Sprossen vom Biohof

So wurde die EHEC-Quelle gefunden

Sprossen haben die EHEC-Infektionswelle ausgelöst, so das Robert-Koch-Institut. Die Wissenschaftler entdeckten die Verbindungen zwischen einem Biohof in Niedersachsen und den EHEC-Infektionen, indem sie Fragen stellten - und private Fotos untersuchten.

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Ab sofort können Tomaten, Gurken und Blatsalate wieder unbedenklich gegessen werden - Sprossen sind laut einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts die Quelle der EHEC-Infektionen.

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Es sind die Sprossen: Pflanzensprossen eines Bio-Hofes in Niedersachsen sind offebar die Ursache für die EHEC-Infektionswelle. Um die EHEC-Quelle zu finden, hat das Robert Koch-Institut (RKI) unter anderem ein neues Verfahren eingesetzt: eine sogenannte rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie. Ausgehend von fünf Personengruppen, von denen 19 Teilnehmer nach einem Besuch im selben Restaurant erkrankten, befragten die Forscher insgesamt 112 Menschen danach, was sie gegessen hatten. Gleichzeitig analysierten die Experten Rezepte, Bestelllisten sowie Abrechnungen an und sprachen mit Küchenpersonal, um herauszufinden: Wie genau wurde welches Menü zubereitet? Welche Mengen welcher Zutat wurden benutzt? Auch Fotos der befragten Restaurantgäste wurden nach RKI-Angaben ausgewertet – auf einigen der Aufnahmen waren die Teller der späteren Patienten zu sehen und das, was darauf serviert worden war – und wohl anschließend die EHEC-Infektion auslöste.

Diese Informationen wurden in einem sogenannten „Kohortenansatz“ ausgewertet: Mit diesen Verfahren ist es möglich, im Rückblick das jeweilige Erkrankungsrisiko für die Restaurantgäste zu berechnen. Die Analyse ergab: Die Wahrscheinlichkeit, dass die befragten Personen an blutigen Durchfall erkrankten oder eine bestätigte EHEC/HUS-Infektion aufweisen würden, war immer dann besonders groß, wenn die betreffenden Personen irgendetwas in Verbindung mit Sprossen gegessen hatten. Umgekehrt bedeutet dies: Wer Sprossen aß, hatte ein 8,6-fach höheres Risiko einer EHEC-Infektion als jemand, der etwas ohne Sprossen zu sich nahm.

Mit diesem Verfahren war es dem RKI zufolge erstmals möglich, auf epidemiologischem Wege die Ursache des Ausbruchs mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Verzehr von Sprossen einzugrenzen. Das allerdings dauerte. Die rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie konnte erst jetzt durchgeführt werden, weil es zuvor nicht genug zu befragende Restaurantgäste gab, um ein statistisch einwandfreies Ergebnis zu gewährleisten.

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Behörden und Institute gehen nun also davon aus, dass der Sprossen-Erzeuger im niedersächsischen Bienenbüttel Auslöser für die Krankheitswelle war. Die wegen der EHEC-Epidemie ausgesprochene Warnung vor rohen Tomaten, Gurken und Salaten ist inzwischen aufgehoben worden. Die Verbraucher sollen nur noch auf rohe Sprossen verzichten, teilten die Gesundheitsbehörden mit

„Es sind die Sprossen“, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger. Es gebe aber noch keinen Nachweis des Darmkeims. Ausgangspunkt soll ein bereits vergangenes Wochenende unter Verdacht geratener Sprossen-Erzeuger im niedersächsischen Bienenbüttel sein. „Die Indizienkette ist so belastend“, dass von einem unmittelbaren Bezug zu dem Betrieb ausgegangen werden müsse, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), Helmut Tschiersky-Schöneburg.

EHEC auf Sprossen in NRW

Am Freitag wurden in NRW erstmals gefährliche EHEC-Bakterien in einer Packung Sprossen in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen. Das teilte NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) in Düsseldorf mit.

Es handelt sich um den aggressiven Serotyp O104. Allerdings war die Packung geöffnet und befand sich bereits in der Mülltonne eines Haushalts im Rhein-Sieg-Kreis. Zwei der drei in diesem Haushalt lebenden Familienmitglieder haben Sprossen verzehrt und sind Mitte Mai an den EHEC-Bakterien erkrankt.

