276 schwere Fälle

Blutplasma-Reserven werden knapp wegen EHEC

Die Infektionen mit EHEC nehmen weiter drastisch zu. Laut Robert-Koch-Institut sind 276 Fälle der lebensgefährlichen Form bekannt, am Freitag verstarb die sechste Patientin. Ärzte befürchten ein Ende des Blutplasma-Reserven, die bislang das Mittel sind, um das Nierenversagen der Betroffenen zu verhindern.

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Die Gefahr durch das lebensfährliche EHEC-Bakterium ist noch längst nicht gebannt. „Der Ausbruch geht weiter. Von gestern auf heute sind etwa 60 neue HUS-Fälle, also schwere Verläufe dieser EHEC-Infektion, dazugekommen“, sagte der Direktor des Robert-Koch- Instituts (RKI), Reinhard Burger, am Freitag im ARD-„Morgenmagazin“. Binnen einer Woche wurden bereits rund 800 bestätigte und EHEC- Verdachtsfälle registriert. In Deutschland werden normalerweise im gesamten Jahr etwa 900 Infektionen mit den Bakterien gemeldet.

„Wir müssen aufgrund der steigenden Zahlen immer noch von einem dynamischen Geschehen ausgehen“, hieß es am Morgen aus dem niedersächsischen Gesundheitsministerium in Hannover. Auch in anderen europäischen Ländern wurden mittlerweile einige Fälle registriert, meist waren aus Deutschland kommende Reisende betroffen.

Im Zusammenhang mit dem gefährlichen EHEC-Erreger hat es einen weiteren Todesfall gegeben. Eine Seniorin aus Cuxhaven sei am Freitagmorgen in einem Bremer Krankenhaus gestorben, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums in Hannover, Thomas Spieker. Bei der Frau des Jahrgangs 1934 war eine EHEC-Infektion labordiagnostisch nachgewiesen und sie litt an der schweren Darminfektion, dem sogenannten Hämolytisch-Urämische Syndrom (HUS).

Zudem wurde inzwischen bei einem schon bekannten Todesfall vom Mittwoch mittlerweile der tödliche Erreger nachgewiesen. Damit gibt es bundesweit bislang sechs Todesfälle, die mit EHEC in Verbindung gebracht werden.

Wegen der vielen infizierten Patienten in deutschen Krankenhäusern, könnte das Blutplasma knapp werden. „Noch haben wir ausreichend Spendenplasma zur Behandlung der Patienten, aber wenn die Situation so anhält, könnte es schwierig werden“, sagte der behandelnde Nierenarzt der Medizinischen Hochschule Hannover, Jan Kielstein, am Freitag. Um ein Nierenversagen bei den Betroffenen zu verhindern, müsse bei ihnen mindestens drei Mal ein Plasmaaustausch vorgenommen werden.

„Pro Therapie brauchen wir das Blutplasma von sechs bis zehn Spendern.“ In der Klinik in Hannover arbeiten derzeit rund 30 Fachkräfte rund um die Uhr, um die 31 Erkrankten zu versorgen. Etwa zwei Drittel der Patienten kommen aus Lüneburg und Hamburg.

Auf der Suche nach der Ursache des Erregers hatten die Gesundheitsbehörden am Donnerstag einen ersten Erfolg vermeldet. In Hamburg wurden die Bakterien auf Salatgurken aus Spanien entdeckt. Je eine verseuchte Gurke stammte einem Sprecher der Gesundheitsbehörde zufolge von Unternehmen aus Málaga und Almería.

Ein Manager des Herstellers Pepino Bio Frunet sagte der „Bild“-Zeitung vom Freitag, die mit dem EHEC-Erreger verseuchten Bio-Gurken seien auf dem Weg von Spanien nach Deutschland verunreinigt worden. Von einem Kunden in Deutschland habe er erfahren, dass die Gurken während des Transports heruntergefallen wären, sie aber dennoch auf dem Hamburger Großmarkt verkauft werden sollten.

Beider vierten Gurke deuten Hinweise auf Lieferwege aus den Niederlanden hin, teilte der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Rico Schmidt, am Freitag mit. Die Ermittlungen diesbezüglich liefen noch, sodass bislang kein Unternehmen benannt werden könne.

Die Behörde versuchen derzeit, alle möglichen Handelswege der untersuchten Gurken nachzuvollziehen, um Zusammenhänge zwischen den Erkrankungen herzustellen. Ein Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde räumte am Freitag allerdings ein, es werde vermutlich „nie richtig“ geklärt werden können, wo die Gurken kontaminiert worden seien, auch weil es zum Teil viele Zwischenstationen für die Ware gebe. „Die Vertriebswege sind verschachtelt und verzweigt“, sagte der Sprecher. Wegen der Ausbreitung der EHEC-Fälle hatten das RKI und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vorerst davon abgeraten, Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland roh zu verzehren.

Eine Klassenfahrt in Titisee-Neustadt im Schwarzwald hat für 27 Schüler sowie einen Erwachsenen im Krankenhaus geendet. Sie hatten sich in einer Jugendherberge mit dem hochansteckenden Norovirus infiziert und litten daraufhin unter Brechdurchfall, teilte der Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) am Freitag mit. Opfer des Erregers wurden vor allem Schüler aus Calw in Baden-Württemberg sowie einer Schule aus Italien. Sie sind zwischen 12 und 14 Jahre alt. Außerdem steckte sich der Busfahrer einer der Schulklassen an.

Die anfängliche Befürchtung, die Brechdurchfälle am Donnerstag könnten vom EHEC-Erreger verursacht worden sein, habe sich schnell zerschlagen, sagte Michael Preuss, ärztlicher Leiter des Notarztstandorts Titisee-Neustadt.

Insgesamt versorgte der Rettungsdienst 86 Menschen. Die ersten konnten am Freitag das Krankenhaus wieder verlassen. Die Jugendherberge wurde vom Betreiber vorerst geschlossen. Sie werde erst wieder geöffnet, wenn die Räume desinfiziert sind. Wie das Norovirus in die Jugendherberge gelangte, war zunächst unklar.