Christoph Waltz

"Hollywood macht viel mehr als Kommerzkacke"

"Die drei Musketiere" und "Der Gott des Gemetzels": Christoph Waltz ist im Kino präsent wie nie zuvor. Ein Gespräch über Starrummel, Hollywood und Tarantino.

Sein richtiger Durchbruch kam erst spät. 2009 spielte der österreichische Schauspieler Christoph Waltz, Jahrgang 1956, den SS-Oberst Hans Landa in "Inglorious Basterds". In vier Sprachen – Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch – war er zu erleben und Regisseur Quentin Tarantino bezeichnete ihn als "linguistisches Genie", ohne das der Film nie so zustande gekommen wäre.

Seitdem ist der Wiener, der schon zuvor nicht unterbeschäftigt war, omnipräsent. In diesem Jahr spielt er in " The Green Hornet", "Wasser für die Elefanten" , "Die drei Musketiere" und nun in dem Kammerspiel von Roman Polanski "Der Gott des Gemetzels".

Morgenpost Online : Wie gehen Sie mit Ihrem neuen Status als Hollywoodstar um?

Christoph Waltz : Ich gehe gar nicht damit um. Schon als wir "Inglorious Basterds" in Babelsberg gedreht haben, gab es da einen wirklich denkwürdigen Moment. Da hat mich Sylvester Groth, ein wirklich großartiger Schauspieler, gefragt: Wie haben wir das geschafft, wieso gerade wir? Dann sagten wir uns aber: Trotz aller Aufregung, die wir verspüren, machen wir jetzt auch nur, was wir vorher schon immer getan haben.

Morgenpost Online : "Gott des Gemetzels" ist ein Vierpersonenstück, das von vier Oscar-Preisträgern gespielt wird. Hat man da anfangs Scheu voreinander? Ist man nervös?

Waltz : Schon, klar. Das waren wir alle. Aber muss man sich dafür schämen, wenn man nervös ist? Du lässt es raus, und gut. Wir sind doch alle, hm, ich sage jetzt mal: Veteranen. Wir üben unseren Job alle schon eine ganze Zeit lang aus. Wir kennen unser Werkzeug und wissen es so zu benutzen, dass es nicht mehr zu sehen ist. Das genau tust du, wenn du ein gewisses Niveau erreichst. Und dann ist es doch auch so: Das Los eines Schauspielers besteht darin, dass er seinen Beruf nicht allein ausüben kann. Ich meine, er könnte schon, aber das würde nichts bringen. Du kannst halt nicht wie ein Maler deine Kunst allein im Atelier verfeinern. Als Schauspieler brauchst du die anderen. Und wenn du andere brauchst, brauchen die es, dass sie gern mit dir arbeiten.

Morgenpost Online : Kannten Sie Yasmina Rezas Stück?

Waltz : O ja. Und ich würde sagen, Yasmina Reza ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Denn es gibt nicht viele Komödien, die unser Leben widerspiegeln. Wir haben große Dramatiker wie Jan Fosse, David Mamet, David Hare, um nur einige zu nennen. Die haben wirklich Hammerdramen entwickelt, ist alles großartig. Aber wo bleibt die Komödie? Wenn wir uns Komödien anschauen, sind die affig. Blöd. Reine Zeitverschwendung.

Morgenpost Online : Was macht eine gute Komödie für Sie aus?

Waltz : Komödie ist ein ernstes Geschäft, über das du lachst. Ich stamme aus Wien, wo im 19. Jahrhundert einer der besten Komödienschreiber lebte. Er schrieb so viel wie Shakespeare, sogar noch ein bissel mehr. Johann Nestroy. Er war ein Superstar. Er konnte in den 1880-er Jahren nicht auf die Straßen, weil die Leute so reagierten wie heute auf Leonardo DiCaprio . Und das, wohlgemerkt, noch ganz ohne Fernsehen, Medien und Klatschpresse. Nestroy hat genau diese Funktion erfüllt. Es scheint, als ob heute niemand dieser Aufgabe gerecht wird. Vielleicht kann das, von Jasmina Reza abgesehen, keiner mehr.

Morgenpost Online : "Gott des Gemetzels" spielt in einer einzigen Wohnung. Nun stand Polanski noch unter Hausarrest , als er den Film konzipiert hat. Hat er…

Waltz : Halt! Worauf wollen Sie hinaus? Hätte er keine Fußfessel gehabt, was hätte er dann mit dem Stück gemacht? Hätte er ihn irgendwo in den Bergen gedreht? Oder auf einem Fußballfeld? Nein, natürlich nicht.

Morgenpost Online : Verzeihung, aber der klaustrophobische Moment, das drängt sich schon auf.

Waltz : Finde ich keineswegs. Das ist halt das Stück, es spielt in einem einzigen Raum. Punkt. Hätte Polanski nicht unter Hausarrest gestanden, würde es dennoch immer noch in einem Raum spielen. Ich sehe da überhaupt keine Verbindung. Haben Sie das Stück schon einmal gesehen?

Morgenpost Online : Im Berliner Ensemble. Mit Michael Maertens in der Rolle, die Sie im Film spielen.

Waltz : Und es war das gleiche, oder? Entschuldigung. Ich muss Roman Polanski da jetzt ein wenig verteidigen. Die Entscheidung, den Film zu drehen, hat sicher nichts damit zu tun, dass er in letzter Zeit einem Haufen Blödsinn ausgesetzt war.

Morgenpost Online : Zumindest hatte es damit zu tun, dass der Film nicht, wie geplant, in Babelsberg gedreht wurde, sondern in Paris. Weil Polanski nicht mehr ausreisen wollte. Auch in Venedig haben Sie den Film ohne Ihren Regisseur vorgestellt. War das nicht komisch?

