Robert-Koch-Institut

Der Mann, der den EHEC-Keim jagt

Morgenpost Online trifft beim "Berliner Spaziergang" Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Diese Woche: Reinhard Burger, Präsident des Robert-Koch-Instituts.

Foto: M. Lengemann

Gegen 10.15 Uhr klingelt erneut das Handy. Diesmal ist es ein ganz besonderer Anruf. Reinhard Burger wirkt angespannt, als er zu mir herüberblickt. „Es ist der Minister“, sagt er. Er geht ein paar Meter weiter, wählt ein Autodach als Ablage für seinen winzigen Stichwortzettel, zückt einen Kugelschreiber: Ein großer, blonder, nahezu weißhaariger Mann, auch an diesem sonnigen Vormittag im Anzug und mit Krawatte, der konzentriert zuhört, hastig Stichworte notiert und die Umwelt in diesem Moment nicht wahrzunehmen scheint. Es geht um viel: um den lebensgefährlichen Erreger EHEC, der sich immer weiter ausbreitet, um Voraussagen und Reaktionen und nicht zuletzt darum, wie die Öffentlichkeit informiert werden soll. Um den schmalen Grat zwischen Panikmache und verantwortungsvoller Information. Noch wissen wir nicht, dass in den nächsten Stunden und Tagen mehrere Menschen am EHEC-Virus sterben werden und sich Hunderte infizieren.

Für Burger ist es eine nervenaufreibende Zeit. Trotz aller Routine. Der 62-Jährige ist seit August vergangenen Jahres Präsident des renommierten Berliner Robert-Koch-Institutes. Zuvor war er neun Jahre lang Vizepräsident. Zum Zeitpunkt des Spazierganges ist er vermutlich gerade eine der gefragtesten Personen Deutschlands. Auf allen Sendern, in allen Zeitungen wird er in den folgenden Tagen interviewt werden. Seine Warnung vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten und Salat aus Norddeutschland wird auch Kritik hervorrufen. Wie drastisch dürfen, müssen Warnungen von Experten sein?

Sein wichtigstes Werkzeug in diesen Tagen hat Burger auch bei unserem Treffen dabei: sein Handy. Es klingelt alle paar Minuten. Burger geht jedes Mal ein Stück beiseite. Nur Wortfetzen wehen herüber. Von Problemen mit Dienstwagen ist etwas zu hören. Von einem Team, das er nach Norddeutschland geschickt hat. Später wird er erzählen, dass es 15 Mitarbeiter sind, die ausschwärmten, um in Hamburg und Umgebung zu recherchieren. Es sei einer der größten Einsätze, den das Robert-Koch-Institut bisher startete.

Einmal Hesse, immer Hesse

Unser Treffpunkt ist die Meisenstraße in Dahlem. Burger wohnt hier mit seiner Frau in einer Doppelhaushälfte. Hinter dem Haus erstreckt sich ein schmaler Garten, der in einem Wald zu enden scheint. Doch es ist nur das Nachbargrundstück, auf dem hohe Nadelbäume stehen. Es gibt prachtvolle Rhododendron-Sträucher in verschiedensten Rottönen in Burgers Garten. Auffällig ist die lebensgroße Plastik eines Mittelschnauzers, die wirkt, als stünde der Hund tatsächlich im Gras und beobachte, typisch für einen Schnauzer, misstrauisch die Besucher. Burger erzählt, dass er die Plastik in einem Hotel in Oslo entdeckte und sofort kaufen wollte. Nicht zuletzt, weil er zu Hause selber einen Mittelschnauzer hatte. Nach ein paar Monaten wurde der Hund in einer mit Holzwolle gepolsterten Kiste geliefert. Tessa, der lebende Mittelschnauzer, hat die Plastik aber nur einmal kurz beschnüffelt und dann nicht mehr beachtet. Inzwischen musste der Hund wegen einer Erkrankung eingeschläfert werden. Geblieben ist die Plastik. „Wir wohnen jetzt allein hier“, sagt Burger, und da ist fast so etwas wie Wehmut in seiner Stimme. „Wir haben die Brutpflege abgeschlossen.“ Die beiden Söhne leben längst ihr eigenes Leben. „Der Große ist Pilot und fliegt für die Lufthansa den A380. Der Kleine hat vor zwei Wochen seinen Master als Elektroingenieur gemacht.“

Burger ist stolz auf seine Jungen, das spürt man. Er würde das vermutlich so aber nicht sagen. Jedenfalls keinem Reporter, den er erst seit wenigen Minuten kennt. Auch sonst ist er, was Privates betrifft, nicht sehr mitteilsam. Das versucht er mit Ironie zu kaschieren. Die Feststellung, er stamme wohl aus Hessen, beantwortet er mit dem todernst vorgetragenen Satz: „Wie kommen Sie denn darauf.“ Obwohl er natürlich genau weiß, dass schon nach wenigen Worten klar wird, wo seine Heimat ist. Es ist die typische Sprachmelodie, die er nie wieder loswerden wird. Und wohl auch nicht loswerden will.

