Treibhauseffekt

Insekten sind die Gewinner des Klimawandels

Gottesanbeterinnen im Karlsruher Stadtpark, Brombeer-Perlmuttfalter in Mittelbaden, Süßwasserquallen im Bodensee: In Süddeutschland wird die Tier- und Pflanzenwelt zwar bunter, für einige Tiere bedeuten die steigenden Temperaturen aber das Aus.

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Temperaturen, die in Baden-Württemberg nach Angaben des Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum seit 1950 um durchschnittlich 1,5 Grad gestiegen sind, lassen vieles blühen und gedeihen, was einst nur in südlichen Gefilden anzutreffen war. Negativ etwa sei zum Beispiel die Einwanderung der Beifußblättrigen Ambrosia – die Pflanze soll besonders starke allergische Reaktionen auslösen.

Die Erwärmung könnte zudem für einige Tiere das Aus bedeuten. Libellenarten wie Alpenmosaikjungfer oder Alpensmaragdlibelle, die im Schwarzwald ab einer Höhe von 700 Metern vorkommen, können vor der Wärme nur in eine Richtung fliehen: nach oben. „Bei 1200 Metern im Nordschwarzwald ist aber nun mal Schluss“, sagt Arno Schanowski vom Naturschutzbund Deutschland (NABU). Dass diese Arten in Baden- Württemberg aussterben, sei ziemlich wahrscheinlich. Allgemein lasse sich über die Gefährdung heimischer Arten aber nur spekulieren. „Wenn sich eine neue Art ausbreitet, lässt sich das viel leichter beobachten, als wenn ihr Bestand abnimmt.“ Für die Insektenwelt sei das wärmere Klima im Moment in erster Linie eine Bereicherung, sagt Schanowski.

Eine Bereicherung sind auch Vogelarten wie der exotisch gefiederte Bienenfresser oder der Orpheusspötter. Allerdings sind es nach Angaben des Agrarministeriums nicht nur bunte Vogelarten, die den Weg nach Baden-Württemberg finden, sondern auch viele Schädlinge wie etwa der Asiatische Laubholzkäfer. Nicht neu, aber auf dem Vormarsch sind Borkenkäfer und Maikäfer. Der Waldmaikäfer brauche auf Grund der Witterung nicht mehr vier, sondern nur noch drei Jahre, bis er sich vom Ei zum Käfer entwickelt hat. Das hat die Forstliche Versuchsanstalt bei Grabungen in der Nähe von Karlsruhe herausgefunden. Die Folge: Die Käfer vermehren sich schneller und öfter.

Hinzu komme, dass die Eier und Larven vieler Insekten bei den milden Temperaturen den Winter überleben. Im Verlauf des Jahres könnten so zusätzliche Generationen heranwachsen, teilt das Ministerium mit. Durch Trockenheit, höhere Temperaturen und Luftschadstoffe geschwächt, mache die Zunahme der Schädlinge vielen Bäumen zu schaffen. „Die Bäume können nicht vor dem Klimawandel davonlaufen“, sagt Forstminister Peter Hauk (CDU).

Seit 1950 hat sich die Blühzeit in Baden-Württemberg nach Angaben des Agrarministeriums um zwölf Tage verlängert. Forsythien etwa blühen inzwischen im März, vor 50 Jahren seien sie erst im April so weit gewesen. Entsprechend fangen einige Vogelarten früher zu brüten an, berichtet Markus Peintinger vom NABU. Allerdings sei diese Verschiebung begrenzt. „Der Brutzeitpunkt ist nicht nur wärmebedingt, sondern hängt auch an der Tageslänge“, erklärt er. Als besonders auffällig bezeichnet Peintinger das veränderte Zugverhalten der Vögel. Die Rauchschwalbe, die sich früher im Winter nach Nordafrika absetzte, halte es inzwischen auch in Südeuropa aus, und sei so im Frühjahr schneller wieder in Süddeutschland.

Des einen Freud, des andern Leid. „Sicherlich ist es schön, wenn sich neue Tierarten wie der Bienenfresser oder die Gottesanbeterin in Baden-Württemberg ansiedeln. Heimische Arten wie das Auerhuhn leiden dagegen unter der Erwärmung und werden in kältere Regionen abwandern“, sagt Minister Hauk. Eines jedenfalls steht fest: Dem Unkraut wird das veränderte Klima wenig anhaben.

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