Enfant terrible

Der einsame Krieg des Superstars Charlie Sheen

Drogenexzesse, Morddrohungen, Pöbeleien: Charlie Sheen stürzt immer tiefer ab. Dabei hatte der 45-Jährige einst eine glänzende Karriere vor sich.

In der Welt des alten Hollywood waren die Filmstudios darum bemüht, die Skandale ihrer Stars unter Verschluss zu halten. Denn mit dem sogenannten New Hollywood wurden die Drogen Ende der 60er-Jahre zum kaum versteckten Stimulans der Kreativen: Enthemmte Hippies wie Dennis Hopper und Peter Fonda konsumierten ungeniert Marihuana und Kokain, in Produktionsbüros standen Schüsseln mit Stoff zur allgemeinen Verfügung bereit, man saß auf dem Teppich und schaute bedröhnt stundenlang Filme oder hörte Rockmusik. Der notorische Produzent Don Simpson, der Filme wie „Flashdance“ und „Top Gun2“ verantwortete, konnte kaum eine Sitzung durchhalten, ohne mehrfach im Badezimmer zu verschwinden und schniefend zurückzukehren.

Charlie Sheen hätte also gewarnt sein müssen. Auch, weil sein Vater Martin 1978 während der Dreharbeiten zu dem Vietnam-Film „Apocalypse Now“ auf den Philippinen einen Herzinfarkt erlitt. Regisseur Francis Ford Coppola, der meistens von seiner eigenen Bedeutung betrunken war, packte das Zeug zusammen und wartete einige Monate, bis sein Hauptdarsteller in den Urwald zurückkehrte.

Martin Sheen wurde nie ein Star, doch sein Sohn erfüllte die schönsten Erwartungen, als er 1986 in Oliver Stones „Platoon“ – auch dies ein Film über den Vietnamkrieg – bekannt wurde. Ein Jahr später spielten Vater und Sohn in „Wall Street“, abermals von Regisseur Stone inszeniert. Martin ist darin der grundanständige, knorrige Gewerkschafter mit dem Herz auf dem rechten Fleck, der für seine Leute durchs Feuer geht. Charlie ist ein aufstrebender Börsenmakler, der den Aktienzocker Gordon Gekko beeindrucken will und den Papa verrät. Er gehe nicht mit einer Hure ins Bett, fasst der Alte in dem Film seine Lebenserfahrung zornig zusammen, und deshalb wache er auch nicht mit einer Hure auf. Die große Hure ist in „Wall Street“ natürlich das Kapital: Der Vater erleidet nach dem Bankrott seiner Flugzeugfirma einen Herzinfarkt, und Charlie sitzt am Krankenbett wie einst im wirklichen Leben.

Doch in der Wirklichkeit hörte der Sohn nie auf den Rat seines Altvorderen. Schon in den 90er-Jahren zerschellte die Filmkarriere des unberechenbaren, erratischen Schauspielers, der bald nur noch in Nebenrollen oder Klamaukfilmen auftrat. Einer Freundin schoss er in den Arm, eine andere Frau verprügelte er. Im Jahr 2003 übernahm Sheen eine Hauptrolle in „Two And A Half Men“, einer zotigen Sitcom, die alle Zuschauerrekorde brach.

Zuletzt verdiente Charlie Sheen angeblich 1,2 Millionen Dollar je Folge. Dem Mann, der niemals Bodenhaftung hatte, muss darüber die Wirklichkeit abhandengekommen sein. Man hörte von Morddrohungen, die er auf dem Anrufbeantworter seiner Ex-Frau Denise Richards hinterlassen hatte, die Obszönitäten waren nur mit einem Drogenrausch zu erklären. In seiner Fernsehserie wirkte Sheen immerhin stets kregel und jünger, als er tatsächlich war.

Die Erotomanie hatte er offenbar mit seiner Serienfigur gemein. Man hörte von bizarrem Verhalten in einem Restaurant in New York, wo er volltrunken mit einer Prostituierten in einer Toilette verschwunden sein soll, um anschließend mit ihr in sein Hotelzimmer zu gehen und sie dort in einen Schrank einzuschließen, weil er glaubte, sie habe seine Kreditkarte gestohlen. Ein Freudenmädchen wurde nach einer Nacht mit Kokain und Pornofilmen mit 20.000 Dollar entlohnt und dabei gefilmt, wie sie am nächsten Tag die Bank verließ, freudig die Dollar-Noten durchblätternd. Charlie sei bei ihrer Ankunft bereits unzurechnungsfähig gewesen und habe in seinem Privatkino den reichlich vorhandenen Stoff konsumiert.

Bei anderer Gelegenheit musste Sheen mit Bauchschmerzen zum Hospital gebracht werden – später gab er an, er habe so ausgiebig gelacht, dass sein Zwerchfell geplatzt sei. Die angeratene Rehabilitation wollte er mal in seiner Villa in Los Angeles, mal in einem Sanatorium in Begleitung dreier Frauen, darunter eine Krankenschwester, antreten.

Nachdem in den letzten Wochen kein Tag ohne neue Peinlichkeiten verging, entließen ihn die Produzenten von „Two And A Half Men“. Charlie Sheen inszenierte daraufhin in einem Videoblog fürs Internet eine Art Talkshow mit herumsitzenden Freunden, bei der er Zigaretten paffte, wild in die Kamera grimassierte und vage schimpfte. In einer anderen Übertragung beleidigte er den Produzenten der Serie, Chuck Lorre, als Wurm, Geizkragen und Frauenfeind – die einfallsreichen Invektiven der minutenlangen Hassrede können schriftlich nicht wiedergegeben werden.

Zugleich posierte Sheen für Fotos mit einer Machete auf dem Dach eines Hauses. Seine Internet-Auftritte erfüllen den Tatbestand der üblen Nachrede, wenn nicht der Erregung öffentlichen Ärgernisses: Findige Internet-Nutzer fühlten sich von den immer neuen Eskapaden des derangierten Schauspielers schon so belästigt, dass sie eine Software entwickelten, der Sheen-Meldungen einfach wegfiltert.

Bei „Two And A Half Men“ werden zwei Schauspieler als mögliche Nachfolger Sheens gehandelt, die in den 80er-Jahren seine Konkurrenten im jugendlichen Fach waren: Matt Dillon und Rob Lowe (der dieselbe Schule wie Sheen besuchte), denen die große Kinokarriere ebenfalls nicht gelang.

Charlie Sheen aber eifert weiter: Eine Niederlage sei „keine Option“. Er fordert nun von dem Studio Warner Bros. als Entschädigung mehr als 100 Millionen Dollar – eine entsprechende Klage wegen Vertragsbruchs hat er bereits eingereicht.

Sollte der 45-Jährige sich je wieder erholen, so würde es das triumphalste Comeback von Hollywood feiern. Bislang verweigert der Sünder allerdings nicht nur die Reue, sondern bestreitet kategorisch, dass es überhaupt eine Sünde gab: So viel Spaß würden andere Männer gern haben, höhnte Sheen. Sein Fall entlarvt die Bigotterie des Filmgeschäfts: Geächtet wird, wer seine Exzesse öffentlich macht – und auch noch stolz darauf ist.