Steven Spielberg

Wenn dich Spieltrieb und Visionen krank machen

Er ist einer der erfolgreichsten Filmemacher der Welt: Steven Spielberg wird 65. Ein Gespräch über die Anfänge, Grenzen und das Projekt seines Lebens.

Jemanden zu finden, der etwas Schlechtes über Steven Spielberg sagt, ist schwierig. „Netter Kerl“, „ewiges Kind“, „unglaubliche Energie“ – so beschreiben ihn Wegbegleiter. Allein er selbst hält sich für einen „kleinen Diktator“. Das liegt an seinem Perfektionsdrang. Der dürfte allerdings hilfreich gewesen sein für seinen Erfolg.

Beinahe 50 Filme in 40 Jahren, so viele Zuschauer wie der Regisseur von „Der Weiße Hai“, „E.T.“ oder „Indiana Jones“ hat bisher kein Zweiter ins Kino gelockt. Nur über sein Werk reden mag er ungern. Aber ein Gespräch über seine Karriere? Da sagt er nicht Nein bei einem Treffen in San Diego.

Morgenpost Online: An diesem Sonntag feiern Sie Ihren 65. Geburtstag. Guter Anlass zurückzuschauen. Der erste Gedanke, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?

Steven Spielberg: Freiheit. Die größtmögliche, die man sich vorstellen kann. Ich habe eine sehr freie Erziehung genossen. Das war schön. Kaum Zwänge, wenige Vorschriften. Bei uns daheim waren alle irgendwie kreativ. Okay, es gab noch keinen Fernseher, vor dem sich die ganze Familie jeden Tag oder jedes Wochenende hätte versammeln können.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Sie die Super-8-Kamera Ihres Vaters bekamen, weil er so ein schlechter Filmer war?

Spielberg: Na ja, er hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben. Aber Filmen gehörte nicht zu seinen Talenten. Die Kamera war ein Geschenk meiner Mutter, und er wollte sie wirklich nutzen. Jeder Ausflug mit der Familie wurde gefilmt. Aber leider war auf dem Material nicht viel zu erkennen. Viele Schatten und Umrisse. Also habe ich ihn gefragt, ob ich filmen dürfte. Und er hat zugestimmt.

Morgenpost Online: Sie waren zehn Jahre alt damals. Wussten Sie da schon, dass Sie Filmemacher werden wollten?

Spielberg: Das lässt sich im Nachhinein schwer sagen. Andererseits fängt es bei mir schon an, dass ich mich an Dinge, die länger her sind, besser erinnern kann als an solche, die gerade passiert sind. Werde ich jetzt schon alt? Aber es mag sein, dass ich damals bereits den Wunsch hatte, Regisseur werden zu wollen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich ganz verblüfft war, wie schnell und spielerisch es mir gelang, nicht nur einzelne Szenen aufzunehmen, sondern daraus eine Geschichte zu machen. Das, was ich früher immer bei meinen Eltern und Großeltern erlebt hatte, dass sie mit ihren Geschichten etwas lange Vergessenes heraufbeschwören konnten, das schien mir mit dem Medium Film auch zu gelingen.

Morgenpost Online: Wie reagierten Ihre Eltern dann, als Sie Film studieren wollten?

Spielberg: Ich glaube, sie waren zu einem gewissen Zeitpunkt recht erleichtert, als ich zwei Mal von der Universität abgelehnt wurde. Da dachten sie sicher: „Jetzt überlegt es sich der Junge noch mal anders.“ Es hat mir zwar niemand je vorgeworfen, Filmemacher werden zu wollen. Der Erfolg stellte sich ja auch bald ein. Wenn ich allerdings über 20 Jahre erfolglos geblieben wäre, dann hätte ich mir sicher ein paar Sprüche anhören dürfen.

Morgenpost Online: Und wie haben Sie es dann vor beinahe 50 Jahren tatsächlich geschafft?

Spielberg: Wow, beinahe 50 Jahre! Ich fühle mich immer älter. Aber es stimmt. Meine Anfänge als Filmemacher reichen wirklich so weit zurück. In die Zeit, um das auch jungen Menschen zu sagen, in der es keinen Stummfilm mehr gab (lacht). Man würde es wohl kaum glauben, wenn man es verfilmen würde, aber ich bin mit meinen 8-Millimeter-Filmen und einem Projektor wie ein Vertreter von Studio zu Studio gelaufen und habe sie nach Terminvereinbarung einfach vorgeführt.

Morgenpost Online: Klingt nach einer demütigenden Veranstaltung.

Spielberg: Nein, eher nicht. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich damals sehr jung war. Meine Ausbildung an der Filmhochschule hatte ich abgebrochen, weil ich merkte, dass mein Weg ein anderer sein würde. Was nicht heißen soll, dass Unis ein schlechter Platz wären, um Filmemacher zu werden. Durch dieses Tingeln und Sichverkaufen habe ich schnell gemerkt, was gewünscht wird, was ich liefern kann. Und wo die Trennlinien verlaufen.

Morgenpost Online: Seitdem haben Sie viele der erfolgreichsten Filme der Filmgeschichte gedreht. Gibt es Erinnerungsstücke, die Sie immer begleiten?

Spielberg: Oh nein, ich glaube, all diese Dinge sind sehr vergänglich. Zum Glück. Keine Ahnung, wie heute ein Regiestuhl aussehen würde, wenn ich ihn seit dieser Zeit immer wieder benutzt hätte. Nein, es gibt eigentlich nur eine Sache, die mich – abgesehen von treuen Freunden und Mitarbeitern – über die Jahrzehnte hinweg begleitet hat: der Spruch „Bleib bei der Sache, vergiss nicht den Fokus!“

Ich habe zu oft erlebt, dass Filme angefangen wurden, mit den besten Absichten. Und dann spielten plötzlich Finanzen oder Befindlichkeiten eine Rolle, die definitiv nichts zu suchen haben am Set. Deshalb kann ich auch, wenn ich merke, dass jemand bei den Dreharbeiten nicht fokussiert ist, zum kleinen Diktator werden.

Morgenpost Online: Hat Sie je ein Film an Ihre Grenzen gebracht?

Spielberg: Beinahe möchte ich sagen: jeder Film. Es ist immer wieder schwer, ein neues Projekt anzufangen. Aber wenn ich einmal begonnen habe, kommt dieser Spieltrieb durch. Dann will ich meine Vision auf die Leinwand bringen. Das macht richtig Spaß. An Stress, der einen auch ins Krankenhaus bringen kann, kann ich mich nur 1992/1993 erinnern.

Morgenpost Online: Damals drehten Sie gleichzeitig „Schindlers Liste“ und „Jurassic Park“.

Spielberg: Ja. Ich staune manchmal, dass ich diesen Stress überlebt habe. Ich muss dazu ein wenig ausholen. Man könnte ja denken, der Spielberg plant mal eben so, diese beiden Filme zu machen. Aber das ist natürlich Quatsch.

Morgenpost Online: Wie lief es dann?

Spielberg: In der Woche, als „E.T.“ 1982 in den deutschen Kinos anlief, hatte ich die Rechte an „Schindlers Liste“ gekauft. Es gab damals schon einige Kollegen, die mir dazu rieten, mich an den Stoff zu wagen. Aber ich war unentschlossen. Wie hätten die Leute reagiert, wenn der Regisseur von „E.T.“ solch einen Film machen würde? Ich glaube, es wäre damals irgendein Streifen geworden, aber nicht „Schindlers Liste“.

Morgenpost Online: Wie lange lag dann die Idee bei Ihnen daheim?

Spielberg: Über zehn Jahre in einer Schublade. Ich hatte damals selber das Gefühl, dass ich noch reifen musste.

Morgenpost Online: Und warum haben Sie sich dann Anfang der 90er den Stress mit zwei Filmen gleichzeitig angetan?

Spielberg: Einiges hatte sich zeitlich verschoben. Und dann war es eben so geplant worden. Die Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“ müssen Sie sich wie ein Vierteljahr auf einem Friedhof oder in einem Krematorium vorstellen. Sie verliefen unter größter Anstrengung. Was normalerweise so einen Dreh auflockert, Scherze oder flapsige Bemerkungen, die gab es einfach nicht. Alle waren traurig und niedergeschlagen. Die meisten von uns hatten Geschichte noch nie so hautnah erlebt. Das ging an die Substanz.

Morgenpost Online: Und wie haben Sie dabei dann noch an „Jurassic Park“ gearbeitet?

Spielberg: Jeden Abend, wenn ich nach Hause ins Hotel kam, ging die Arbeit für mich weiter. Ich hatte eine riesige Satellitenschüssel auf dem Dach. Kollegen aus Amerika schickten mir Computerentwürfe von Dinosauriern.

Morgenpost Online: Etwas Ähnliches mal wieder gemacht?

Spielberg: Das verhindern meine Frau und meine Kinder. Nach diesen beiden Filmen, die mich reich beschenkt haben, mit Erfahrungen, die ich nicht missen möchte, wurden klare Regeln aufgestellt. Wann ich wo mit der Familie Zeit verbringe.

Morgenpost Online: Sie arbeiten zurzeit wieder an verschiedenen Projekten. „Gefährten“ kommt in Deutschland im Februar in die Kinos. Sie drehen gerade den Historienfilm „Lincoln“. Von „Indiana Jones“ sowie „Tim und Struppi“ darf man sicher auch noch einige Teile erwarten. Wenn Sie zum Geburtstag einen Wunsch frei hätten, welcher Ihrer Filme sollte auf gar keinen Fall vergessen werden?

Spielberg: Es mag Sie vielleicht überraschen, aber es ist keiner meiner Spielfilme. Als wir damals mit den Arbeiten an „Schindlers Liste“ begannen, haben wir zu Recherchezwecken Interviews mit Überlebenden des Holocaust geführt.

Spielberg: Ich bin ein Amerikaner in der zweiten Generation. Meine Großeltern kamen aus Russland, Deutschland und Österreich. Unsere Familie verlor ein Dutzend Mitglieder im Holocaust. Es war also eine persönliche Angelegenheit für mich. Und dieses Filmen von Zeugen des Holocaust hat seit damals nie wieder aufgehört.

Morgenpost Online: Und Sie möchten trotz der vielen Erfolge, die Sie hatten, dass man sich vor allem daran erinnert?

Spielberg: Natürlich bin ich auch ein wenig eitel. Wenn sich Menschen später mal an meine Filme erinnern werden, dann finde ich das sehr schön. Wer wird nicht gern gelobt? Aber die Arbeit, das Filmen für die „Shoah Foundation“, das liegt mir vor allem am Herzen. Es ist ein ambitioniertes Projekt. Aber nur so können wir es weiterführen.

Das Dilemma ist doch, dass nicht schon früher damit begonnen wurde. Wir versuchen, alle Zeugen dieser Grausamkeiten zu befragen. Ein riesengroßes Erinnerungsbild entsteht da.

Die Leute sollen erzählen, was sie damals durchmachen mussten. Und die Menschen heute sollen daraus lernen. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, in der Gegenwart zu leben oder eine Zukunft zu planen, wenn wir nicht wissen, was früher geschehen ist.