Pandemie

Delta-Alarm in Großbritannien: Was das für Deutschland heißt

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Stäuber
Merkel sieht Corona-Impfwettlauf mit Delta-Variante

Merkel sieht Corona-Impfwettlauf mit Delta-Variante

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) findet die aktuelle Entwicklung der Corona-Fallzahlen in Deutschland zwar "extrem erfreulich", doch sie warnt vor der Delta-Variante, die sich in Großbritannien ausbreitet. Deutschland befinde sich in einem "Wettlauf mit dem Impfen".

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Die Delta-Variante breitet sich in England schnell aus. Lockerungen wurden verschoben. Warum auch Deutschland gewarnt sein sollte.

London. 
  • Die Corona-Zahlen in Großbritannien steigen wieder - trotz vorangeschrittener Impfkampagne
  • Schuld daran ist offenbar die zuerst in Indien aufgetauchte Delta-Mutation
  • Lesen Sie hier, wie sich die Lage in Großbritannien entwickelt und was Geimpfte jetzt wegen Delta beachten müssen

So schnell wie in keinem anderen Land gingen die Impfungen voran, die Zahl der Corona-Neuinfektionen sank – ähnlich wie zurzeit in Deutschland. Doch nun steht der britische Premierminister Boris Johnson auf der Bremse. Aus Sorge vor einer nächsten Corona-Welle hat die Regierung den „Freedom Day“, den geplanten letzten Schritt der Öffnungspläne, über den Haufen geworfen.

Johnson kündigte an, das für den 21. Juni geplante Ende der Einschränkungen in England um vier Wochen zu verschieben. Der Grund ist die Delta-Variante, die zuerst in Indien entdeckt wurde und sich seit einigen Wochen in Großbritannien rasant ausbreitet: „Die Fälle nehmen pro Woche um rund 64 Prozent zu. In den am härtesten getroffenen Gebieten verdoppelt sich die Zahl jede Woche“, sagte Johnson.

Seit Anfang Juni steigt die Zahl der Menschen wieder, die mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, der Großteil davon unter 65 Jahre alt. Wenn man an den Öffnungsplänen festhalte, „könnten Tausende Todesfälle mehr auftreten, die andernfalls hätten verhindert werden können“, so Johnson.

Epidemiologe: Indische Mutante wird bald alle anderen Covid-Varianten verdrängen

91 Prozent aller Neuinfektionen gehen im Vereinigten Königreich auf die neue Variante zurück. Die Delta-Variante ist deutlich ansteckender als die Alpha-Mutante, die zuerst vor Weihnachten in Kent festgestellt wurde – Studien zufolge liegt das Ansteckungsrisiko zwischen 40 und 80 Prozent höher. Und das könnte auch für Deutschland weitreichende Folgen haben.

Wegen der Alpha-Variante verhängte Johnson über Weihnachten einen harten Lockdown. Ab Mitte März breitete sich die Variante dann rasend schnell in Deutschland aus. Noch ist die Delta-Variante in Deutschland kaum verbreitet, aber das kann sich, wie die Alpha-Mutante zeigte, sehr schnell ändern - SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt vor einer Ausbreitung im Herbst.

In Großbritannien droht nun eine neue Corona-Welle – und das, obwohl das Land ein sehr flinkes Impfprogramm aufgezogen hat. Mehr als 62 Prozent der Bevölkerung haben die erste Dosis erhalten, fast 45 Prozent die zweite.

Das Problem: Die Biontech- sowie die Astrazeneca-Impfungen sind gegen die Delta-Variante weniger wirksam. Laut einer Studie vom Mai bietet eine einzige Impfung dieser Vakzine nur einen Schutz von 33 Prozent. Bei zwei Dosen des Biontech-Vakzins erhöht sich die Wirksamkeit auf 88 Prozent, bei Astrazeneca auf 60 Prozent.

Chefberater: „Wir werden mit dem Virus leben müssen“

Eine weitere Delta-Studie, die auch jetzt publiziert wurde und über einen größeren Zeitraum reicht, zeichnet ein positiveres Bild: Demnach schützen zwei Biontech-Dosen 96 Prozent der Geimpften vor einer schweren Covid-19-Erkrankung, bei Astrazeneca sind es 92 Prozent. Umso wichtiger ist es, die Britinnen und Briten so schnell wie möglich mit zwei Dosen zu versorgen, um eine schwere dritte Welle doch noch abzuwenden.

Der Gesundheitsdienst NHS soll „ein paar entscheidende Wochen erhalten, um jenen, die sie benötigen, die Impfungen zu verabreichen“, sagte der Premier. Derzeit gibt es im Land noch rund 1,3 Millionen Menschen über 50 Jahre, die auf ihre zweite Impfung warten. Das Ziel sei es, bis am 19. Juli rund zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung mit zwei Dosen zu versorgen. Für jene über 40 Jahre wird zudem die Zeitspanne zwischen den zwei Impfungen von zwölf auf acht Wochen reduziert.

40 Prozent ansteckender als die britischer Variante

So werden die derzeit geltenden Einschränkungen noch bis mindestens 19. Juli beibehalten. Das heißt: In Innenräumen dürfen sich maximal sechs Menschen oder zwei Haushalte aufhalten, die Nachtclubs bleiben geschlossen. Ausnahmen werden für Hochzeiten gemacht: Die bislang geltende maximale Teilnehmerzahl von 30 wird aufgehoben – wenn auch vom Tanzen und Singen abgeraten wird.

Johnson gibt sich zuversichtlich, dass diese Maßnahmen ausreichen, um einen weiteren Lockdown zu verhindern. Der medizinische Chefberater der Regierung, Chris Whitty, sagte, dass Covid-19 zwar nicht verschwinden werde – aber dass man die Krankheit irgendwann mehr oder weniger im Griff haben werde. Er warnte allerdings auch: „Wir werden mit diesem Virus, das weiterhin schwere Infektionen verursachen und Menschen töten wird, leben müssen – und zwar für den Rest unseres Lebens.“

Mehr als 70 Prozent der Briten unterstützen den Aufschub des „Freedom Days“. Johnson steht wegen seiner Zögerlichkeit dennoch in der Kritik: Die Regierung wusste, dass die Delta-Variante bereits am 1. April ins Land importiert worden war, aber Johnson zögerte bis zum 23. April, bevor er die Grenzen zu Indien schloss. Die Grenzen seien „so dicht wie ein Sieb“ gewesen, sagt Jonathan Ashworth, Sprecher für Gesundheitsfragen bei der Labour-Opposition. Das habe es der Delta-Variante erlaubt, ins Land zu kommen. Indes geht die Virologin Ciesek in ihrem Podcast davon aus, dass sich die Delta-Variante auch in Deutschland durchsetzt.

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