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Polio: Droht ein Rückfall im Kampf gegen die Kinderlähmung?

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Abwasser-Analysen können vor Corona-Ausbruch warnen

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Eine Firma in Israel kann Coronaviren im Abwasser nachweisen. Die Technik könnte als Frühwarnsystem funktionieren und einen zweiten Lockdown verhindern.

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Der in vielen Ländern als ausgerottet geltende Polio-Erreger breitet sich offenbar wieder aus. Wie groß ist die Gefahr? Ein Überblick.

Berlin. Israel, Großbritannien, USA: Der in vielen Ländern als ausgerottet geltende Polio-Erreger breitet sich offenbar wieder aus. Bereits 2014 hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor gewarnt und eine internationale Notlage ausgerufen, die bis heute gilt. Wie gefährlich ist das Virus? Und könnte es auch in Deutschland wieder heimisch werden? Ein Überblick.

Was ist Polio für ein Virus?

Polio ist ein sogenanntes Enterovirus. Weil der Erreger einst so verbreitet war, dass der Kontakt damit meist schon im Kindesalter erfolgte, wird Poliomyelitis auch als Kinderlähmung bezeichnet. In den 1940er- und 50er-Jahren erkrankten in Deutschland tausende Menschen daran, viele starben. Vor allem Kleinkinder waren von den möglichen schlimmen Infektionsfolgen betroffen: Lähmungen.

Polio-Infektion: Wie sind die Symptome?

Das Virus verbreitet sich meist über kontaminierte Hände als Schmierinfektion. Auch eine Ansteckung via Abwasser ist möglich. Jeder vierte Betroffene bekommt grippeähnliche Symptome, ein bis fünf von 100 Infizierten entwickeln eine Hirnhautentzündung. In etwa einem von 200 Fällen führt Polio laut Sabine Diedrich, Polioexpertin beim Robert Koch-Institut (RKI), zu einer Infektion des Rückenmarks samt Lähmungen vor allem von Armen und Beinen.

Diese führten meist zu „bleibende Schäden fürs ganze Leben“, erklärt Diedrich. In einzelnen Fällen kann es auch zu einer Lähmung der Atemmuskulatur kommen. Und: Jahrzehnte nach einer Infektion droht das Post-Polio-Syndrom, das ebenfalls mit Lähmungen einhergeht. Eine wirksame Therapie gibt es derzeit nicht. Lesen Sie auch: Pocken und Sars: So werden Pandemien simuliert

Wie wird Polio bekämpft?

Die Einführung einer Schluckimpfung mit einem Lebendimpfstoff hat die Infektionen in Deutschland ab 1961 zurückgedrängt. Es etablierte sich der Satz: Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß. Das Vakzin wurde auf einem Stück Zucker verabreicht. Seit 1998 wird in Deutschland ein Totimpfstoff in den Muskel gespritzt. Seit 1988 soll Polio durch eine globale Impfkampagne weltweit ausgerottet werden.

Warum Impfungen selbst zu einem Risiko werden können?

In Afrika und Asien sind Schluckimpfungen mit Lebendimpfstoffen noch verbreitet. Sowohl der Impfling selbst als auch Kontaktpersonen können dabei – in sehr seltenen Fällen – an sogenannter Impf-Polio erkranken. Dies ist möglich, weil die Lebendviren vom Geimpften bis zu sechs Wochen lang ausgeschieden werden und anfangs auch eine Ansteckung über Speichel und Rachensekrete möglich ist.

Die Schluckimpfung ist preiswerter als der inaktivierte Totimpfstoff und kann neben der geimpften Person auch Menschen in deren Umfeld schützen. Das sehr geringe Risiko eines Impfpolio-Falls wird dabei zugunsten einer großflächigen Immunisierung der Bevölkerung in Kauf genommen.

Durch die 1988 initiierten weltweiten Impfkampagnen, so heißt es bei der WHO, konnten bis heute rund 20 Millionen Menschen vor einer Lähmung und anderthalb Millionen vor dem Tod bewahrt werden. Lesen Sie auch:Impfpflicht - für diese Krankheiten gibt es sie schon

Polio: Wie ist die weltweite Infektionslage aktuell?

