war eine der bevorzugten Weinsorten des Autors) sieht und seinen Kopf mit einem Korkenzieher durchbohren will.Für Hergé war dieses Wüstenabenteuer, das größtenteils in Marokko spielt und von Drogenschmuggel handelt, eine Art Eskapismus.

Nach dem Krieg ging er mit aktuellen Ereignissen anders um

Er hatte nach der Besetzung Belgiens durch die Deutschen im Mai 1940 ein Wüstenabenteuer mit einem deutschen Bösewicht beiseitegelegt – nach dem Krieg schloss er es unter dem Titel „Im Reiche des schwarzen Goldes“ ab – und verzichtete darauf, in seinen Szenarien aktuelle Entwicklungen zu verarbeiten, wie er es in früheren Geschichten getan hatte.

Dasselbe gilt für die Schatzsuche in „Das Geheimnis der Einhorn“. Auch in diesem Abenteuer finden sich keinerlei Hinweise auf die umwälzenden Ereignisse – man denke an Hitlers Überfall auf die Sowjetunion –, die stattfanden, während die Geschichte in der führenden, natürlich unter deutscher Aufsicht stehenden belgischen Tageszeitung „Le Soir“ erschien.

Eine Postkarte brachte ihn auf eine schöne Idee

Für diese Bände entwickelte Hergé bestimmte Arbeitsmethoden. So recherchierte er äußerst gründlich, um gewisse Details akkurat wiederzugeben. Für die wunderbar atmosphärischen Bilder der „Einhorn“ griff er auf Material des Musée de la Marine in Paris und Schiffsmodelle von Sammlern in seinem Bekanntenkreis zurück.

Das Vorbild für den ungewöhnlichen, aus einem Steuerruder gefertigten Kronleuchter in Haddocks Wohnung, der dem alkoholbefeuerten Überschwang des Kapitäns zum Opfer fällt, findet sich auf einer Postkarte, die ein Kollege in jenem Sommer aus dem Urlaub an Hergé schickte.

Was das Schloss Mühlenhof betrifft, den Sitz von Haddocks Vorfahren, so handelt es sich um nichts weniger als das Loireschloss Cheverny, das Hergé von einer Besucherbroschüre abzeichnete, wobei er aus Gründen der Bescheidenheit die beiden Seitenflügel wegließ.

Vorliebe für zerstreute Professoren

Dank der Großzügigkeit des großartigen Professors Bienlein, dem die Regierung das Patent für das bei der Suche nach der „Einhorn“ so nützliche U-Boot abgekauft hat, kann Kapitän Haddock, der über keinerlei eigene Mittel verfügt, das Schloss zurückkaufen. Balduin Bienlein tritt in „Der Schatz Rackhams des Roten“ zum ersten Mal auf, als er versucht, Tim für sein U-Boot zu interessieren, und er ist sicherlich ein weiterer Grund für die Beliebtheit dieses Bandes.

Hergé hatte schon immer eine Vorliebe für zerstreute Professoren, doch nun schuf er – nach dem Vorbild des Schweizer Physikers Auguste Piccard, den Hergé des Öfteren auf den Straßen Brüssels sah, wo dieser eine Professur hatte – eine Figur, die sich ausgezeichnet eignete, die Geschichten mit Humor und spektakulären Erfindungen anzureichern.

Und für Slapsticks konnte er jederzeit auf die beiden tölpelhaften Detektive Schultze und Schulze zurückgreifen, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen, ohne jedoch Zwillinge zu sein. Alles in allem eine hervorragende und äußerst unterhaltsame Besetzung.

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren