Pandemie

Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche: Ein großer Flop?

| Lesedauer: 5 Minuten
Alessandro Peduto und Friederike Vogel
Corona: Digitaler Impfpass startet

Corona: Digitaler Impfpass startet

Die Impfkampagne zur Eindämmung der Pandemie schreitet immer weiter voran. Nun gibt es den digitalen Impfpass in Apotheken. Wie man diesen bekommt, sehen Sie im Video.

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Die Politik hat versprochen, bis Ende August allen ab 12 Jahren eine Impfung anzubieten. Doch die Kampagne stockt. Das sind die Gründe.

Berlin. In Deutschland und vielen anderen Ländern Europas herrscht derzeit beste Stimmung. Die Corona-Neuansteckungen gehen Tag um Tag zurück, die Pandemie flaut ab. Viele Menschen hoffen auf einen entspannten Sommer. Doch der Blick nach Großbritannien zeigt derzeit, dass es für völlige Unbeschwertheit zu früh ist. Denn es gibt eine neue Gefahr: die hoch ansteckende Delta-Variante des Coronavirus.

Bislang grassiert sie vor allem im Vereinigten Königreich. Aber das muss keineswegs so bleiben. Für Millionen Familien steht der Urlaub bevor. Massenhafte Reisen kreuz und quer durch Europa könnten somit dazu führen, dass sich die neue Delta-Mutante demnächst auch bei uns ausbreitet.

Mehr als die Hälfte der Menschen hierzulande hat zwar zumindest die erste Corona-Impfung hinter sich, mehr als jeder Vierte sogar die zweite. Doch was ist mit allen anderen? Vor allem die übergroße Mehrheit der Kinder und Jugendlichen ist dem Virus nach wie vor weitgehend schutzlos ausgesetzt. Zwar können sich auch die Jüngeren seit vergangener Woche gegen Covid-19 impfen lassen. Allerdings ist für die 4,5 Millionen in dieser Altersgruppe nur der Impfstoff des Herstellers Biontech zugelassen. Und der bleibt für alle knapp.

Corona: Weniger Biontech-Dosen im Juli

Im Juli werden die Mengen an Biontech-Lieferungen sogar geringer ausfallen als im laufenden Monat. Schon jetzt zeichnet sich ab: Das Versprechen der Politik, jedem ab zwölf Jahren bis Ende August eine Corona-Impfung anzubieten und damit einen sicheren Schulstart in der Pandemie zu ermöglichen, ist kaum zu halten.

Die Impfstoffknappheit ist aber nur ein Grund, dass der Schutz der Jungen nicht vorankommt: Obwohl die Nachfrage nach Impfterminen groß ist, halten sich Kinderärzte zurück. Viele zweifeln am Sinn der Covid-19-Spritze für die Jüngeren. Auch etliche Eltern sind skeptisch. Die Schüler fühlen sich dagegen im Stich gelassen.

Wie groß ist der Anteil der Corona-Impfungen bei den unter 18-Jährigen?

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) liegt die Quote der aktuell einmal Geimpften in dieser Altersgruppe in den Bundesländern zwischen 1,0 und 1,8. Einen Wert für ganz Deutschland weist das RKI nicht aus. Zweifach geimpft sind in derselben Altersgruppe je nach Land zwischen 0,3 und 0,7 Prozent.

Das Ziel, Herdenimmunität zu erreichen, dürfte sich damit erheblich verzögern. Denn Minderjährige haben in Deutschland einen Anteil von 16,4 Prozent an der Bevölkerung. Um Herdenimmunität zu erreichen, müsste eine Durchimpfung von 80 Prozent der Bevölkerung erreicht werden.

Welche Einwände haben Mediziner gegen Corona-Impfungen für Kinder?

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte verweist auf die fehlende Empfehlung des Biontech-Impfstoffs für Kinder ohne Vorerkrankung durch die Ständige Impfkommission (Stiko). „Zudem stellt sich grundsätzlich die Frage, wie sinnvoll Corona-Massenimpfungen in dieser Altersgruppe sind. Denn sie hat ein äußerst geringes Risiko einer schweren Erkrankung“, sagt der Bundessprecher des Verbands, Jakob Maske, unserer Redaktion. „Es ist also Quatsch, die Jungen zuerst zu impfen, während viele Älteren deutlich gefährdeter sind und immer noch auf einen Termin warten.“

Maske führte aus, von allen Impfanfragen für die Altersgruppe ab zwölf Jahren erhielten momentan weniger als zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen eine Covid-19-Impfung in den Arztpraxen. Diejenigen, die geimpft würden, hätten meist eine schwere Vorerkrankung und daher ein erhöhtes Gesundheitsrisiko. Maske betont: „Allein der Wunsch, geimpft in das neue Schuljahr zu starten, ist aus unserer Sicht keine hinreichende Begründung für eine Impfung.“

Warum sind Eltern verunsichert?

Weil es für Biontech keine Stiko-Empfehlung für alle Kinder ab zwölf gibt. Es sei daher „absolut nachvollziehbar, dass Eltern schwere Bedenken haben und zögern, ihre Kinder impfen zu lassen“, sagt Sabrina Wetzel, Vorstandsmitglied des Bundeselternrats, unserer Redaktion. Auf der anderen Seite bekämen die, die bereit seinen, sich impfen zu lassen, keinen Termin, kritisiert Wetzel.

Ihr Fazit: „Wir drehen uns im Kreis.“ Wetzel betont, solange die Eltern sich nicht sicher fühlten, „müssen wir andere Wege finden, die Kinder zu schützen“, etwa durch Luftreiniger. Klar sei schon jetzt: „Im nächsten Winter können wir die Kinder nicht wieder in der Winterjacke bei offenen Fenstern in die Klassenräume setzen.“

Wie schaut die Schülerschaft auf den zögerlichen Impffortschritt?

Mit Frust. „Die Terminvergabe ist zur Lotterie geworden. Das führt dazu, dass die, die sich impfen lassen wollen, es nicht tun“, sagt der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, unserer Redaktion. Er sei enttäuscht. Denn er habe erwartet, dass Kinder und Jugendliche bei dem Biontech-Impfstoff Priorität haben. „Stattdessen konkurrieren jetzt alle um diesen Impfstoff. Das ist fatal“, kritisiert Schramm.

Der Politik hält Schramm organisatorische Mängel vor: „Es ist eine vertane Chance, dass bisher nicht in den Schulen geimpft worden ist. Nirgendwo können mehr Kinder und Jugendliche erreicht werden als dort.“ Schramm betont: „Das Impfen wird einen großen Anteil daran haben, wie normal der Unterricht nach den Sommerferien sein wird.“ Die nächsten Wochen seien mit Blick auf den Schulstart im Herbst „der Knackpunkt“.

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