Mit Äxten und Schwertern wird jetzt wieder heftig gemetzelt – zumindest virtuell: Der Sat.1-Vierteiler „Die Säulen der Erde“ ist angelaufen. Der Bedarf an Kunstblut war bei den Dreharbeiten hoch. Echt soll es aussehen, dabei gut zu handhaben sein und aus Kleidung möglichst auch noch auswaschbar. Letzteres ist nicht unbedeutend, schließlich wird am Film-Set oft x-mal geprobt, bis der getroffene Krieger lebensecht stirbt.

Fast die gesamte Weltproduktion an Film- und Theaterblut stammt von der Firma Kryolan mit Sitz in der Weddinger Papierstraße. Senior-Chef Arnold Langer (89) ist Chemiker und hatte noch kurz vor dem Krieg bei der Ufa in Babelsberg ein Praktikum gemacht und dabei die ersten Rezepturen für Theaterschminke zusammenzurühren gelernt. Schon kurz nach dem Krieg begann Langer in einem ehemaligen Schlachthof mit der Produktion von Theaterschminke.

Seither ist viel Know-how zusammengekommen. Die Blutküche leitet allerdings schon seit vielen Jahren der aus dem Iran stammende Lebensmittelchemiker Yousef Atapour (56). Lebensmittelchemie sind auch die Filmblutzutaten: Carbonol, eine Stärkevariante, wie sie ähnlich als Verdickungsmittel in der Küche verrührt wird, ist die Grundsubstanz. Dazu Wasser, außerdem Glycerin als Feuchthaltemittel, damit das Blut nicht zu schnell eintrocknet, wenn das Drehbuch frische Wunden vorsieht. Aber erst Haft- und Konsistenz-Additive wie Zucker und Gips garantieren echte Schockwirkung.

Körpersäfte für jede Rolle

Blutrot muss es natürlich aussehen, dafür ist Lebensmittelfarbe in der Mixtur verantwortlich. Deren Dosis macht's, ob frisches, helles Blut scheinbar aus der Halsschlagader schießt, oder dunkles Blut aus einer Vene sickert. Geronnenes Blut hat seine eigene Farbe und Konsistenz, im Kryolan-Labor wird Latex hinzugefügt, wenn Blutschorf gefordert ist.

Mehr als 50 Sorten Blut können Requisiteure kaufen. Je nach Regisseur und Drehbuch variieren die Vorgaben: dick oder dünn, lange flüssig oder schnell trocknend, aus dramaturgischen Gründen auch mal schwarz. Für große Wunden gibt es eine andere Sorte als für kleine oder speziell für Großaufnahmen. „Transparentblut“ wiederum gibt den Blick auf das geschundene Fleisch darunter frei.

Dazu gibt es unappetitliche Spezialitäten: Soll der Schauspieler Blut spucken, beißt er auf eine Kunstblutkapsel im Mund. Damit ihm das nicht unangenehm wird, fügen die Kryolan-Chemiker Pfefferminzextrakt oder Erdbeeraroma hinzu.

Die Liste der Unappetitlichkeiten ist mittlerweile noch viel länger, denn Kryolan hat alle Körperflüssigkeiten in synthetischer Form im Angebot. Nicht nur die Filmleute bestellen sie, auch von Bühnen wird alles nachgefragt – vom Blut-und-Hoden-Theater ist die Rede. Deshalb verfügt Laborchef Atapour auch über Rezepte für künstliches Sperma, Urin, Eiter, Exkremente und Erbrochenes. In dem was Bühnenmägen scheinbar ausstoßen, steckt ein zelluloseartiges Verdickungsmittel ähnlich dem Carbonol für Kunstblut, außerdem Zuckersirup, Wachse, Wasser, Farbe – und angenehme Aromen, damit das echt aussehende Gebräu dem Schauspieler nicht tatsächlich Übelkeit bereitet. Andererseits liefert Kryolan auch den Ganzkörper-Schoko-Überzug.

Mit dem exzessiven Blutverbrauch hatte in den 70er-Jahren der Regisseur Peter Stein begonnen. Damals gab es nur eine teure Kunstblutvariante, Stein wollte aber viele Liter pro Aufführung. Langer kombinierte und testete und fand preisgünstige und textilfreundliche Varianten. So begann der Kunstblutboom, nachdem er vor allem Theater-Make-up produziert hatte. Heute verfügt Kryolan über 5000 Rezepturen, 350 Farben und 16.000 Produkte.

Fast alle kaufen bei der Weddinger Firma, die 240 Mitarbeiter beschäftigt: Hollywood und Bollywood, Theater und Opern, TV- und Werbefilmproduzenten. Selbst die Milka-Werbekuh war kryolanlila. Im Angebot sind seit einigen Jahren auch Kunststoffe für Glatzen und künstliche Nasen. Für die echte Welt stellt Kryolan Abdeck-Make-up für OP- und Verbrennungswunden her. Getestet werden neue Produkte an Mitarbeitern der Firma, aber auch streng wissenschaftlich an der Charité. Was sich Schauspieler ins Gesicht reiben, soll schließlich unbedenklich sein. Schaden nehmen soll nur die Filmfigur.