Luchse

Ein Totgeglaubter kehrt in deutsche Wälder zurück

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Roland Knauer

Foto: pp_ae / pa

1850 galt der Luchs hierzulande als ausgerottet und war die Attraktion der Wildparks. Nun wurden einzelne Exemplare wieder in freier Wildbahn gesichtet. Freuen sollten sich darüber besonders die deutschen Förster: Luchse reduzieren den Rehbestand und verschaffen somit dem Wald eine Verjüngungskur.

Erst glaubte der Jäger seinen Augen nicht, dann handelte er in Notwehr, als unter seinem Hochsitz im Staatsforst von Spangenberg in Nordhessen ein ausgewachsener Luchs lauerte. Das Tier ließ ihn nicht mehr auf den Boden. Als der Waidmann keinen anderen Ausweg mehr sah, erschoss er die Großkatze mit den Pinselohren. Später zeigte sich, dass der Luchs völlig ausgehungert war und den Jäger wohl nur hungrig anbettelte, berichtet der Arbeitskreis Hessenluchs, zu dem sich verschiedene Naturschutzorganisationen und Jagdverbände zusammengeschlossen haben.

Dieser Vorfall ist bisher einmalig, könnte sich in Zukunft aber in Deutschland öfter wiederholen. Um 1850 wurde die Großkatze hierzulande ausgerottet, bereits in den 70er-Jahren aber begann zunächst in der Schweiz und später in anderen Ländern die Wiederansiedlung des Eurasischen Luchses, Lynx lynx. Gleichzeitig wurde der Luchs ein heimlicher Star etlicher Wildtiergehege. Und weil junge Kätzchen ein Publikumsmagnet sind, schafften sich viele Parkbetreiber gleich ein Männchen und ein Weibchen an, die meist auch prompt für Nachwuchs sorgten. Lange dauerte es nicht, bis zu viele Luchse hinter deutschen Wildzäunen lebten.

Im Bayerischen Wald und im Harz waren bereits die ersten Luchse mit behördlichem Segen ausgesetzt worden, als vermutlich so mancher Luchspaar-Eigentümer mit überschüssigen Jungtieren beschloss, diese ebenfalls in die Freiheit zu entlassen. Das ist zwar illegal, trotzdem sprang wohl in dunkler Nacht aus so manchem Kofferraum das eine oder andere Pinselohr in den Wald hinaus. Das Leben in freier Wildbahn kannten diese Luchse nicht, selbst zu jagen, hatten sie nicht gelernt. Auch der Luchs von Spangenberg hatte nur einen Knochensplitter und ein wenig Gras im Magen, als er unter dem Hochsitz erschossen wurde. Später stellte sich heraus, dass er in einem Privathaushalt aufgewachsen war und illegal freigelassen wurde.

Auch auf eigenen Pfoten schlichen die Tiere aus Osteuropa bis in den Böhmerwald und von dort über die heute grüne Grenze in den Bayerischen Wald. Wie viele Pinselohren hierzulande durch die Wälder schleichen, weiß niemand so genau. Nicht einmal eine Größenordnung möchte Wolfgang Fremuth andeuten, der sich bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) um Naturschutzprojekte in Europa kümmert und in dessen Aufgabenbereich der Luchs daher fällt. Da nicht aus Gehegen kommende Tiere ohnehin dem Menschen aus dem Weg gehen und sich tagsüber in Wäldern verstecken, geben auch Zufallsbegegnungen kaum Hinweise auf ihre Zahl.

Nachts durchqueren die Tiere aber auch Wohngebiete. Am Rande von Marburg filmte eine Überwachungskamera eines Nachts einen Luchs, der den Parkplatz eines Supermarktes überquerte. Vor Autobahnen oder Hochgeschwindigkeitstrassen der Bahn aber haben die Tiere Angst, erklärt Fremuth. Hauptverkehrsadern schneiden den Pinselohren daher oft den Weiterweg ab. Ansonsten aber wandern Luchse weit, wenn sie zum Beispiel einen Geschlechtspartner suchen. Dann jagen sie auch auf Feldern, kilometerweit vom nächsten Wald entfernt. Bemerkt werden sie meist erst dann, wenn sie ein Schaf reißen. Gegen solchen Mundraub kann ein Schäfer sich zwar gut wehren, wenn er Hütehunde hält und seine Tiere nachts einpfercht. Allerdings haben sich solche Methoden noch nicht so recht herumgesprochen; Deutschland ist auf den Luchs noch nicht wirklich vorbereitet, bedauert Fremuth.

Standardnahrung der 17 bis 30 Kilogramm schweren Katze ist aber keineswegs das Schaf, fand Wlodzimierz Jedrzejewski vom Säugetier-Forschungsinstitut der polnischen Akademie der Wissenschaften im Bialowieza-Wald heraus. Im dortigen Nationalpark an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland rüstete er 18 Luchse mit einem Radiosender aus und kontrollierte regelmäßig, was sie erbeuteten. Er entdeckte fast ausschließlich die Kadaver von Rehen. In ihren rund 100 Quadratkilometer großen Revieren schlagen dabei vor allem die Weibchen kräftig zu, die Jungen führen. Fast jeden zweiten Tag erbeuten sie ein Reh. Die als Einzelgänger in einem rund 150 Quadratkilometer großen Gebiet jagenden Männchen dagegen erlegen nur jeden fünften Tag ein Reh. Für den Hunger zwischendurch vergraben sie ihre Beute unter Laub, sodass auch das geschulte menschliche Auge kaum eine Chance hat, einen Luchs-Riss zu finden.

Auf die Rehpopulation haben die Luchse, bei denen sich die Reviere von Männchen und Weibchen aus naheliegenden Gründen stark überlappen, einen kräftigen Einfluss, vermutet Wlodzimierz Jedrzejewski aufgrund einer historischen Analyse. Als der Mensch um die Jahre 1880 und 1960 bis 1970 zweimal die Luchse im Bialowieza-Wald völlig ausrottete, verdoppelten sich die Rehbestände in wenigen Jahren. Als die Luchse später wieder in das Gebiet zurückkehrten, halbierten sie die Zahl des Rehwildes wieder.

Deutsche Förster sollten den Luchs also begrüßen, falls er in ihren Forst zurückkehrt. Denn Rehe verbeißen hierzulande junge Triebe so stark, dass die jungen Bäumchen kaum eine Chance haben. Erst wenn der Waldbesitzer den Wald einzäunt oder sie bejagt, verjüngt sich mitteleuropäischer Kulturforst von selbst. Dieses Geld könnten sich die Förster wohl sparen, wenn der Luchs zurückkommt.