Die jetzt registrierten Fälle sind laut RKI allesamt vom Impfvirus abgeleitet. Diese abgeleiteten Viren können den Angaben zufolge in Bevölkerungsgruppen mit unzureichendem Impfschutz zirkulieren und dort Erkrankungen hervorrufen. Der WHO seien 2021 weltweit 698 solcher Infektionen übermittelt worden, 2020 waren es 1116, einige davon auch in der europäischen Region.

Auch die Polio-Wildviren sind nicht ausgerottet. Fälle gibt es unter anderem in Afghanistan und Pakistan. Hier wurden 2021 nur noch einzelne Fälle verzeichnet, allerdings kann das Virus, etwa bei Reisen, exportiert werden. „In den letzten 20 Jahren gab es weltweit viele, viele schwere Ausbrüche in Entwicklungsländern“, schreibt Oliver Rosenbauer von der Global Polio Eradication Initiative der WHO in einem Beitrag für das wissenschaftliche Fachjournal „Nature“. Grund dafür seien vor allem Impflücken gewesen.

Europa gilt seit mehr als 15 Jahren quasi als poliofrei, die USA seit 1979. Die letzte in Deutschland erworbene Polioinfektion durch ein Wildvirus wurde laut RKI 1990 erfasst. Die letzten beiden importierten Fälle aus Ägypten und Indien wurden 1992 registriert. Seitdem seien nur noch wenige Fälle mit zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Polioviren aufgetreten.

Überwacht wird die Situation in Deutschland laut RKI durch Untersuchungen von Stuhlproben von Patienten mit aseptischer Hirnhautentzündung oder akuten Lähmungserscheinungen. „Derzeit gibt es hierzulande keine flächendeckenden Abwasseruntersuchungen auf Infektionserreger“ so eine Sprecherin. Die Testung von Abwasser auf Polioviren werde aber im Rahmen eines Pilotprojektes etabliert.

Wie ist der Ausblick?

„Dieses Virus ist sehr, sehr gut darin, ungeimpfte Personen zu finden“, warnte der Epidemiologe Walter Orenstein von der Emory University in Atlanta in „Nature“. Die aktuell bekannten Fälle aus den USA, Israel und Großbritannien seien seiner Meinung nach nur „die Spitze des Eisbergs“.

Da Routine-Impfungen in den Pandemie-Jahren in vielen Ländern unterbrochen worden seien, „sind Kinder in einigen Regionen nun einem höheren Risiko durch Infektionen wie Polio ausgesetzt“, sagt Oliver Rosenbauer. Dadurch steige auch das Risiko, dass Polio sich international wieder ausbreitet.

Das RKI empfiehlt, die aktuellen Entwicklungen zum Anlass zu nehmen, den eigenen Impfstatus zu kontrollieren. In Deutschland werden Babys ab zwei Monaten geimpft, die Impfquote liegt Sabine Diedrich zufolge im bundesweiten Mittel bei rund 90 Prozent. „Das reicht nicht“, betont sie. Man sollte die Gefahr eines Wiederaufflammens der für Kinder so gefährlichen Infektion nicht unterschätzen. „Das darf auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen werden.“

Wie ist die Impfempfehlung für Deutschland?

Für die Grundimmunisierung im Kindesalter empfiehlt die Ständigen Impfkommission (Stiko) drei Impfstoffdosen in den ersten beiden Lebensjahren. Als vollständig immunisiert gelten zudem Erwachsene, die im Säuglings- und Kleinkindalter eine vollständige Grundimmunisierung und mit einem Zehn-Jahres-Abstand mindestens eine Auffrischimpfung erhalten haben.

Dies gelte auch für Erwachsene, die zu einem späteren Zeitpunkt grundimmunisiert wurden und zehn Jahre danach eine Auffrischimpfung erhalten haben. Die Stiko empfiehlt bei Personen mit fehlender oder unvollständiger Immunisierung gegen Polio, die fehlenden Impfstoffdosen zu verabreichen. (san/kai/dpa)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.