Adoption

Im Krieg adoptiert: Happy End für die verstoßene Bridget

| Lesedauer: 6 Minuten
Alina Juravel
Endlich vereint: Phil und Kristie Graves haben die kleine Bridget adoptiert und sie perstönlich aus der Ukraine abgeholt.

Endlich vereint: Phil und Kristie Graves haben die kleine Bridget adoptiert und sie perstönlich aus der Ukraine abgeholt.

Foto: privat

Das verstoßene Leihmutter-Kind hat endlich ein Zuhause. Um Bridget abzuholen, reisten ihre Adoptiveltern in die umkämpfte Ukraine.

Brunswick.  Ein helles Kinderlachen schallt durch den Garten. Dann hört man ein lautes „Papa!“, gefolgt von einem heiteren Glucksen. Die kleine Bridget sitzt auf einem Trampolin, hoppelt aufgeregt hin und her und winkt ihrem Adoptiv-Vater zu, der die Szene mit seinem Handy festhält. Für Bridget ist es das erste Mal, dass sie auf so einem Trampolin spielen kann. Die Sechsjährige erlebt in diesen Tagen viele Dinge zum ersten Mal. „Unser kleines Mädchen ist endlich zu Hause“, sagt Phil Graves in einem Telefonat.

Bridgets Zuhause befindet sich nun in Brunswick, im US-Bundesland Maryland und liegt mehr als 8000 Kilometer weiter weg von dem Ort, an dem das Mädchen sein bisheriges Leben verbracht hat: In einem Waisenhaus in Saporischschja, im Osten der Ukraine.

Das Schicksal von Bridget bewegte viele Menschen rund um den Globus. Das Mädchen wurde von einer Leihmutter in der Ukraine ausgetragen, Ei- und Samenzelle stammten von einem US-Paar. Als das Kind behindert und 15 Wochen zu früh auf die Welt kam, lehnten es seine biologischen Eltern ab (wir berichteten).

Bridget, die bei der Geburt nur 800 Gramm wog, kam zuerst in ein ukrainisches Krankenhaus und später in ein Waisenhaus nach Saporischschja. Dort lebte sie, auch als russische Truppen die Ukraine überfielen. Erst am 12. April, anderthalb Monate nach Kriegsbeginn, wurde das Waisenhaus in die Westukraine evakuiert.

Bridget ist geistig beeinträchtigt, hat Klumpfüße und kann deswegen nicht laufen

Phil Graves und seine Frau Kristie haben Bridget adoptiert. Aufmerksam wurden sie auf sie durch die Adoptionsstiftung Reece’s Rainbow, die auf Kinder mit besonderen Bedürfnissen spezialisiert ist. Bridget ist geistig beeinträchtigt, hat zudem Klumpfüße und kann deswegen immer noch nicht laufen. Dass die Sechsjährige nun in den USA lebt, galt vor wenigen Wochen noch als unvorstellbar. „Als Russland die Ukraine überfiel, waren wir mitten im Adoptionsprozess“, berichtet Phil Graves, der in Brunswick als Pastor arbeitet. Als die russischen Truppen das Atomkraftwerk in Saporischschja beschießen und unter Kontrolle bringen, befindet sich Bridget nur wenige Kilometer davon entfernt. „Wir waren in ständiger Sorge, dass das Waisenhaus angegriffen wird“, erzählt der 49-Jährige.

Ende April bekamen die Graves den erlösenden Anruf: Ein ukrainischer Richter war bereit, das Adoptionsverfahren, das im Krieg auf Eis gelegt wurde, wieder aufzunehmen. Für die letzten Abklärungen und Unterschriften müssen die Graves jedoch persönlich vor Gericht erscheinen, in Saporischschja. Die russische Armee hat zu dem Zeitpunkt eine neue Offensive gestartet und auch Ziele in Saporischschja beschossen. „Wir mussten nicht lange überlegen. Uns war klar, dass wir unsere Tochter holen müssen – komme, was wolle“, antwortet Phil Graves auf die Frage, ob sie keine Angst hatten, ins Kriegsgebiet zu reisen. Den Begriff „unsere Tochter“ verwendet er ganz selbstverständlich.