Waltz : O ja, das war es. Ich hätte ihn gern dabei gehabt. Und noch viel lieber hätte ich ihn jetzt gern hier dabei, damit er all diese Fragen beantworten könnte. Ich fühl mich da, Verzeihung, grad ein bisserl unwohl. Es ist einfach so: Die Atmosphäre ist keineswegs klaustrophobisch. Es ist ja nicht so, dass die eingeschlossen sind. Sie sind schon am Gehen, und das ist gerade der Witz, dass die immer wieder in die Wohnung gehen, obwohl sie schon draußen sind. Um es auf den kleinstmöglichen Nenner zu bringen: Ja, die Kulisse ist räumlich begrenzt. Aber niemand wird gezwungen zu bleiben. Polanski war leider sehr wohl gezwungen.

Morgenpost Online : Können Sie uns ein wenig beschreiben, wie es ist, mit Polanski zu arbeiten?

Waltz : Nein, kann ich nicht. Tut mir leid. Regisseure arbeiten auf verschiedene Weise. Die, mit denen ich wirklich gern zusammen arbeite, die verwenden keine altmodischen psychologischen Tricks. Die machen einfach ihren Job. Da ist das Bühnenbild, was müssen wir da tun, tun wirs. Es gibt natürlich auch solche, die möchten gern in die Seele der Figuren gucken. Ich kenne einen Regisseur, der macht Chakra-Meditation mit seinen Schauspielern…

Morgenpost Online : Es gibt auch Schauspieler, die in die Seele ihrer Figuren schauen wollen. Das berühmte Method Acting aus dem Actor’s Studio.

Waltz : Blanker Unsinn. Wenn jemand sagt, dass er ganz zu seiner Rolle wird, dann gibt es zwei Möglichkeiten, und wirklich nur diese zwei: Entweder er ist ohne Verstand oder er lügt. Wie soll man jemand anders werden? Wer das sagt, den sollte man behandeln, der sollte Pillen kriegen. Das ist doch auch nicht der Sinn der Schauspielerei. Demzufolge müsste ich ja, um überzeugend zu sein in "Gott des Gemetzels", Jura studieren, eine Firma gründen und Kate Winslet heiraten.

Morgenpost Online : Letzteres zumindest wäre nicht das Schlechteste.

Waltz : Da gebe ich Ihnen recht. Aber nur da. Nein, die so genannte "Method" war sehr wichtig in den vierziger, fünfziger Jahren. Sie hat nicht nur die Schauspielerei, sondern auch das Stückeschreiben und Filmemachen komplett verändert. Aber das ist 50, 60 Jahre her. Wir haben uns schon auch weiterentwickelt. Und wenn du wirklich ganz objektiv draufschaust, sind diese Performances doch sehr veraltet. Ich habe kürzlich "Der Besessene" gesehen, mit Marlon Brando, sein einziger Film, den er auch inszeniert hat. Und das ist ein Jammerspiel. Eine einzige eitle Nabelschau, immer und immer wieder muss er uns beweisen, wie sexy er ist und dass er einen prallen Hintern hat. So viel zu Method.

Morgenpost Online : Und wie geht es Ihnen in Hollywood? Ist es so, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Waltz : Sicher nicht. Aber das ist keine neue Erkenntnis. Ich muss gestehen – Hollywood, das habe ich angestrebt, als ich angefangen habe. So mit 18 oder 19 Jahren. Ich wollte da hin. Aber dann fing ich an, vom Schauspiel zu leben, und merkte schnell, mit Hollywood hat das nichts zu tun hat.

Morgenpost Online : Es gibt ja immer wieder Hollywood, es zu beschreiben: Traumfabrik, Industrie, Tinseltown.

Waltz : Industrie trifft es vielleicht am besten. Aber würden Sie einen Autoverkäufer fragen: Was ist die Autoindustrie? Sie fragen ihn vielleicht, wie die Geschäfte gehen, wie ein bestimmtes Auto sich fährt. Mit einem Wort: Ich kann Hollywood nicht auf den Punkt bringen. Ich kenne da nur Individuen, und die haben alle individuelle Pläne. Klar gibt es die großen Studios. Aber auch die zerfallen in kleinere Einheiten. Universal hat Anteile an Spielbergs Dreamworks. Da gibt es eine Trickfilmabteilung, andere drehen Komödien oder Serien. Da gibt es lauter junge Leute, die Filme machen wollen und nur deshalb mal Spielberg begegnen wollen, weil der ihnen einen Kontakt zu Universal vermitteln könnte. Lauter Einzelinteressen. Und wir nennen das Hollywood

Morgenpost Online : Als nächstes werden Sie wieder mit Tarantino drehen. Für den hätten Sie schon gewartet, oder?

Waltz : Ich muss Ihnen nicht sagen, dass Tarantino sehr sehr wichtig für mich ist. Er ist aber er auch ein gutes Beispiel für unser Gespräch. Er ist auch Hollywood. Wie Sony oder Spielberg. Aber eben doch ganz anders. Niemand würde sich unterstehen zu sagen, Tarantino sei ein Hollywoodregisseur. Dabei gehört auch das dazu.

Morgenpost Online : Für viele Europäer war Hollywood früher das böse Angebot.

Waltz : Darum insistiere ich so, das Gegenteil darzulegen. Es ist so einfach, Hollywood zu verteufeln. So wie Ronald Reagan die Sowjetunion das "dunkle Imperium" genannt hat. Was heißt denn das im Klartext? Die machen nur Kommerzkacke, und ich bin das Genie. Tun sie nicht. Sie machen viel mehr, als man denkt. Und man selber ist vielleicht auch nicht immer das Genie.