Selbstmord-Einsätze

Kamikaze – Wie die Luftwaffe Piloten opferte

Kamikaze, das war Japans letztes Aufgebot im Zweiten Weltkrieg. Doch auch die deutsche Luftwaffe schickte Piloten auf selbstmörderische Einsätze.

Der Attacke kommt von oben. Als sich mehr als 1300 viermotorige Bomber der amerikanischen Luftwaffe (USAAF) am 7. April 1945 wieder einmal über Norddeutschland ihren Zielanflug auf Fabriken, Industrieanlagen und Güterbahnhöfe beginnen, werden sie plötzlich angegriffen. Um 13.25 Uhr stürzen aus dem Himmel deutsche einmotorige Jäger auf sie zu. Doch statt aus der üblichen Entfernung von etwa 600 Metern das Feuer zu eröffnen und dann anderthalb Sekunden später bei 300 Meter Abstand abzudrehen, bleiben die Maschinen diesmal auf Kollisionskurs.

Nur Sekundenbruchteile bleiben den Piloten der Bomber B-17 und B-24 noch, um ihre vergleichsweise trägen Maschinen mit einem ruckartigen Manöver aus der Flugbahn zu reißen. Knapp zwei Dutzend der "Fliegenden Festungen“ und "Liberators“ der achten US-Luftflotte gelingt dieses Manöver nicht mehr: Sie stoßen mit den Jagdmaschinen zusammen. Nach unterschiedlichen Angaben werden zwischen acht und 15 US-Maschinen zerrissen oder aber so schwer beschädigt, dass sie aufgegeben werden müssen. Weitere 28 Bomber werden von deutschen Düsenjägern auf gewöhnliche Weise abgeschossen.

Es war der einzige größere Angriff des "Sonderkommandos Elbe“, einer Spezialeinheit, deren Aufstellung Anfang 1945 die totale Verzweiflung der Luftwaffenführung in den letzten Kriegsmonaten illustriert. Zehn Tage später gab es noch eine Attacke von zu allem entschlossenen Piloten auf Brücken über die Oder, über die sowjetische Truppen Richtung Berlin zogen. Alle Details zu diesen Angriffen sind von Gerüchten und Mythen überwuchert. Das Gleiche gilt für eine angebliche SS-Sondereinheit mit demselben Auftrag, die unter dem Tarnnamen "Leonidas“ bekannt wurde. Ob sie tatsächlich existiert hat oder eine Nachkriegserfindung ist, bleibt unklar.

Fest steht: Die Idee zu den tatsächlichen "Selbstopfer“-Einsätzen von Jagdflugzeugen hatte der Jagdflieger und Göring-Vertraute Hajo Herrmann. Er hatte schon das hochriskante Nachtjagdverfahren "Wilde Sau“ erfunden. Dabei wurden Tagjäger eingesetzt, für deren schnelle überraschende Schläge der Himmel mit Leuchtgranaten aufgehellt wurde. Die Verluste waren bald noch größer als im üblichen Abwehrkampf gegen britische Bomber, weshalb die "Wilde Sau“-Taktik nach wenigen Monaten wieder aufgegeben wurde.

Als klar wurde, dass die Massenproduktion der allen britischen und amerikanischen Typen weit überlegenen Düsenjäger Messerschmitt Me-262 frühestens Mitte April 1945 anlaufen würde, schlug Herrmann vor, eine Sondereinheit aus zu allem entschlossenen jungen Piloten aufzustellen. Sie sollten mit um Panzerung und die meisten Waffen erleichterten älteren Maschinen vom Typ Messerschmitt Bf-109 feindliche Bomberverbände rammen. Die Männer hatten den Befehl, im letzten Moment mit dem Fallschirm auszusteigen – aber weil es noch keine Schleudersitze gab, lag die Überlebenschance dennoch nur bei zehn Prozent.

Das "Sonderkommando Elbe“, für das seit der Jahreswende 1944/45 Freiwillige geworben wurden, bestand zum größten Teil aus jungen, im Nationalsozialismus aufgewachsenen Piloten, die zum Selbstopfer für "Führer und Vaterland“ bereit waren. Der Effekt blieb jedoch gering: Beim einzigen offiziellen Einsatz – dem über dem Steinhuder Meer am 7. April 1945 – starb der Großteil der eingesetzten Flugzeugführer, doch die entscheidende Schwächung des Feindes blieb aus. Ebenso wenig schlug ein Selbstmordangriff auf mehrere Brücken über die Oder durch.