Mehr als 60 Stunden unterwegs in die Ukraine

Obwohl die Graves die kleine Bridget bisher nur ein einziges Mal persönlich im Waisenhaus getroffen haben und den Kontakt zu ihr seitdem nur über Videotelefonate hielten, brechen sie Ende April zuersr nach Warschau auf. Ihre vier Kinder, drei eigene und ein adoptiertes, bleiben in den USA, unter Aufsicht von Oma.

Von Warschau ging es für die Graves weiter mit einem Auto an die polnisch-ukrainische Grenze. Dort, so erzählt es Phil, hat sie ein Mitarbeiter der Adoptionsagentur abgeholt. Anschließend fuhren sie mit einem Bus nach Kiew, vorbei an zerstörten Häusern und ausgebrannten Panzern. In Kiew nahmen die Graves einen Nachtzug nach Saporischschja. „Insgesamt waren wir mehr als 60 Stunden unterwegs“, berichtet der 49-Jährige. Nur einen Tag später folgte in Saporischschja die offizielle Anhörung beim Richter. Nach einer halbstündigen Anhörung bekamen sie die Adoptionsurkunde, die ihnen erlaubte, Bridget aus der Ukraine zu bringen.

Zusammen mit Bridget ging es über die gleiche Strecke zurück nach Warschau. „Immer wieder ertönte Luftalarm, es gab ständig Warnungen vor Raketen“, erinnert sich Phil Graves. Auf ihrer Rückreise nach Polen begleitete sie auch Marina Bojko. Die Krankenschwester hat sich jahrelang um Bridget gekümmert, war eine Art Ersatzmutter für sie. „Sie konnte das Mädchen nicht selbst adoptieren, weil sie nach ukrainischem Adoptionsrecht zu wenig Geld verdient“, erklärt Phil Graves. Marina Bojko war es auch, die zwischen Bridget und den Graves seit Monaten vermittelte, das Mädchen und die Amerikaner im Adoptionsprozess begleitete, eine Verbindung aufbaute. „Es war uns wichtig, Bridget Zeit zu geben, ihr zeigen, dass sie uns vertrauen kann“, betont der Adoptiv-Vater.

Kommunikation über Google Translate, weil Bridget bislang nur Russisch spricht

Nach einer gemeinsamen Woche in Warschau, musste sich Marina Bojko von der Familie verabschieden, sie fuhr zurück in die Ukraine. Die Graves flogen mit Bridget am 12. Mai zurück in die USA. Es sei nicht leicht gewesen, der Krankenschwester auf Wiedersehen zu sagen. „Wir kommunizieren nach wie vor täglich und hoffen, sie kann uns eines Tages besuchen“, sagt Phil Graves.

Bridget, die mittlerweile eine US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, habe sich trotz so vieler neuer Eindrücke „erstaunlich gut“ in die Familienstruktur eingefügt. „Sie ist mit der Familie verschmolzen wie warme Butter auf heißem Brot“, scherzt der Adoptiv-Vater am Telefon. Besonders freuen sich die Graves über die innige Verbindung zwischen Bridget und ihren neuen Geschwistern: „Sie spielen zusammen, lesen Bridget etwas vor und wollen ständig bei ihr sein.“

Der Adoptionsprozess mag zwar vorbei sein, aber es sind noch weitere Hürden zu überwinden, etwa die Sprachbarriere. Bridget spricht bislang nur Russisch, die Graves Englisch. „Wir haben zwar ein paar Brocken Russisch gelernt, kommunizieren aber oft über Google Translate, bis Bridget Englisch gelernt hat“, erzählt der 49-Jährige. Zudem warten auf die Kleine weitere Arzttermine und Untersuchungen: „Vielleicht können die Ärzte hier ihre Klumpfüße operieren, damit sie endlich laufen kann.“

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