Fukushima

Japan ächtete die Bombe, nicht aber ihre Kraft

Plakate gegen die Atombombe sind in Japan ein regelrechtes Kunstgenre. Allerdings grenzen sie sich deutlich von der Kernkraft ab.

Die Schreckensbilder sind gegenwärtig. Die aktuellen aus Fukushima. Und die historischen von Nagasaki und Hiroshima. Aber – so scheint es – in Japan hat man bislang immer einen Unterschied zwischen Atomkraft und Kernenergie gemacht. Diesen Eindruck vermitteln nicht zuletzt Plakate, die für den Umweltschutz und gegen Atomwaffen plädieren. Die Kernenergie gehört zum „Fortschritt“. Sie verhalf dem Inselreich ohne Rohstoffe zu einer gewissen Unabhängigkeit in der Energieversorgung, die ganz wesentlich für Japans rasanten Aufstieg als Industrie- und Wirtschaftsmacht ist.

Entscheidend für den Weg vom sich selbst isolierenden Inselreich zur führenden Macht in Asien war das Jahr 1868 mit der Meiji-Reform. Denn mit der umfassenden Verwaltungsreform ging eine rigorose Modernisierung einher. Äußerliche Zeichen waren die Verlegung der kaiserlichen Residenz von Kyoto nach Edo, das in Tokyo umbenannt wurde, und die Einführung des westlichen Kalenders. Zu den Veränderungen, die tief in die innere Struktur eingriffen, gehörten eine Revision des Rechtssystems, die Währungsreform, die allgemeine Schulpflicht, die Bildung eines stehenden Heeres (um die Macht der Daimyo, der Lehensherren mit ihren Samurai-Truppen zu brechen) und bald auch ein das ganze Inselreich verbindendes Kommunikationssystem sowie ein dichtgeknüpftes Eisenbahnnetz.

Japanischer Geist, westliche Technik

Westliche Hilfen spielten bei diesen Projekten eine wesentliche Rolle – was den Japanern den Ruf eintrug, eine Nation der Kopierer zu sein. Aber das irritierte sie nicht, weil das Technische als sekundär gegenüber dem geistigen „Überbau“, dem eigentümlich Japanischen betrachtet wird – für das ein Synkretismus von Shinto-Kult, Buddhismus und Konfuzianismus charakteristisch ist. Die Formel „Japanischer Geist, westliche Technik“ ging dabei auf – anders als in China, wo die „Selbststärkungsbewegung“, die dasselbe Konzept vertrat, scheiterte, weil die Macht des Konfuzianismus überschätzt, die Notwendigkeit einer technologischen Revolution unterschätzt wurde.

Während die Togukawa-Shogune, nachdem sie im frühen 17. Jahrhundert als Sieger aus den langwierigen Bürger-(Clans-)Kriegen hervorgegangen waren, um ihre Herrschaft zu sichern, Besitz, Einfuhr und Nachbau von Schusswaffen verboten – und das Verbot auch durchgesetzt – hatten, entwickelte sich das japanische Militär in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dank seiner Ausrüstung aus den Waffenschmieden Europas und Amerikas als eine die asiatischen Nachbarn bedrohenden und bald auch beherrschenden Macht.

Nach Hiroshima sollten die Bezeichnung des Militärs als „Selbstverteidigungskräfte“ und der 1967 ausdrücklich erklärte Verzicht auf den Besitz, die Herstellung und die Stationierung von Atomwaffen helfen, das Vertrauen der Länder, die im Pazifischen Krieg von Japan besetzt worden waren, zu gewinnen. Aber das ist bis heute nicht recht gelungen. Und auch in Japan selbst gibt es Skeptiker, die mit der Erinnerung an Hiroshima die Forderung „Keine Atomwaffen“ verbinden.

Diesen Zweck dienen alljährlich Plakate der Serie „Hiroshima appeals“. Im Unterschied zu den hiesigen Anti-Atom-Kampagnen, die oft mit drastischen Schreckensbildern argumentieren, fällt dabei auf, dass die Japaner einen leiseren, nicht weniger nachdrücklichen Stil bevorzugen. Das entspricht der durchaus eigenständigen Plakatkultur, die sich in Japan entwickelt hat. Sie verzichtet auf schreiende Anpreisungen, setzt auf einen zurückhaltenden, nicht selten leicht melancholischen Ton.

Verzicht auf Feindbilder

Das gilt für Poster, die sich gegen Atomwaffen wenden genauso wie für die, die zum Schutz der Umwelt aufrufen. Die Designer vertrauen der Kraft von Zeichen, die zur Nachdenklichkeit anregen. Sie unterschätzen die Intelligenz des Betrachters nicht und trauen ihm sogar einen gewissen Humor zu.

Auffällig ist vor allem der Verzicht auf Feindbilder. Da werden nicht Gruppen oder Institutionen, „die Politiker“ oder „die Wirtschaft“ als die Schuldigen angeprangert. Auch die Kernkraftwerke erscheinen nicht – jedenfalls bisher – als potenzielle Atomwaffen. Es ist die Unaufgeregtheit, die diesen Mahnungen Überzeugungskraft verleiht. Japan, das lässt sich dabei nicht übersehen, denkt anders.