Nahverkehr

9-Euro-Ticket gilt seit einem Monat: Das sagen Zugbegleiter

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Leon Grupe
9-Euro-Ticket: Die wichtigsten Apps für den Städtetrip // IMTEST

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Dichtes Gedränge, Türen schließen nicht, viele Fragen: Seit dem 1. Juni arbeitet das Zugpersonal oft am Limit. Zwei Erfahrungsberichte.

Berlin. Der von der Bundesregierung gewünschte Effekt ist eingetreten: Durch das 9-Euro-Ticket sind mehr Menschen mit der Bahn unterwegs. 21 Millionen verkaufte Sondertickets im Juni melden die Verkehrsbetriebe, damit wurden ihre Erwartungen sogar leicht übertroffen.

Doch immer wieder gibt es Berichte von überfüllten Zügen, die teilweise nicht weiterfahren können und in manchen Fällen polizeilich geräumt werden müssen. Zwei Zugbegleiterinnen erzählen, wie sie den ersten Monat mit dem neuen Fahrschein erlebt haben.

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Zwiegespaltene Meinung zum 9-Euro-Ticket: „Wir arbeiten häufig am Limit“

„Für mich hat sich einiges verändert, seitdem es das Neun-Euro-Ticket gibt. Was ich immer dabeihaben muss, ist ein Kugelschreiber. Es sind immer noch viele Fahrgäste unterwegs, die vergessen, ihr ausgedrucktes Ticket zu unterschreiben.

Zu Stoßzeiten war in unseren Zügen und an den Bahnhöfen schon immer viel los. Seit dem 1. Juni hat sich die Situation verschärft. Die ganzen Fragen zum neuen Ticket, können wir, wenn ein Zug überfüllt ist, nicht beantworten. Es ist schier unmöglich, sich so viel Zeit für die einzelnen Fahrgäste zu nehmen. Das haut einfach nicht hin. Deshalb bin ich immer noch etwas heiser.

Die Leute wollen wissen, wie weit sie mit dem Neun-Euro-Ticket fahren dürfen. Sie fragen, ob sie es auch in anderen Bundesländern oder in den ICEs nutzen können. Das sind Dinge, wo die Fahrgäste gar nicht so viele Informationen bekommen, weil an den Schaltern und an den Automaten Hochbetrieb ist, sodass das Servicepersonal nicht alle Fragen beantworten kann.

Wenn in der zweiten Klasse das Gedränge groß ist, setze ich einzelne Passagiere in die erste Klasse – vor allem Schwangere, ältere Menschen und Kinder. Das ist allerdings nicht immer so einfach. Ich bin 1,52 Meter groß, wenn ich durch die Gänge gehe, sehen die Fahrgäste nur meinen Kopf, da muss ich mich schon bemerkbar machen. Einmal, als der Zug sehr voll war, hat sich eine Dame erschrocken umgedreht, als ich sie angesprochen habe. Sie hatte mich schlicht nicht bemerkt.

Hinzu kommen noch all diejenigen, die keine Masken tragen wollen oder behaupten, sie hätten ihre vergessen. Theoretisch müssen sie den Zug an der nächsten Haltstelle verlassen, aber wir wollen sie nicht zwingen. Sie glauben gar nicht, wie viele Masken ich aus meinem privaten Bestand schon an Fahrgäste verteilt haben.

Meine Meinung zum Neun-Euro-Ticket ist zwiegespalten. Für die Passagiere finde ich das eine schöne Geschichte. Wie ich mitbekomme, sind viele zum ersten Mal mit der Bahn unterwegs. Andererseits arbeiten wir häufig am Limit wegen der gestiegenen Nachfrage. Oft kommt es vor, dass die Türen nicht schließen, weil es in den Eingangsbereichen zu eng wird. Und wenn es eine Störung an der Strecke gibt und jemand von uns den Zug verlassen muss, können wir nicht einfach die Türen öffnen, weil uns sonst die Fahrgäste ins Gleisbett fallen. Das sind Momente, in denen wir an unsere Grenzen stoßen. An den Wochenenden sowieso.

Mir macht die Arbeit trotzdem Spaß. Aber es ist halt auch sehr anstrengend.“

Patricia Umbach, 51, arbeitet seit fast drei Jahren als Zugbegleiterin bei der Eurobahn am Standort Hamm. Das private Bahnunternehmen bedient Strecken in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mit grenzüberschreitenden Zügen in die Niederlande.

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Durch das 9-Euro-Ticket ist das Fahrgastaufkommen gestiegen: „Ich bin nicht genervt von den vollen Zügen“

„Ich kann mich noch gut an den 1. Juni erinnern. Ich hatte Frühdienst und dachte noch: ‚Och, das ist ja heute richtig entspannt‘. Hätte ich das mal lieber nicht gesagt. Am nächsten Bahnhof kam dann der Ansturm.

Die hohe Auslastung in den Zügen bekomme ich zu spüren. Einige Fahrgäste, beispielsweise Rentner, erzählen mir, dass sie zum ersten Mal mit der Bahn fahren. Das hat mich wirklich überrascht. Generell habe aber ich den Eindruck, dass die Passagiere alle überglücklich sind, spontan überall hinfahren zu können.

Eine amüsante Begegnung hatte ich mit einem älteren Herrn, der mit seinem Hund unterwegs war. Als ich ihm nach seinem Ticket fragte, sagte der Herr nur, dass sein Kumpel das habe. ‚Und wo ist der Kumpel?‘, wollte ich wissen. Die anderen Fahrgäste guckten schon neugierig. Der Herr sagte darauf: ‚Der sitzt doch da!‘, und zeigte auf seinen Hund, einen Golden Retriever. Der trug eine Tasche um den Hals, in der Ticket steckte. Der Herr war offenbar etwas vergesslich und wollte es nicht verlieren.

Personen ohne gültigen Fahrschein erwische ich selten. Wenn ja, dann haben sie meistens vergessen, ihren Namen auf das Ticket zu schreiben. Manchmal kommt es vor, dass jemand mit den Augen rollt, wenn ich nach dem Ausweis frage, den man bei der Kontrolle vorzeigen muss. Aber das gehört zum Job dazu.

Ich bin nicht genervt von den vollen Zügen. Ich finde das Neun-Euro-Ticket eine gute Sache. Menschen, die vielleicht nicht so viel Geld haben, haben nun auch die Möglichkeit, zu verreisen. Und wie gesagt, die Fahrgäste sind alle sehr glücklich. Das merke ich schon.“

Selda Kelem arbeitet seit mehr als drei Jahren als Zugbegleiterin, ebenfalls bei der Eurobahn. Ihr Standort ist Bielefeld.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.