Covid-19

Corona-Pandemie: Sind Alte noch immer zu wenig geschützt?

| Lesedauer: 5 Minuten
Alessandro Peduto und Julia Emmrich
Corona: Digitaler Impfpass startet

Corona- Digitaler Impfpass startet

Die Impfkampagne zur Eindämmung der Pandemie schreitet immer weiter voran. Nun gibt es den digitalen Impfpass in Apotheken. Wie man diesen bekommt, sehen Sie im Video.

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Trotz sinkender Inzidenz: Das RKI beobachtet Dutzende Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen – Pflegebeauftragter warnt vor Lockerungen.

Berlin. Der Sommer kommt, die Pandemie weicht zurück und Deutschland macht sich locker. Für Schulunterricht, Reisen und Kneipenbesuche sind etliche Auflagen weggefallen. Sogar ein Ende der Maskenpflicht wird diskutiert.

Die Zahl der Geimpften wächst täglich. Inzwischen hat fast jeder Zweite hierzulande einen ersten Piks gegen Covid-19 erhalten. Gleichzeitig gehen die Neuinfektionen rapide zurück. Am Montag lag die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz laut Robert-Koch-Institut (RKI) bei 16,6. Das war der niedrigste Wert seit mehr als acht Monaten.

Grillpartys und gemeinschaftlichem Fußballschauen

Erstmals seit Langem ist auch die Zahl der gemeldeten Neuansteckungen binnen eines Tages auf unter 1000 gesunken. Kein Wunder, dass viele Menschen geradezu euphorisch die schrittweise Rückkehr in den einstigen Alltag feiern – etwa mit Grillpartys und gemeinschaftlichem Fußballschauen.

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Doch der Weg zurück in die Normalität steht längst nicht allen offen. Gerade für betagte Menschen bleibt Corona eine Gefahr – sogar trotz Impfung. Das machte RKI-Chef Lothar Wieler jüngst deutlich.

Bundesweit 40 Ausbrüche in Senioreneinrichtungen

„Die Pandemie ist noch nicht zu Ende – vor allem, wenn man sich die Lage in den Alten- und Pflegeheimen anschaut“, warnte Wieler. Die Zahl der Corona-Ausbrüche in den Einrichtungen sei zwar durch die Impfungen zurückgegangen, aber noch immer gebe es viele: Ende vergangener Woche zählte das RKI bundesweit 40 Ausbrüche in Senioreneinrichtungen. Dabei sei es nicht nur zu Krankenhauseinweisungen, sondern auch zu Todesfällen gekommen.

Als Ursache für die beunruhigende Lage nennt Wieler drei Gründe: Noch immer seien nicht alle Bewohner von Alten- und Pflegeheimen geimpft. Es komme zum Beispiel vor, dass neu aufgenommene Patienten noch ohne Impfschutz seien, weil sich zuvor niemand darum gekümmert habe.

Corona: Impfzentren sind teurer als Hausärzte
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Auch Geimpfte können sich noch anstecken

Zudem sei das Personal „sehr unterschiedlich geimpft“, so Wieler. Mit anderen Worten: Es kann nach wie vor passieren, dass ungeimpfte Pflegekräfte das Virus in die Einrichtungen tragen. Und schließlich können sich auch Geimpfte noch anstecken und erkranken – wenn auch in der Regel nicht lebensbedrohlich. Wieler mahnte deshalb dazu, Schutzmaßnahmen weiter einzuhalten und nur in vorsichtigen Schritten zu lockern.

Auch eine jüngst veröffentlichte Studie der Berliner Charité zeigt, dass die Corona-Gefahr für Betagte und Hochbetagte weiterhin höher ist, selbst wenn diese Gruppe zu den Ersten zählte, die eine Spritze gegen Covid-19 erhielt. Grund ist, dass das Immunsystem von alten Menschen weniger wirkungsvoll auf die Impfung reagiert als das von jüngeren. Auch dies erklärt, warum es trotz zweifacher Impfung immer noch zu Corona-Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen kommt.

Immunantwort 10 bis 30 Prozent schwächer

Fachmediziner gehen davon aus, dass die Immunantwort bei Älteren nach einer Impfung um 10 bis 30 Prozent schwächer ausfällt als bei Jüngeren. Die Charité-Studie empfiehlt daher eine Auffrischung der Impfung bei Pflegeheimbewohnern, eine Immunisierung von Personal und Besuchern sowie die Beibehaltung von Tests und Hygienemaßnahmen in den Einrichtungen.

Aber bedeutet das im Umkehrschluss, dass es jetzt für alle Lockerungen gibt, nur nicht für die Älteren? Viele Pflegebedürftige leben nach wie vor in weitgehender Isolation. Gemeinschaftliche Unternehmungen fallen oft zum Schutz vor Ansteckungen weg. Für Bewohner der Einrichtungen, ihre Angehörigen, aber auch für Pflegekräfte ist diese Situation belastend.

Stiftung Patientenschutz sieht Handlungsbedarf

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sieht daher Handlungsbedarf. „Klar ist, dass der Infektionsschutz und die Freiheitsrechte von Heimbewohnern im Einklang miteinander stehen müssen.

Besuche, Zusammenkünfte und Feste für vollständig Geimpfte oder Getestete müssen bedingungslos möglich sein“, sagte Brysch unserer Redaktion. Um den Schutz der Hochrisikogruppe weiter sicherzustellen, bleibe eine Testpflicht für ungeimpfte Mitarbeiter und Besucher unerlässlich, fordert Brysch.

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Nicht alle Pflegekräfte und Heimbewohner sind geimpft

Auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus (CDU), warnt in der aktuellen Lockerungsdebatte vor einer zu raschen Aufhebung der Corona-Schutzauflage in den Einrichtungen. „Nicht alle Pflegekräfte, Bewohner und Besucher sind geimpft. Lockerungen in Pflegeeinrichtungen wie etwa die Aufhebung der Maskenpflicht müssen daher mit Augenmaß erfolgen“, sagte Westerfellhaus unserer Redaktion.

Ein zu schnelles Ende der Corona-Auflagen kann nach seinen Worten gefährlich sein. „Wenn wir jetzt die Bremse ganz loslassen, kann es sein, dass wir wieder von der Straße in Richtung Normalität abkommen“, befürchtet Westerfellhaus.

Von der Normalität noch weit entfernt

Er betont, trotz sinkender Fallzahlen „sollte der besonderen Situation in Pflegeeinrichtungen weiterhin unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit gelten“. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Gemeinschaftsaktivitäten in den Seniorenheimen „überall so schnell wie möglich wieder Normalität werden“.

Aus Sicht der Branche ist man hiervon aber trotz rückläufiger Inzidenzen noch weit entfernt. Stefan Werner, Vizepräsident des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, betont auf Anfrage, es sei „noch keine Rückkehr zum ,Normalzustand‘, wie auch immer der dann aussehen wird, möglich“.

Die Einrichtungen sorgten aber dafür, „dass Isolationen so weit als möglich vermieden werden und beispielsweise Mahlzeiten in den meisten Einrichtungen wieder gemeinsam eingenommen werden können“.

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