Gedenken

Neue Stolpersteine - Besuch am Haus der Großeltern

Leo und Martha Ert hatten in der Torstraße eine Bäckerei. Sie wohnten darüber - bis sie von den Nazis deportiert wurden. Nun erinnern Stolpersteine an sie. Zur Verlegung kamen ihre Enkel nach Berlin.

Foto: KRAUTHOEFER

Auf dem Bürgersteig an der lauten Torstraße haben 20 Familienangehörige Platz genommen. Sie sind aus Israel, Italien und Amerika angereist, um Leo und Martha Erts zu gedenken. Ebenso der jüngsten Tochter von ihnen, Hanni, die frisch verheiratet war, als sie mit ihren Eltern und dem Ehemann Gerhard Ruschin 1942 nach Auschwitz deportiert wurde. Alle starben im Konzentrationslager. Vier der Kinder von Leo und Marta Ert überlebten – auf abenteuerlichen, gefährlichen Fluchten. Sie gründeten in Palästina, Italien und Amerika eigene Familien. Für einige von ihnen war es am Montag das erste Mal, dass sie sich trafen. Alle sind gekommen, um bei der Stolpersteinverlegung vor dem früheren Wohnhaus der Familie an der Torstraße 216 (früher Elsässer Straße 52) dabei zu sein. Allein acht der neun Enkel sind gekommen, um das Andenken ihrer jüdischen Großeltern zu würdigen.

„Es ist der Platz, wo alles begann, der die Familie nun wieder eint. Es waren unsere Nachbarn, Berliner“, sagt Heinz Ickstadt, der zusammen mit Bernd Lutterbeck für die Familie herausfand, wo Leo und Martha Ert genau wohnten und ihre Bäckerei hatten. Vivian Ert Bolten Herz ist aus Maryland nach Berlin gereist, begleitet von ihrem Sohn David und ihrem Mann. Sie hat viele Erinnerungen an ihre Kindheit in Berlin. Doch sie sind hauptsächlich mit Angst verbunden. Noch heute erschrickt sie, wenn sie von einem Geräusch überrascht wird, und sei es ein Niesen. Über ihre Kinderjahre von 1942 bis 1953 hat die heute 76-Jährige ein Buch geschrieben. „German Girl? Mishling – Memories of a Jewish-Christian Girl in Nazi Berlin“ heißt es. Darin beschreibt sie auch, wie sie als Sechsjährige ihren untergetauchten Vater Hans 1944 das letzte Mal sah. Es war der dritte Mittwoch im November 1944 bei einem Spaziergang im Tiergarten. Der Vater lebt im Untergrund, hat keinen gelben Judenstern an seiner Kleidung. „In der Öffentlichkeit fühlte er sich am sichersten“, weiß die Tochter. Ein Foto hat die Erinnerung an dieses letzte Treffen in Berlin wachgehalten.

Ihr jüdischer Vater schafft es auf abenteuerliche Weise mit viel Mut, verkleidet als italienischer Militärangehöriger, mit seiner späteren Frau Mia aus Berlin nach Mailand zu entkommen. Ohne ein Wort Italienisch zu sprechen, was ihn bei Kontrollen während der Abreise auf dem Bahnhof in Berlin fast verriet. Seine Tochter Vivian, die unterdessen bei den nichtjüdischen Eltern seiner ersten Frau Elli an der Wörtherstraße aufwächst, wird wegen des Vaters als Sechsjährige von der Gestapo verhört.

Versteckt im Flurschrank

Die Großeltern verstecken sie in den letzten Kriegsjahren danach, immer wenn es klingelt, im Flurschrank. Bei Besuchen darf sie keinen Mucks von sich geben. Der Opa rollt sie sogar einmal in einen Teppich ein, den er aus der Wohnung trägt, um sie zu retten. 1950 wandert sie schließlich mit ihrer Mutter Elli, die bei Siemens in Spandau während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit verpflichtet worden war, nach New York aus. Den Vater trifft sie das erste Mal nach dem Krieg 1953 in Mailand wieder, als dann 15-Jährige. Vivian hat als einziges Erinnerungsstück an ihre Großeltern noch den Babylöffel, den sie ihr einst schenkten, ihr hebräischer Name Rea-Channa ist eingraviert, ebenso ihr Geburtstag, der 1.10.38.

Die Berlin Metropolitan School, eine internationale Ganztagsschule, die momentan 850 Schüler aus 48 Nationen besuchen und deren Gebäude heute auf dem Grundstück steht, hat die Feierlichkeiten organisiert. Respekt, Toleranz, interkulturelle Verständigung sind Werte, die der Schule laut Auskunft ihrer Direktorin Silke Friedrich ohnehin wichtig sind. „Wir werden die Familiengeschichte so aufbereiten, dass sie Bestandteil des Curriculums werden kann. Die damit verbundene ,Unsterblichkeit‘ und ,Erinnerung‘ ist unser Geschenk an die Familie“, sagte Silke Friedrich. Die Steine, über die die Schüler jetzt täglich zur Schule gehen, würden auch künftige Generationen an die düstere Vergangenheit erinnern und sie mahnen. Dort, wo sich einst die Konditorei der Familie Ert befand, ist heute die Cafeteria der Schule.

Dass es die Schule für sich als Ehre ansieht, auf das Schicksal der jüdischen Familie, die einst dort wohnte, hinzuweisen, freut die Familie ganz besonders: „Das rührt uns zu Tränen, die Schüler sind die Zukunft, für uns als Familie ist das eine ganz besondere Ehre“, freut sich Gaby Ert, die in Mailand wohnt.

„Name und Würde zurückgegeben“

Für Vivian Ert Bolten Herz und die anderen Angehörigen der Familie ging mit der Verlegung der Stolpersteine ein Herzenswunsch in Erfüllung. Gleichzeitig hat auf diese Weise das düstere Kapitel im Nachhinein etwas Versöhnliches bekommen. Unter den 20 Familienmitgliedern, die der Zeremonie beiwohnten, sind allein acht der neun Enkelkinder der zwei Söhne, Hans und Achim, sowie der zwei Töchter, Hilde und Margot, von Leo und Martha Ert. So viele Verwandte haben sich noch niemals auf einmal getroffen. Auch das zeigt, wie wichtig ihnen die Verlegung der Stolpersteine war: „Wir haben unseren Großeltern den Namen und ihre Würde zurückgegeben“, sagt Gaby Ert.

Einige Familienmitglieder besuchten bereits im vergangenen Jahr Berlin. In der Handjerystraße 29 in Friedenau wurde mit einem Nachbarschaftsprojekt des Bruders des Großvaters und seiner Familie gedacht. Auch dort erinnern Stolpersteine an das Schicksal der einstigen jüdischen Nachbarn.

Wie schon vergangenes Jahr hat auch dieses Mal Rabbiner Daniel Alter die Rede für die Erts gehalten. „Die Stolpersteine stoßen uns jeden Tag in unserem Alltag darauf, dass Unfassbares geschehen ist. Die Steine sollen Erinnerung und Mahnung sein“, sagt er. Um mit den Namen auf den Steinen ein Gesicht zu verbinden, verteilte Vivian Ert Bolten Herz Kopien eines Schwarz-Weiß-Fotos, das ihre Großeltern zeigt. „Ich kannte sie, als sie noch lebten. Es waren reizende, gute Menschen“, berichtete sie den Gästen. Sie werden die Erinnerung mit nach Hause nehmen. Nach Israel, Amerika, Italien, und nach Berlin.

Foto: Krauthöfer

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