Pandemie

Corona-Impfungen für Kinder: Was Eltern jetzt wissen müssen

| Lesedauer: 8 Minuten
EMA lässt Biontech-Impfstoff ab zwölf Jahren zu

EMA lässt Biontech-Impfstoff ab zwölf Jahren zu

Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) hat den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. Mit der EMA-Entscheidung steht in der EU erstmals ein Impfstoff für Kinder zur Verfügung.

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Mit dem Impfstoff von Biontech dürfen Kinder ab zwölf Jahren in Deutschland ab dem 7. Juni geimpft werden. Das müssen Eltern wissen.

Berlin. 
  • In Deutschland sollen ab kommenden Montag auch Kinder ab 12 Jahren gegen Corona geimpft werden
  • Doch die Stiko zögert noch mit einer Empfehlung
  • Was Eltern über die Impfung wissen sollten

In Deutschland sollen die Impfungen für Kinder ab zwölf Jahren am 7. Juni beginnen. Das haben Bund und Länder auf dem Impfgipfel beschlossen. Voraussetzung dafür war, dass die EU-Kommission den Impfstoff von Biontech und Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zulässt. Auch diese Hürde ist genommen. Dennoch bleiben Fragen, denn die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland zögert weiterhin mit einer entsprechenden Empfehlung. In unserer Übersicht zeigen wir, was Eltern jetzt wissen müssen.

Wer entscheidet ob mein Kind geimpft wird?

Die beste Methode ist wenn Eltern, Kind und Arzt gemeinsam beraten und entscheiden. Im Extremfall braucht es aber nicht die Erlaubnis der Eltern. Bei einem 14-Jährigen, der genau erklären könne, warum er geimpft werden will und das Thema auch verstehe, "ist eine Impfung unter Umständen auch ohne die Zustimmung der Eltern möglich", sagte Jakob Maske, Bundespressesprecher vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte dieser Redaktion. Theoretisch bestünde sogar eine Schweigepflicht gegenüber den Eltern. Voraussetzung ist die sogenannte Einsichtsfähigkeit des Kindes oder Jugendlichen. Diese ist juristisch aber nicht an ein Alter gekoppelt, sondern muss vom impfenden Arzt immer im Einzelfall überprüft werden.

Was ist über Nebenwirkungen bekannt?

Die meisten Informationen über Nebenwirkungen nach Impfungen mit Biontech bei Kindern stammen aus den USA. Dort ist das Vakzin bei Kinder ab zwölf Jahren bereits seit dem 10. Mai zugelassen. Schon in der ersten Woche wurden bereits rund 600.000 Kinder und Jugendliche mit Biontech geimpft. In einer Studie mit 2260 Teilnehmern seien zuvor laut der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA Nebenwirkungen untersucht worden. Die Reihenfolge nach Häufigkeit:

  • Schmerzen an der Einstichstelle
  • Müdigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Schüttelfrost
  • Muskelschmerzen
  • Fieber
  • Gliederschmerzen

Diese Nebenwirkungen hätten laut FDA in der Regel ein bis drei Tage angedauert.

Wie ansteckend sind Kinder?

Seit Beginn der Corona-Pandemie wird viel über diesen Punkt diskutiert. Der Virologe Christian Drosten hat dazu eine Studie im Fachblatt "Science" veröffentlicht. Ihm zufolge gibt es bei Kindern ab dem Schulalter und Erwachsenen keinen Unterschied bei der Viruslast. "Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich großen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien", sagte der Experte für Coronaviren laut einer Charité-Mitteilung.

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Wann werden Schüler in Deutschland gegen COVID-19 geimpft?

Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren können sich ab dem 7. Juni impfen lassen. Sie werden jedoch nicht priorisiert. Da an besagtem Datum auch die Impfreihenfolge in Deutschland fällt, müssen sie sich also mit allen anderen Impfwilligen um einen Termin bemühen.

Wo sollen sich Kinder gegen Corona impfen lassen?

Kinder und Jugendliche sollen vor allem bei den niedergelassenen Kinder- und Hausärzten geimpft werden. Verschiedene Bundesländer hatten auch Impfaktionen in Schulen angekündigt. Nachdem festgelegt wurde, dass für Kinderimpfungen vom Bund jedoch keine zusätzlichen Impfdosen zur Verfügung gestellt werden, stehen diese Pläne zur Zeit auf der Kippe.

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte wandte sich dagegen, Impfungen in Schulen vorzunehmen. Als erstes seien Kinderarzt-Praxen gefragt. "Wir müssen ja trotzdem Aufklärungsgespräche mit Eltern organisieren. Zudem möchte man einen Zwischenfall wie einen Schock, auch wenn er nur sehr selten vorkommt, nicht gerade in der Schule erleben", sagte Verbands-Sprecher und Kinderarzt Axel Gerschlauer der "Rheinischen Post".