1988 kam er mit seiner Frau, einer Arbeitsmedizinerin, als junger Professor für Immunologie nach Berlin. Trotzdem fühlt er sich noch immer als Hesse. „Ich habe deutliche Heimatgefühle“, sagt er. Gerade sei er wieder in Roßdorf nahe Darmstadt bei einem Klassentreffen gewesen. Aber zurückzuziehen in den kleinen Ort, in dem seine Familie schon seit Generationen lebt – nein, das wäre dann wohl doch zu viel der Heimatliebe. „Das kulturelle Angebot hier würde ich doch sehr vermissen.“ Burger und seine Frau haben ein Abonnement der Berliner Philharmonie. Und erst letzten Montag schauten sie sich im Berliner Ensemble die neue Inszenierung von „Romeo und Julia“ an. Burger allerdings nur bis zur Pause. Dann musste er ins Institut, weil es mehrere Nachfragen wegen des offenbar grassierenden Erregers EHEC gab und sein Handy beinahe ständig vibrierte.

Als wir unseren Termin für den Spaziergang vereinbarten, war EHEC noch kein aktuelles Thema. Ich vermutete morgens noch, dass jede Minute ein Anruf kommen und man uns mitteilen wird, dass Herr Burger nun doch keine Zeit für uns habe. Vielleicht hat er diese Absage auch erwogen, aber als der Fotograf Martin Lengemann und ich vor seinem Hoftor stehen, sagt er nur: „Sie müssen bitte Verständnis haben, wenn ich ab und an telefoniere.“

Auch den geplanten Spaziergang will er mit uns absolvieren. Und schon in der Meisenstraße, wenige Schritte von seinem eigenen Grundstück entfernt, erklärt er uns: Rechts wohne Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Links hatte einst der Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler sein Domizil. Weiter geht's, zügigen Schrittes, in Richtung Thielpark. Die Sonne scheint. Burger breitet die Arme aus und schaltet einen Moment alle Gedanken an das Virus EHEC ab: „Diese Natur, ist das nicht herrlich. Gar nicht weit weg vom Stadtzentrum und doch mitten im Grünen.“ Burger wirkt auf den ersten Blick wie ein Mann, der nach einem langen Tag im Institut lieber entspannt auf seiner Terrasse sitzt, statt sich die Sportschuhe zu schnüren. Doch der Eindruck täuscht. Der Professor ist ein äußerst bewegungsfreudiger Mensch. Er wandert gern, fährt mit seiner Frau viel Fahrrad. Fast schon ein Pflichtprogramm ist das regelmäßige Joggen. Möglichst drei bis vier Mal in der Woche eine Dreiviertelstunde durch den Dahlemer Forst. „Das lässt den Kopf frei werden und baut Stress ab“, sagt er. Ab und zu läuft er sogar einen Halbmarathon – „auch, um meinen Kindern zu bestätigen, dass ich noch nicht ganz uralt bin“. Für die knapp 22 Kilometer benötigt er um die zwei Stunden. Das ist eine passable Zeit. Aber es tut auch weh. „Bis Kilometer 17 ist es ganz nett“, sagt er. „Aber dann kommt der Punkt. Dann denkst du: Warum mache ich das eigentlich?“

Dass er zügig laufen kann, beweist Burger auch bei unserem Spaziergang. Es geht weiter flott voran. Er mag diese Gegend. „Das ist geschichtsträchtiger Boden. In nur 500 Metern Umkreis sind hier einige Nobelpreise verdient worden“, sagt er – und bleibt in der Thielallee 63 vor dem Hahn-Meitner-Bau kurz stehen, um uns einen Blick auf die Gedenktafeln zu ermöglichen. Einen weiteren Stopp gibt es vor dem Ernst-Ruska-Haus, das an den namhaften Ingenieur erinnert, der in den 30er-Jahren das erste Elektronenmikroskop konstruierte. Für Burger ist es „auch heute noch ein sehr wichtiges Instrument, weil man auf diese Weise in wenigen Minuten einen ersten Befund erhalten kann“.

