Gesundheit

Grippe: Experten warnen vor gefährlicher Virusvariante

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Markus Schünemann
“Flurona”: Gleichzeitige Infektion mit Grippe und Corona

“Flurona”- Gleichzeitige Infektion mit Grippe und Corona

In Israel haben die Behörden erstmals eine Doppelerkrankung mit dem Grippevirus und dem Coronavirus festgestellt. Betroffen ist eine Schwangere.

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Die Influenza schien fast verschwunden. Jetzt warnen Experten vor einer besonders schweren Grippe-Saison. Droht eine Zwillingsepidemie?

Berlin. 
  • Neben der Corona-Pandemie könnte es in diesem Jahr auch viele Grippe-Kranke geben
  • Experten zufolge wurde eine gefährlichere Variante entdeckt
  • Impfstoffe wirken demnach nicht so gut wie angenommen

Die aktuellen Corona-Zahlen geben genug Grund zur Sorge. Vor diesem Hintergrund lässt eine andere Nachricht aufhorchen: Die Influenza ist zurück. In diesem Winter verbreiten sich Grippeviren schneller als erwartet, warnt die EU-Seuchenschutzbehörde European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in einem Bericht. Darunter ist auch eine Variante, die besonders gefährlich sei könnte. Kommt es damit zu einer Zwillingsepidemie – Covid-19 und Influenza?

Noch im vergangenen Winter war die gewöhnliche Grippe, der nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Normalfall pro Jahr weltweit rund 650.000 Menschen erliegen, kaum in Erscheinung getreten. Das lag auch an den Corona-Maßnahmen: Lockdowns, Masken und soziale Distanzierung hielten auch das Grippevirus klein.

Warum die Corona-Maßnahmen jetzt das Grippevirus stärken

In diesem Jahr ist die Lage eine andere. Das liegt zum einen daran, dass die Corona-Maßnahmen zuletzt weniger streng ausfielen. Auf einen anderen Grund hatte schon im Sommer 2021 Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena beim digitalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hingewiesen: Gerade durch die Corona-Maßnahmen habe die Bevölkerung keinen „Boost“ im Umgang mit Grippe-Erregern erfahren.

Forscherinnen und Forscher aus den USA hatten schon 2020 historische Daten modelliert und festgestellt, dass eine Saison mit sehr niedrigen Influenzainfektionszahlen die Anfälligkeit der Bevölkerung in nachfolgenden Jahren deutlich erhöhen können. Die aktuelle Entwicklung scheint das zu bestätigen.

Wintersaison: Zahl der Influenzafälle steigt deutlich an

Seit Mitte Dezember steigt die Zahl der Grippefälle in Europa deutlich an – auch die der schweren, berichtet die ECDC. In der letzten Dezemberwoche 2021 wurden in Krankenhäusern in Europa 43 Influenza-Intensivpatienten behandelt. Zwar waren es in der besonders schweren Grippesaison 2018 phasenweise mehr als 400 Intensivpatienten pro Woche. Aber im gesamten Dezember 2020 kam nur ein einziger Grippefall auf einer Intensivstation vor.

Für Deutschland meldete das Robert Koch-Institut (RKI) in der ersten Januarwoche 151 bestätigte Influenzafälle. Auch das klingt zunächst gering. Doch im Vorjahreszeitraum wurde keinen einziger Fall gemeldet.

Dauert die Grippesaison diesmal bis in den Sommer?

Nach ECDC-Angaben könnte die Grippesaison diesmal nicht im Mai enden, sondern bis in den Sommer 2022 andauern – und damit ungewöhnlich lange. Die EU-Seuchenbehörde warnt vor einer Aufhebung der Corona-Maßnahmen. Dadurch könnte sich die Influenza von ihrem üblichen Saisonverlauf lösen, da „das Virus so lange Zeit fast gar nicht in der europäischen Bevölkerung zirkulierte“.

Sollten die Corona-Maßnahmen in den kommenden Wochen und Monaten weiter reduziert werden, könnte sich der Influenzaerreger länger verbreiten. Dann drohe eine „Zwillingsepidemie“, so die ECDC in ihrem Bericht. Influenza und Covid-19 könnten die schon jetzt schwer belasteten Gesundheitssysteme weiter unter Druck setzen. Ein Szenario, das gar nicht weit entfernt ist.

Zweifel an der Wirksamkeit der Impfstoffe

Im Nachbarland Frankreich ist die Grippeepidemie bereits angekommen. Die Hauptstadt Paris und ihr Umland sowie zwei weitere Regionen sind nach Angaben des französischen Gesundheitsministeriums schon betroffen, in anderen wird die Influenza erwartet. Insgesamt 72 schwere Grippefälle und sechs Influenza-Tote hat Frankreich in dieser Saison bisher gemeldet.

Ein weiteres Problem tritt hinzu: Nach vorläufigen Ergebnissen ist in diesem Jahr der Virusstrang H3 der Alpha-Gattung der dominante. Dieser Virusstrang löst die meisten schweren Fälle unter älteren Menschen aus. Nach ECDC-Angaben lässt sich noch keine abschließende Bewertung abgeben, aber erste Labortests hätten gezeigt, dass in dieser Saison die verfügbaren Impfstoffe H3 „nicht optimal“ bekämpfen könnten. Es fehlt also möglicherweise ein wirksamer Grippeschutz.

27 Millionen Impfdosen stehen in Deutschland bereit

Auch hierfür ist das weitgehende Fehlen von Influenzaviren im vergangenen Jahr ausschlaggebend: Die Impfstoffproduzenten konnten für die Herstellung der Vakzine kaum die dominierenden Stränge voraussehen. Der europäische Herstellerverband Vaccines Europe hat dies bestätigt, wollte aber noch keine Aussage über die Wirksamkeit der Impfstoffe machen.

Influenzaviren mutieren besonders häufig, weshalb die Impfstoffe dagegen jährlich angepasst werden. Die Entscheidung darüber fällt meist ein halbes Jahr vor dem üblichen Beginn der Grippesaison. Dass der Virusstrang H3 sich durchsetzen würde, konnte da aber niemand voraussehen.

Lesen Sie mehr: Corona- und Grippe-Impfung: Das ist der richtige Abstand

Dennoch bleibt die Impfung die beste Möglichkeit, sich vor einer schweren Erkrankung zu schützen. Nach Angaben des damaligen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) wurden zu Beginn der Grippesaison rund 27 Millionen Impfstoffdosen zur Verfügung gestellt. Das sind fünf Millionen Dosen mehr als 2020 verimpft wurden.