Boten des Meeres

Flaschenpost hilft bei Messung des Klimawandels

Jeder Romantiker würde sich bei einem Strandspaziergang über einen solchen Fund freuen: Eine Glasflasche, ein zusammengerollter Brief darin, verschlossen mit einem Korken. Doch was viele nicht wissen: Schon früher dienten Flaschenpostsendungen einem wissenschaftlichen Zweck.

Foto: Bertold Fabricius

Eine Glasflasche, ein zusammengerollter Brief darin, verschlossen mit einem Korken – wer hofft bei einem Strandspaziergang nicht insgeheim, eine Flaschenpost in den Händen zu halten. Doch was viele nicht wissen: Die ersten Flaschenposten, die über Bord gingen, dienten einem weniger romantischen Zweck: der Erkundung der Meeresströmungen.


Das ist auch heute noch so, auch wenn sich die Art des Gefäßes verändert hat. Die neuesten Modell leisten sogar noch mehr: Sie liefern wichtige Daten zur Erforschung des Klimawandels. Ausgerüstet mit Mess- und Sendeinstrumenten sind weltweit rund 3300 moderne Varianten der althergebrachten Flaschenpost in den Ozeanen unterwegs. Wissenschaftlich genutzt wurden von Flaschenpost abgeleitete Strömungsdaten erstmals im 18. Jahrhundert. Ab 1887 gab die Hamburger Seewarte den Kapitänen der deutschen Handelsschiffe systematisch Vordrucke für Flaschenposten mit auf die Reise, die sie auf vorher bestimmten Längengradpositionen über Bord werfen sollten. Die Finder der Flasche wurden „ergebens ersucht“, sie unter Angabe des Datums und des Fundorts an die Seewarte zurückzusenden. Das Ziel: die Vermessung der Meere. Die Behältnisse veränderten sich über die Jahre: Aus Tonkrügen, wurden mit Wachs oder Korken verschlossene Flaschen, in den 50er Jahren wurden eingeschweißte Pappkarten auf See geschickt.


Die modernste Form der Flaschenpost heißt „Floating Drifter“. Sie ist gut anderthalb Meter hoch, aus gelb lackiertem Aluminium und stromert in den Weltmeeren herum. „Sie zeichnen neben der Tiefenströmung auch den Salzgehalt und die Temperatur des Wassers auf“, erklärt Dr. Birgit Klein, die das Projekt an der Behörde für Schifffahrt und Hydrografie (BSH) betreut. „Alle zehn Tage steigen die 'Floats' wieder an die Oberfläche und senden ihre Daten per Antenne über einen Satelliten nach Hause.“


An dem Projekt beteiligen sich einzelne deutsche Forschungs-Initiativen. Die BSH Hamburg betreut federführend die Teilnahme Deutschlands am „Argo Data Management“-Programm. Momentan sind 172 Treibgute für Deutschland im Einsatz. Insgesamt beteiligen sich 24 Staaten. „Mit den Daten wird ein flächendeckendes 3-D-Strömungsmodell der Ozeane abgebildet“, so Dr. Birgit Klein.

Flaschenpost 52 Jahre lang unterwegs

Doch angesichts soviel Technik, lohnt der Blick zu den Anfängen – neben dem „Floating Drifter“-Projekt wird in der BSH nämlich auch die weltweit größte wissenschaftliche Flaschenpostbriefsammlung gehortet. In vier dicken schwarzen Büchern ruhen insgesamt 662 vergilbte Zettel, die einst in Buddeln über die Weltmeere schwappten. Darin verstecken sich wahre Schätze. Die längste Zeit unterwegs etwa war ein Brief, der am 19. März 1955 in Neuseeland angespült wurde. Diese Flaschenpost war 1903 von einer deutschen Südpol-Expedition bei Tasmanien ausgesetzt worden. Erst 52 Jahre später kam sie an und hatte in dieser Zeit bis zu zehn Mal die Welt umrundet. Mit zittriger Hand geschrieben, manchmal etwas krickelig vom Wellengang, notierten die Kapitäne Datum und den genauen Fundort. Und so schlummert in den dicken Ordnern ein wenig Seefahrerromantik.


Mit Letzterer haben die modernen „Floats“ von heute nichts gemein: Eher zeichnen sie eine düstere Zukunft: So lautet ein Schwerpunkt der Forschung das Versiegen des Golfsstroms durch die Klimaerwärmung. „Durch das vermehrte Schmelzen der Gletscher und den Zufluss von Süßwasser können Meeresströmungen kollabieren – ohne Golfstrom stünde Europa eine rapide Abkühlung bevor“, erklärt Forschungsleiter Hartmut Heinrich, 56.


Noch stehen die Daten der Allgemeinheit zur Verfügung. Ein Umstand, über den nicht alle Staaten glücklich sind. Schließlich sind die Meeresboten theoretisch auch in der Lage, Daten zu sammeln, die nicht nur für Klimaforscher nützlich sind. „Zum einen interessieren sich militärische Dienste für diese Daten“, so Heinrich, „außerdem kann man die Boten auch so ausstatten, dass sie etwa Gas- und Ölvorkommen orten können.“ Informationen, welche die Länder lieber für sich behalten wollen.

Doch es gibt auch amüsante Beobachtungen: Da die Gefäße mit einem GPS-Signal ausgestattet sind, kann jedes genau lokalisiert werden. Eins hat sich offenbar in den Wohnzimmerschrank eines afrikanischen Fischers verirrt. Wie das? „Über Google-Earth kann man die Route der ‚Floats' genau beobachten. Einer muss von einem Fischer an der Westküste Afrikas ins Netz gegangen sein“, erklärt Hartmut Heinrich. Die Route zeige, wie das Gerät mit an Land transportiert und zwischenzeitlich mit auf den Markt genommen wurde. „In den letzten Monaten wurde das Gerät nicht mehr bewegt“, sagt er und fügt hinzu: „Demnach befindet sich der ‚Float' mitten in einem afrikanischen Wohngebiet.“