Stiko, Bundesregierung und Kinderärzte: Was sind die Postitionen?

Die Stiko verweist auf eine weiterhin nicht belastbare Datenlage. Stiko-Mitglied Christian Bogdan hatte am Wochenende erklärt, "in Sachen Nebenwirkungen fehlen noch ausreichend Daten". Und er fügte hinzu: "Die Immunantwort eines Kindes kann anders verlaufen als bei einem Erwachsenen. Deswegen braucht man da mehr Daten." Stiko-Chef Thomas Mertens bekräftige im Corona-Podcast mit der Virologin Sandra Ciesek diese Haltung der Stiko. Er schloss nicht aus, dass die Stiko noch eine Empfehlung aussprechen werde, wenn weitere Daten geprüft seien.

Bisher deutet sich an, dass die Stiko wohl nur eine Impfempfehlung für vorerkrankte Kinder abgeben wird, jedoch keine allgemeine. Für Kinder, die einer Risikogruppe angehören, hält Mertens eine Impfung definitv für empfehlenswert.

Die Bundesregierung will in Person von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Not auch ohne eine Empfehlung der Stiko mit den Impfungen beginnen. Spahn plädiert dafür, dass Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern und den Ärzten individuell entscheiden sollten.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat Spahns Vorgehen kritisiert und warnte, die Risikobewertung der unabhängigen Stiko zu ignorieren. "Bei der Vergabe von Vakzinen müssen nur wissenschaftliche Fakten gelten", sagte Vorstand Eugen Brysch dieser Redaktion.

Vertreter des Haus- und Kinderärzteverbandes haben sich in der "Welt" gegen eine eigene Impfkampagne für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen. Jedoch nicht gegen Impfungen von Kindern generell. Bei Corona sei bekannt, dass besonders jüngere Kinder meistens eine sehr überschaubare primäre Krankheitslast hätten, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Burkhard Rodeck. Kinder-Impfungen würden also primär den Erwachsenen dienen, damit sie "sich nicht anstecken und schwer erkranken". Normalerweise dienten Impfungen aber primär den Geimpften selbst. Rodeck sprach daher von einem "ehtischen Dilemma".

Wie beurteilt die Stiko die aktuelle Datenlage zu Verläufen und Spätfolgen von Covid-19 bei Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren?

Laut Stiko gibt es in der Altersgruppe der 12- bis 16-Jährigen etwa 188.000 gesicherte Infektionen. Rund 1800 Betroffene sind in ein Krankenhaus eingeliefert worden, 18 mussten auf die Intensivstation. Den Angaben zufolge gibt es bisher zwei Todesfälle. Die betroffenen Kinder hätten eine sehr schwere Grunderkrankung gehabt, so Thomas Mertens. Einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf bei 12- bis 16- Jährigen nannte er „eine absolute Rarität“.

Hinsichtlich der als Long Covid bezeichneten Spätfolgen einer Corona-Infektion gibt es nach Angaben der Stiko lediglich Daten aus Großbritannien, vom britischen Office for National Statistics (ONS). Die Behörde geht davon aus, dass der Anteil derjenigen, die fünf Wochen nach einer Corona-Infektion noch mindestens ein Symptom wie Husten, Fieber oder Müdigkeit aufweisen, bei den 12- bis 16-Jährigen bei 14,5 Prozent liegt. Nach Einschätzung der Stiko ist diese Studie wenig belastbar. „Hinsichtlich Long Covid ist in dieser Altersgruppe die Datenlage völlig unzureichend“, sagt Mertens.

Wie wichtig sind Impfungen von Kindern für die Herdenimmunität?

Dass sich Ungeimpfte über kurz oder lang mit Sars-CoV-2 infizieren werden, davon geht nicht nur das Robert Koch-Institut aus. Auch die Stiko glaubt, dass die Inzidenzzahlen an mögliche Impfungen bei Kindern und Jugendlichen gekoppelt sind.

Ohne Impfungen könnten die Inzidenzzahlen in Deutschland unter Umständen wieder steigen. Das hätten mathematische Modellrechnungen ergeben. Aber: Eine Impfung der 12- bis 15-Jährigen ohne Vorerkrankung würde die Situation auf den Intensivstationen und die Sterblichkeit „nur minimal beeinflussen“, so Mertens.

Wird eine Impfung für den Schulbesuch Pflicht?

Nein, Bund und Länder haben beim Impfgipfel klargestellt, dass ein sicherer Schulbetrieb unabhängig davon gewährleistet werde, "wie viele Schülerinnen und Schüler ein Impfangebot wahrnehmen." (jas/kai/dpa)

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