Maryam H. wollte frei sein. Sie wollte ihr Leben selbst bestimmen. Sie wollte den Mann heiraten, den sie liebte. Doch am Ende musste sie auf grausame Weise sterben. Weil ihr Lebensplan nicht dem archaischen Denken ihrer Brüder entsprach. Ein sogenannter Ehrenmord. Mehr als eineinhalb Jahre nach dem Tod der 34-Jährigen Afghanin sind ihre beiden Brüder Yousuf H. und Mahdi H. an diesem Donnerstag vor dem Berliner Landgericht verurteilt worden.
Als der vorsitzende Richter Thomas Groß das Urteil verkündete, standen die beiden Brüder, 28 und 24 Jahre alt, in ihren Glaskabinen und starrten zu Boden. Die beiden Männer, so verlas es Groß, wurden wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen verurteilt. Die Haftstrafe lautete: lebenslänglich. In den Gesichtern der Männer zeigte sich keine Regung.
Maryam H. wollte ein selbstbestimmtes Leben führen
Maryam H. wurde als 16-Jährige in Afghanistan mit einem „wesentlich“ älteren Mann zwangsverheiratet, so der Richter nach der Urteilsverkündung. Mit ihm flüchtete sie im Jahr 2015 nach Deutschland, um ein neues Leben anzufangen. Doch ihre Brüder hatten andere Pläne. Sie zwängten ihr jenes „archaische“ Weltbild der afghanischen Großfamilie auf, überwachten sie und führten laut Groß ein „strenges Regiment“.
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Mehr und mehr gelang es Maryam H. sich aus diesen Zwängen zu lösen, sie ließ sich gegen den Willen der Großfamilie im Jahr 2018 von ihrem Mann scheiden. Zunächst rechtlich, später fand sie nach einer langen Suche einen Imam, der auch die religiöse Scheidung vollzog. Dann verliebte sie sich neu. Und wollte mit ihrer neuen Liebe zusammenziehen. Diesen Wunsch äußerte sie auch gegenüber ihren Brüdern. Das war Ende Juni, Anfang Juli 2021.
Ehrenmord: Um 13.21 Uhr war Maryam H. tot
„Da ist der Entschluss gefallen: Maryam muss sterben“, sagte Groß. Die Brüder, der eine wohnhaft in Berlin, der andere in Donauwörth, etwa eine halbe Stunde von Augsburg entfernt, seien bestimmt gewesen von einem Ehrbegriff. Und sahen ihre Schwester als „Schandfleck“ innerhalb der Familie. Deshalb so Groß weiter, sei Yousuf H. am 12. Juli 2021 von Donauwörth nach Berlin gefahren. Für den nächsten Tag lockten sie ihre Schwester Maryam H. unter dem Vorwand, eine Drei-Zimmer-Wohnung für sie gefunden zu haben, nach Neukölln. Doch zuvor – um 11.02 Uhr – kauften die beiden einen großen Koffer bei einer Modekette am Alexanderplatz.

Als die Schwester am frühen Nachmittag die Wohnung in Neukölln betrat, überwältigten die beiden Brüder die 34-Jährige. Einer, so der Richter, hielt sie fest, während der andere ihre Hände mit Klebeband fixierte und anschließend den Mund und die Nase verklebten, um Hilferufe zu unterbinden. Maryam habe keine Luft mehr bekommen, dennoch erdrosselte einer, der beiden Brüder die Frau mit einem schwarzen Tuch. Ob das Verkleben oder das Erdrosseln die Todesursache war, konnte vom Gericht letztlich nicht festgestellt werden. Um 13.21 Uhr war sie tot.
DNA an einem Stück Plastikhandschuh gefunden
Doch das reichte den beiden Brüdern nicht, um ihrem Ehrbegriff zufolge die Ehre der Familie reinzuwaschen, so der Richter, habe einer der beiden ihr mit einem scharfen Skalpell durch die Kehle geschnitten. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass beide Brüder an der Tat beteiligt waren. Zunächst räumte der ältere Bruder, Yousuf H. im September 2022 ein, dass er verantwortlich für den Tod sei und schilderte es als eine Art Unfall. Allerdings fanden die Ermittler die Spitze eines Plastikhandschuhs in dem Klebeband – mit der DNA von Mahdi H.
Nach dem Tod hätten die beiden Brüder dem Gericht zufolge alles unternommen, um den Tod zu vertuschen. Sie verbanden die Leiche mit einer Folie und Panzertape und packten sie in den großen Koffer. Anschließend riefen sie einen Logistiktransport an, unter dem Vorwand, einen Kühlschrank zum Bahnhof bringen zu müssen.
Yousuf H. „verscharrte“ die Leiche seiner Schwester bei Donauwörth in Bayern
Dieser Plan wurde aber zunächst aufgegeben, und die Männer hoben Bargeld in Höhe von 260 Euro ab, zahlten damit Tickets nach Donauwörth in Bayern sowie eine Taxifahrt von Neukölln zum Bahnhof Südkreuz. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigten die zwei Männer im belebten Bahnhof Berlin-Südkreuz mit einem Rollkoffer. Gegen 17.45 Uhr stieg Yousuf H. mit der Leiche der Schwester in einen ICE.
30 Kilometer entfernt von Donauwörth, vergrub Yousuf H. die Leiche seiner Schwester. „Irgendwo in Bayern, irgendwo im Nirgendwo“, so Groß. Die Ermittler fanden die Leiche dort drei Wochen nach der Tat, da Maryam H. zunächst als vermisst gemeldet wurde. Die Freundin von Yousuf H. führte die Ermittler zu dem Ort.
Richter bezeichnet Tod der jungen Mutter als „sinnlos“
Der Richter bezeichnete den Tod der jungen Mutter als „sinnlos“ und sagte gegenüber den beiden verurteilten Mördern: „Es ist erschreckend“. So sehr sie ein Leben im Sinne ihres „Ehrbegriffs“ von ihrer Schwester verlangten, so wenig hätten sie sich selbst daran gehalten. Yousuf H. habe ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau gehabt. Mahdi H. habe getrunken, gekifft und geraucht.
Mahdi H. starrte die letzten Stunden im Gerichtssaal nach 42 Verhandlungstagen ununterbrochen zu Boden. Sein großer Bruder blickte immer wieder ins Leere und zum Richter. Beide wurden unverzüglich in Gewahrsam gebracht, da laut Groß eine erhöhte Fluchtgefahr besteht.