Nicht zum Einsatz kam eine bemannte Version der "Vergeltungswaffe“ V-1, der ersten Cruise Missle der Kriegsgeschichte. Eigentlich waren die 175 Exemplare der Version mit Cockpit für die Flugerprobung gebaut worden, doch 1944/45 soll es ernsthafte Überlegungen in der Luftwaffe gegeben haben, diese einfachen fliegenden Bomben als Selbstmord-Waffen einzusetzen. Als "Reichenberg-Gerät“ wurden sie bekannt.

Überraschend stark ähnelte dieses Fluggerät der japanischen Entwicklung "Oka“ ("Kirschblüte“), ebenfalls einer bemannten Gleitbombe. Sie wurde im Gegensatz zum "Reichenberg-Gerät“ zwischen März und Juni 1945 merh als 70 Mal eingesetzt – doch nur ein einziger US-Zerstörer wurde dabei versenkt, wenn auch ein halbes Dutzend weiterer meist kleinerer Kriegsschiffe teilweise schwer beschädigt wurde.

"Erfolgreicher“ waren die Selbstmord-Angriffe mit konventionellen Maschinen, meistens Jagdflugzeugen vom Typ "Zero“, die mit einer schweren Bombe und gerade nur genügend Treibstoff für den Flug zum Ziel ausgerüstet waren. Mehr als 3000 solcher Einsätze sind dokumentiert, nur wenige der Piloten überlebten. Beschädigt wurden dabei etwa 360 alliierte Schiffe, darunter mehrere Flugzeugträger – jedoch nur drei, die modernen USS "Bunker Hill“ und USS "Intrepid“ sowie die bereits veraltete USS "Enterprise“, so schwer, dass sie ausfielen.

Die ersten der gewöhnlich "Kamikaze“ ("göttlicher Wind“) genannten Einsätze der Suizid-Piloten erfolgten im Oktober 1944. Im Japanischen hieß die dafür zuständige Einheit "Shimpu Tokkotai“, nach einer anderen Lesart derselben Schriftzeichen. Sie ging zurück auf eine alte Tradition, derzufolge im 13. Jahrhundert göttliche Winde Japan vor zwei Mongoleneinfällen gerettet hatten. Vielleicht handelte es sich dabei aber auch um spezielle Krieger, die sich ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben in die Schlacht stürzten.

Die Amerikaner waren in der Schlacht im Golf von Leyte vor den Philippinen völlig überrascht von der neuen Taktik. Mit Splittergranaten aus mittleren Flakgeschützen waren Kamikaze-Flieger nicht aufzuhalten: Selbst wenn die Geschosse den Piloten töteten, stürzte sein Flugzeug auf der einmal eingeschlagenen Bahn ins Ziel.

Wahrscheinlich, aber angesichts der Quellenlage nicht eindeutig belegbar ist, dass die deutschen Selbstmord-Soldaten eine Reaktion auf das japanische Beispiel waren. Fest steht jedoch, dass sich diese mörderische Kriegslist nicht bewährte: Die Erfolge blieben im Vergleich zu den psychologischen Folgen bei den eigenen Kräften viel zu gering. Und nachdem die US-Navy sich einmal von dem Schrecken erholt hatte, den diese neue Taktik ihr eingejagt hatte, blieben die schweren Treffer zunehmend aus. Kamikaze-verdächtige anfliegende Maschinen wurden nun mit massivem Sperrfeuer aus unzähligen Waffen bereits im Anflug zur Explosion gebracht.

Mehrere hundert der zum Selbstopfer bereiten Piloten kamen durch die japanische Kapitulation nach den beiden Atombomben-Abwürfen nicht mehr zum Einsatz. Ihr Befehlshaber nahm sich am Tage des Waffenstillstandes das Leben. Hajo Herrmann dagegen baute sich nach zehnjähriger Gefangenschaft in der Sowjetunion eine neue Existenz auf, als Rechtsanwalt mit zweifelhaften politischen Ansichten. Er starb im vergangenen November im Alter von über 97 Jahren.