Für sein Debüt in „Am Ende kommen Touristen“ erhielt Alexander Fehling 2007 den Förderpreis Deutscher Film. Mittlerweile ist aus dem Nachwuchstalent ein bekanntes Gesicht des deutschen Kinos geworden. Bei der Begrüßung im Soho House lacht der 33-Jährige offen. Er wirkt jünger als in „Im Labyrinth des Schweigens“, in dem der gebürtige Berliner unter der Regie von Giulio Ricciarelli den idealistischen Staatsanwalt Johann Radmann spielt, der mit seinen Ermittlungen 1958 die Frankfurter Auschwitz-Prozesse ins Rollen bringt. Die Figur ist fiktiv, die Geschichte jedoch basiert auf Fakten.
Berliner Morgenpost: Herr Fehling, Filme über den Zweiten Weltkrieg oder die deutsche Nachkriegszeit gibt es einige. Was macht diesen jetzt besonders?
Alexander Fehling: Wir hatten bislang keinen Film über die Entwicklung dessen, was wir heute Vergangenheitsbewältigung nennen. Der Film zeigt, wie lange dieser Prozess gedauert hat und wie groß die Gefahr war, dass es gar nicht dazu kommt. Was man sich ja kaum vorstellen kann. Er schaut genau auf diese Zeit und auch auf die unterschiedlichen Denkweisen. Aber der Film ist keine Geschichtsstunde, sondern erzählt von zwischenmenschlichen Beziehungen.
Heute ist Auschwitz jedem ein Begriff. Das war Ende der 50er-Jahre anders.
Ja. Auschwitz ist ja für uns heute der Inbegriff des Holocaust. Wir verbinden so viele Bilder damit. Dass dieses Wort damals „leerer“ war, da musste ich erst hin. Das hat aber mit der Recherche zu tun. Ich musste mich immer wieder wachrufen, dieses Wort anders zu gebrauchen, als ich es heute tue. Und anders zu denken. Daran haben wir uns am Set immer wieder gegenseitig erinnert.
Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?
Etwas, das ich noch nie gemacht habe, ist erst mal spannend. Und es sollte vom Leben handeln, Fragen aufwerfen. Schließlich haben wir Menschen auch unterschiedliche Facetten. So ist Johann Radmann auch nicht einseitig oder durchgehend sympathisch. Und man muss eben selbst auch an den Film glauben.
Gibt es denn ein Wunschprojekt? Einen Regisseur, mit dem Sie gern drehen würden?
Es gibt jetzt keine Traumrolle. Aber mein Wunsch ist, dass ich die Chance habe, interessante Sachen zu machen und dass sich die Figuren mit meinem Alter entwickeln. Ich habe keine Lust, immer dasselbe zu machen. Klar gibt es großartige Regisseure. Ich bin zum Beispiel ein Bewunderer von Paul Thomas Anderson. Aber das träume ich nicht wirklich. Ich finde den einfach toll, aber ich werde nie mit ihm zusammenarbeiten.
Mit Quentin Tarantino haben Sie für „Inglourious Basterds“ auch gearbeitet.
Das habe ich mir nie gewünscht, weil ich das nie im Bereich des Möglichen gesehen habe. Sonst entscheide ich das von Schritt zu Schritt und bin da auch relativ geduldig. Und ich habe schon so viel Glück gehabt. Dafür bin ich dankbar. Ich hoffe, dass es spannend bleibt. Das hoffe ich. Auf Herausforderungen.
In „Im Labyrinth des Schweigens“ ist der im Juli verstorbene Theaterschauspieler Gert Voss als Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in seiner letzten Filmrolle zu sehen. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Die Zusammenarbeit war so eine Traumerfüllung. Der Mann ist ein Held für mich. Ich habe ihn als warmherzigen Menschen erlebt, offen, neugierig und gütig. Man weiß ja nie, wie jemand als Mensch ist, wenn er auf der Bühne ein Tier sein kann. Aber in ihm waren eine tiefe Menschlichkeit und Demut. So etwas zu sehen, ist extrem inspirierend. Das nehme ich mit für mein ganzes Leben.
Die Dreharbeiten fanden größtenteils in Frankfurt statt – Sie sind geborener Berliner. Was vermissen Sie an Ihrer Heimatstadt, wenn Sie länger unterwegs sind?
Die Größe und das Grüne. Dafür ist es in anderen deutschen Städten manchmal auch etwas gemütlicher, überschaubarer. Ich liebe Berlin, aber der ganze Stress kann einen manchmal auch überfordern. Das Leben und diese ganze Verschiedenartigkeit des Lebens sind toll – kulturell, im Straßenbild oder Nachtleben. Dass man immer wieder Neues entdecken kann. Ich finde immer etwas, auch wenn ich hier schon mein ganzes Leben lang lebe. Und das Unfertige mag ich auch. Aber das verändert sich ja gerade Stück für Stück. Die Brachlandschaften werden immer weniger.




