Artenschutz

Wisent-Experte warnt vor Auswilderung

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Foto: dar / dpa

In Deutschland mehren sich derzeit Pläne, frei lebende Wisent-Herden anzusiedeln. Das Bundesamt für Naturschutz unterstützt die Vorhaben. Doch ein erfahrener Wisent-Förster äußert Bedenken: Besonders die tonnenschweren Bullen seien gefährlich und durch nichts aufzuhalten.

Schnaubend stampft „Dakin“ durch den Sand - der rund eine Tonne schwere Wisentbulle wartet auf Futter. „Er ist einer der größten Bullen und nicht ungefährlich“, sagt Wisent-Förster Fred Zentner. Der 45-Jährige leitet auf der Halbinsel Damerower Werder bei Waren in Mecklenburg-Vorpommern das größte Wisent-Reservat Deutschlands. Mehr als 240 Wisente kamen seit 1957 dort zur Welt und tragen europaweit in Zoos und Wäldern zum Überleben der Wildrinder bei. Bemühungen, auch in Deutschland eine weitere frei lebende Herde anzusiedeln, sieht Zentner skeptisch: „Wisente sind Waldtiere und die Bullen durch nichts aufzuhalten.“

Zentners Bedenken teilt das Bundesamt für Naturschutz bisher nicht. So soll im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen in einem Waldgebiet des Prinzen Richard zu Sayn-Wittgenstein Berleburg 2008 eine frei lebende Herde von 25 Tieren angesiedelt werden. Das rund 4300 Hektar große vorgesehene Revier ist „ausreichend groß und weitgehend unzerschnitten“, schätzt Uwe Riecken vom Fachgebiet Biotopschutz im Bundesamt für Naturschutz Bonn ein. Bauern und ein Teil der regionalen Tourismuswirtschaft halten das für zu gefährlich.

In Sachsen-Anhalt, in der Colbitz-Letzlinger Heide, plant die Sielmann-Stiftung eine Wisent-Ansiedlung, weiß Zentner. „Doch um einen ehemaligen Truppenübungsplatz von Wald freizuhalten, sind die Wildrinder die falschen Tiere. Es gibt bundesweit einen Boom von solchen Vorhaben, doch für Landschaftspflege gibt es besser geeignete Rinderarten“, sagt der Wisent-Experte. Ende Juni hat das Bundesamt für Naturschutz zu einer Wisent-Fachtagung auf die Ostseeinsel Vilm bei Rügen eingeladen.

„Wir haben auf der urwüchsigen Halbinsel Damerower Werder die einzige frei lebende Herde in Deutschland“, erzählt Zentner. Das 320 Hektar große Urwaldgelände ist von Seen umgeben und vorn von zwei Schaugehegen begrenzt, in denen zwei weitere Herden leben. Etwa vier Meter hohe, doppelt gezogene Holzzäune schirmen die Tiere von der neugierigen Besucherschar ab, die von extra hohen Bühnen in die Gehege schauen.

Den Grundstein für die Zucht am Damerower Werder legte 1957 der Chef des Berliner Tierparks, Professor Heinrich Dathe. Zunächst kamen „Pumik“ und „Puella“ aus Bialowicza in Polen, wo die 1923 gegründete Internationale Gesellschaft zur Rettung der Wisente eine Zucht aufgebaut hatte. Als eine Seuche den Bullen dahinraffte, kam 1963 mit „Herodes“ Ersatz aus München. Die Zucht ging weiter, aber auch „Herodes“ fiel mit anderen Tieren 1968 einer Rinderseuche zum Opfer. „Damals debattierte man in der SED-Parteispitze ernsthaft eine Aufgabe der Zucht, weil in der Nähe der Landwirtschaftsexperte der SED, Gerhard Grüneberg, jagte“, erzählt Zentner. Doch Dathe setzte sich durch, es kamen noch einmal drei polnische Tiere, darunter zwei Zuchtbullen. Seither ging es aufwärts. „Heute sind wir europaweit eine der größten Gen-Reserven für den Erhalt des Wisents“, schätzt der Wisent-Förster ein.

( dpa/oc )