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Arbeiten wie ein Detektiv

Geholfen hat das Elektronenmikroskop auch im Herbst 2001 nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Überall gab es Terrorwarnungen. In Berlin wurden Umschläge abgelegt, die angeblich mit dem hochgefährlichen Milzbranderreger Antrax gefüllt waren. Einer fand sich im Parkdeck eines Weddinger Möbelhauses. Fast 300 Personen durften das Gelände nicht verlassen. Spezialfahrzeuge der Feuerwehr rückten an und brachten das Kuvert ins nahe gelegene Robert-Koch-Institut. Adressat war Burger. „In so einer Situation kann man nicht sagen, man braucht drei oder vier Tage, um zu einem vorläufigen Ergebnis zu kommen“, sagt er. „Man will ja nicht Pocken oder Milzbrand übersehen, andererseits aber auch nicht Alarm geben und es ist gar nichts.“ Rückblickend sei es damals jedoch die größte Herausforderung gewesen, den Container zu öffnen. „Ein fest verschraubter Behälter, in dem sonst Giftgasgranaten transportiert werden.“ Anschließend habe man sehr schnell herausgefunden, dass es sich bei dem vermeintlich so gefährlichen Pulver nur um Stärkekörner handelte. „So konnten wir guten Gewissens Entwarnung geben.“

In anderen Fällen, so Burger, sei seine Arbeit schwieriger und auch zeitaufwendiger. Das betreffe auch die Herkunft des Darmbakteriums EHEC, die Mitarbeiter des Institutes derzeit fieberhaft suchen. Das sei „regelrechte detektivische Arbeit“: Menschen in den betroffenen Gebieten werden gezielt befragt, welche Lebensmittel sie wann und wo gekauft haben, wie sie verarbeitet und schließlich verzehrt wurden. So lässt sich die Quelle des Erregers eingrenzen und eine weitere Ausbreitung verhindern. Generell, so Burger, müsse das Institut Risiken und Gefährdungen frühzeitig erkennen und einordnen. „Das sind Entscheidungen mit Augenmaß“, sagt er. „Man kann natürlich immer die maximalen Sicherheitsmöglichkeiten fordern, aber dann würde man alles lahmlegen.“

Genau da liegt aber auch die Verantwortung. Prognosen und Warnungen sind immer auch verbunden mit einem Risiko. Irren kann Menschenleben kosten, Irren kann aber auch sehr teuer sein. Und hinterher sind andere sowieso immer schlauer. Burger erinnert an die Schweinegrippe, die 2009/2010 für große Unsicherheit sorgte. Nicht zu Unrecht. „Schon bei dieser milden Pandemie“, sagt er, „waren die Intensivbetten so gut wie ausgeschöpft.“ Deswegen könne er nicht verstehen, wenn im Nachhinein kritisiert werde, es sei viel Geld für Impfstoff ausgegeben worden. „Wenn keiner weiß, wie sich das Pandemie-Virus verhält, wäre es ein Fehler gewesen, Impfstoff nicht zu bevorraten. Niemand kann wissen, wie es sich weiterentwickelt. Unsere originäre Aufgabe ist nun mal der Schutz der Bevölkerung.“

Am Freitag nahm denn auch das Gesundheitsministerium das Robert Koch-Institut gegen Kritik in Schutz. Es sei die Pflicht der Behörden, bei einer Erkrankung mit Todesfolgen die Bevölkerung frühzeitig zu informieren. Die Warnung vor dem Verzehr von rohem Gemüse aus Norddeutschland habe weiterhin Bestand, solange die konkrete Ursache nicht zweifelsfrei geklärt sei. Bauern-Verbandspräsident Gerd Sonnleitner hatte die Warnung des RKI als „schwere Kommunikationspanne“ kritisiert.

Unser Weg führt jetzt zurück Richtung Meisenstraße. Burgers Schritte werden hastiger. Vielleicht ist es sein übliches Tempo. Wahrscheinlich treibt ihn der Gedanke an sein Institut voran, wo sich auf dem Schreibtisch sicher schon Zettel mit weiteren Anfragen stapeln. Dann klingelt sein Handy, er tritt beiseite und telefoniert leise. Burger wird am nächsten Tag die Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Bundestages über die Maßnahmen gegen den Erreger EHEC informieren. Er wird eine Pressekonferenz abhalten und wieder und wieder Interviews geben. Es ist sein Job, jetzt die Nerven zu behalten. Er kennt diese Spannungen. Er hat sie oft erlebt. Auch wenn die Koffer für den Urlaub gerade gepackt waren und dann der alarmierende Anruf von einem Seuchenbeauftragten kam. Mehrfach wurde er auch schon aus dem Urlaub zurückgerufen.

Ob das wirklich sein Traumjob ist? Er lächelt. Der Professor ist kein Freund von Superlativen. Aber auf die Frage, was er sonst gern noch machen würde, fällt ihm dann auch nichts ein. „Ich kann mir nichts Besseres vorstellen“, sagt er. „Für mich ist es der spannendste Beruf, den es gibt.“

Infos zum Erreger: >>> So schützen Sie sich vor EHEC