Die Sprossen stammen laut Ministerium nach den bisherigen Erkenntnissen aus dem Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel. Damit ist erstmalig eine ununterbrochene Kette mit dem Erreger O104 infizierter Sprossen aus dem Betrieb in Bienenbüttel und erkrankten Personen hergestellt.

Niedersächsischer Bio-Betrieb war "die Spinne im Netz"

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) hatte zuvor den Bio-Betrieb als „die Spinne im Netz“ bezeichnet. Offenbar hätten mindestens 80 Opfer der Seuche in ganz Deutschland Sprossen zu sich genommen, die dort gezogen wurden. Eine Verunreinigung des Betriebs sei durch den Kauf verunreinigten Saatguts oder auch mangelnde Hygiene der Mitarbeiter denkbar, die den Erreger mitgebracht haben könnten. Der Biohof in Bienenbüttel ist jetzt komplett gesperrt und darf kein Gemüse mehr in den Handel liefern. Bisher galt das Verkaufsverbot nur für Sprossen. Der Betreiber habe aber bereits freiwillig seit Sonntag keine anderen Produkte mehr in Umlauf gebracht, sagte Minister Lindemann. Der Darmkeim konnte in dem Betrieb aber bislang nicht direkt nachgewiesen werden. Dort wurden bislang umfangreiche Proben genommen, deren Auswertung zum Teil noch andauert. Unklar ist damit weiter, wie der Darmkeim in den Betrieb gelangt sein könnte. „Wir können nur spekulieren“, sagte RKI-Chef Burger.

Die Empfehlung für Gurken, Tomaten und Blattsalate müsse nicht mehr aufrechterhalten werden, sagte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel. Er riet sogar ausdrücklich dazu, diese wieder zu essen, „weil es gesunde Lebensmittel sind.“ Nach Ausbruch der EHEC-Epidemie hatten die Behörden aufgrund von Befragungen von EHEC-Erkrankten zunächst dazu geraten, Gurken, Tomaten und Salate nicht roh zu essen. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verteidigte diese Warnung: „Es war richtig. Gesundheit hat Priorität.“

Warnung vor Gurken, Salat, Tomaten aufgehoben

Die Gesundheitsbehörden beobachten weiterhin einen Rückgang der EHEC-Neuererkrankungen. „Der Ausbruch ist aber noch nicht vorbei“, betonte RKI-Chef Burger. Gesundheitsminister Bahr sagte, es bestehe jedoch „Anlass für berechtigten Optimismus.“ Die Zahl der Todesfälle nach EHEC-Infektionen erhöhte sich bundesweit auf mindestens 30. In Niedersachsen starb nach Angaben des Landesgesundheitsministeriums bereits vor eine Woche eine 75-jährige Frau aus dem Landkreis Göttingen.

Der Deutsche Bauernverband zeigte sich erleichtert über die aufgehobene Warnung vor rohen Tomaten, Gurken und Blattsalate. „Das ist eine gute Botschaft für die deutschen und europäischen Gemüseerzeuger“, sagte Verbandspräsident Gerd Sonnleitner dem Nachrichtensender N24. Er zeigte sich überzeugt, dass der Verzehr nun wieder auf normales Niveau ansteigen werde.

Allerdings wird es ein Nachspiel von Gericht geben: Die verfrühte Warnung vor spanischen Gurken, herausgegeben von der Hamburger Gesundheitsbehörde, wird wohl in eine rechtliche Auseinandersetzung münden. Der spanische Gemüseproduzent Frunet, dessen Gurken als mögliche EHEC-Quelle genannt worden waren, hat Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Allerdings soll die Entscheidung über den beim Verwaltungsgericht eingereichten Eilantrag der Spanier frühestens Ende kommender Woche fallen. Die Gesundheitsbehörde der Hansestadt habe bis Mittwoch Zeit, Stellung zu dem Antrag zu beziehen, sagte ein Sprecher des Oberverwaltungsgerichts. Vorher werde es keine Entscheidung geben. Auch müsse das Verwaltungsgericht erst abwarten, wie die Behörde reagiere.

Anwälte aus Berlin vertreten spanischen Gurkenproduzenten

Die Berliner Kanzlei Lindenpartners hatte den Eilantrag am Donnerstag für den spanischen Obst- und Gemüsehändler Frunet beim Hamburger Verwaltungsgericht eingereicht. Darin fordert Frunet nach Angaben des Gerichtssprechers ausschließlich die Einsicht in die Akten der Gesundheitsbehörde. Diese habe die Behörde den Spaniern bislang verweigert. Der Antrag sei am Donnerstagabend eingegangen. „Wir hoffen, dass aufgrund der Brisanz des Themas ganz zügig entschieden wird“, sagte Nina Scherber von Lindenpartners. Der Eilantrag sei der erste Schritt, Frunet zu rehabilitieren. Nach dem EHEC-Fund an vier Salatgurken in Hamburg hatte die Gesundheitsbehörde der Stadt am 26. Mai Frunet-Gurken als eine erste Infektionsquelle bezeichnet. Wenige Tage später musste die Behörde allerdings einräumen, dass es sich dabei nicht um den EHEC-Stamm handelt, der zur Epidemie geführt hat. Seither sei die Existenz des spanischen Obst- und Gemüsehändlers gefährdet, sagte die Anwältin.

Mit den Akten solle etwa der Verdacht bewiesen werden, dass die Gesundheitsbehörde vor der Warnung die gesetzliche Sorgfaltspflicht vernachlässigt habe und vorgeschriebene Gegenproben nicht entnommen worden seien. Auch hofft Frunet-Eigentümer Antonio Lavao auf eine Entschädigung für den entstandenen Schaden, wie er jüngst in Hamburg sagte. Das Unternehmen, angesiedelt in der Provinz Malaga, beschäftigt etwa 120 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 15 Millionen Euro. Frunet ist eigenen Angaben zufolge auf die Aufbereitung und den Vertrieb von ökologischem Obst und Gemüse spezialisiert. Die Ware geht überwiegend an Supermärkte und Naturkost-Großhändler in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Skandinavien. 80 Prozent der Ware gehen ins Ausland, davon 30 Prozent nach Deutschland.

Evangelische Kirche empfiehlt wegen EHEC Einzelkelche

Russland hat sich zur Aufhebung des wegen der EHEC-Krise verhängten Importverbots für Gemüse aus der Europäischen Union bereit erklärt, wenn die EU Sicherheitsgarantien abgibt. Die Staatengemeinschaft werde in Kürze festlegen, welche entsprechenden Kriterien erforderlich würden, sagte Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso am Freitag nach dem EU-Russlandgipfel in Nischni Nowgorod. Russlands Präsident Dmitri Medwedew bestätigte, dass das Verbot „in nächster Zukunft“ zurückgenommen werde, wenn die Garantien vorlägen. Russland hatte den Einfuhrstopp in der vergangenen Woche angeordnet, um eine Ausbreitung der Durchfallerkrankung zu verhindern. Die EU, aus der im vergangenen Jahr Gemüse im Wert von etwa 600 Millionen Euro nach Russland exportiert wurden, hatte das Verbot als nicht gerechtfertigt kritisiert.

Trotz der Entwarnung bleibt die evangelische Kirche vorsichtig. Die hannoversche Landeskirche rät ihren Gemeinden, beim Abendmahl den Wein vorübergehend nur in Einzelkelchen anzubieten. Damit könnte aktuellen Unsicherheiten begegnet werden. Die nordelbische Kirche empfiehlt Gottesdienstbesuchern, sich wegen EHEC beim Abendmahl nicht verunsichern zu lassen. Der Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Volker Jastrzembski, sagte: „Wir gehen davon aus, dass die Kirchengemeinden sich in geeigneter Weise über den Sachverhalt informieren und daraus Schlüsse für ihre Abendmahlspraxis ziehen können.“ Der hannoversche Kirchensprecher Johannes Neukirch sagte, dass Gemeinden, die keine Einzelkelche haben, auch kleine Gläser oder kleine Einmalbecher verwenden könnten. „Oberstes Gebot bleibt die persönliche Hygiene“, sagte der nordelbische Kirchensprecher Norbert Radzanowski. Da eine Übertragung nicht ausgeschlossen werden könne, „sollte jede und jeder Einzelne für sich abwägen und für sich selbst entscheiden, ob er das Abendmahl einnimmt oder nicht“.