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Astrazeneca: Höheres Risiko auch bei älteren Frauen

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Alles, was Sie über Thrombose wissen müssen

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Der Impfstoff von Astrazeneca steht im Verdacht, spezielle Thrombosen zu verursachen. Die europäische Arzneimittelagentur hat ein minimal erhöhtes Risiko nicht ausgeschlossen. Was Sie über Symptome und Behandlung von Blutgerinnseln wissen müssen, erfahren Sie hier.

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Astrazeneca wird Menschen ab 60 Jahren empfohlen. Eine Studie weist nun auf ein leicht erhöhtes Thrombose-Risiko für ältere Frauen hin.

Berlin. 
  • Astrazeneca soll laut der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur noch an Menschen über 60 Jahren verabreicht werden
  • Hintergrund sind Fälle von nach der Impfung mit Astrazeneca aufgetretenen Hirnvenenthrombosen
  • Eine Studie sieht nun auch ein leicht erhöhtes Risiko bei älteren Frauen

Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Erst sollte er älteren Menschen nicht verabreicht werden. Nach einem zwischenzeitlichen Impfstopp mit dem Vakzin wegen eines möglicherweise erhöhten Risikos einer gefährlichen Sinusvenenthrombosen nach der Astrazeneca-Impfung bei jüngeren Frauen gilt jetzt die Empfehlung, nur noch über 60-Jährige damit zu impfen. Doch nun deutet eine neue Studie von Neurologen an, dass auch bei älteren Frauen ein erhöhtes Risiko von sehr seltenen thromboembolischen Ereignissen als Nebenwirkung vorliegen könnte.

Das Magazin „Spiegel“ berichtete zuerst über die aktuelle Studie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Bislang war davon ausgegangen worden, dass vorrangig jüngere Frauen gefährdet seien, entsprechende Warnhinweise richteten sich daher vor allem an sie. Dennoch lehnen wegen des schlechten Images immer häufiger auch ältere Menschen Astrazeneca ab.

Astrazeneca: Hirnvenenthrombosen neunmal häufiger als bei mRNA-Impfstoff

Die Arbeit der DGN wurde noch nicht von anderen Forschenden begutachtet, sondern als sogenanntes Preprint veröffentlicht. Der Auswertung zufolge, für die neurologische Abteilungen und Kliniken in ganz Deutschland befragt worden seien, war die Rate von Hirnvenenthrombosen nach einer Astrazeneca-Impfung demnach mehr als neunmal höher als nach einer Impfung mit einem mRNA-Impfstoff wie Biontech/Pfizer oder Moderna. Dabei sei die Rate bei Frauen im Vergleich zu jener bei Männern mehr als dreimal erhöht gewesen.

Solche Thrombosen nach einer Impfung seien aber insgesamt sehr selten gemessen an der Anzahl der Impfungen, betonten die beteiligten Forscherinnen und Forscher. Insgesamt hätten die Kliniken 45 Fälle von Hirnvenenthrombosen gemeldet, die sich in einem Zeitraum von 31 Tagen nach einer Impfung ereignet hätten. Dazu kamen demnach 17 Fälle, in denen Betroffene unter anderem Schlaganfälle oder Hirnblutungen erlitten.

Zusätzlich zur reinen Zahl der gemeldeten Fälle untersuchten die Forschenden, wie wahrscheinlich diese Fälle auch ursächlich im Zusammenhang mit der verabreichten Astrazeneca-Impfung stehen. Dafür bewerteten sie vier Faktoren, die laut mehrerer Studien auf eine VITT hinweisen – die englische Abkürzung steht für von Impfstoffen verursachte Thrombose mit Blutplättchenmangel. Das Ergebnis: Bei 19 der 45 Fälle von Hirnvenenthrombosen wurde der Zusammenhang mit der Impfung als sehr wahrscheinlich bewertet.

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Hirnvenenthrombose: Erhöhtes Risiko auch bei älteren Frauen

„Die Daten zeigen, dass auch ältere Frauen ein erhöhtes Risiko einer Hirnvenenthrombose nach Gabe des Astrazeneca-Vakzins haben“, sagte der an den Auswertungen maßgeblich beteiligte Direktor des Instituts für Public Health an der Charité-Universitätsmedizin, Tobias Kurth, dem „Spiegel“. Er rief die Entscheidungsträger dazu auf, rasch über mögliche Auswirkungen für die geltenden Impfempfehlungen zu beraten.

Astrazeneca: Für diese Personen gilt der Warnhinweis
Astrazeneca: Für diese Personen gilt der Warnhinweis

Sollten sich die Ergebnisse auch nach unabhängigen Prüfungen durch andere Forschende bestätigen, könnte dies erneut die Frage aufkommen lassen, ob die derzeit geltende Impfempfehlung zum Astrazeneca-Impfstoff überdacht werden müssen.

Noch aber betonen die Beteiligten der Studie, die neuen Erkenntnisse nicht als Warnung vor dem Impfstoff zu werten: „Wir stellen damit nicht die Impfung infrage, auch nicht das AstraZeneca-Vakzin, denken aber, dass alle Personen, vor allem Frauen, vor der Impfung über dieses Risiko aufgeklärt werden sollten, gerade auch im Hinblick darauf, auf welche Symptome sie im Nachgang zu achten haben“, sagt DGN-Präsident Christian Gerloff laut einer Pressemitteilung. Zudem forderte Gerloff „sehr zeitnah eine neue Risiko-Nutzen-Bewertung durch die zuständigen Behörden“.

Risiken der Impfung müssen mit denen einer Nicht-Impfung verglichen werden

Die nun ermittelten Risiken müssten dennoch stets vor dem Hintergrund der Risiken gesehen werden, eine Nicht-Impfung mit sich bringe. „Bei der Abwägung muss auch berücksichtigt werden, dass das Risiko einer Sinus-Venenthrombose bei einer COVID-19-Infektion um den Faktor 10 erhöht ist, die Erkrankung führt verhältnismäßig häufig zu thrombotischen Ereignissen mit Todesfolge, die Impfung nur extrem selten“, sagt DGN-Pressesprecher Prof. Hans-Christoph Diener in der Mitteilung.

Aktuell empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) den Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland für Menschen ab 60 Jahren. Eine Freigabe für Jüngere gibt es trotzdem: Menschen unter 60 kann der Impfstoff auf deren Wunsch hin und nach eingehender Beratung verabreicht werden.

Welche Schwächen hat die Studie der Neurologen-Gesellschaft?

Der an der Auswertung beteiligte Charité-Mediziner Tobias Kurth geht gegenüber dem „Spiegel“ davon aus, dass die nun von ihm und seinem Team veröffentlichten Zahlen eher zu niedrig sind als zu hoch gegriffen. Das liegt vor allem an und Zeitraum der Studie:

  • Sehr wahrscheinlich sind nicht alle tatsächlich aufgetretenen Hirnvenenthrombosen im betroffenen Zeitraum erfasst worden. Nicht alle angefragten neurologischen Kliniken haben Rückmeldung gegeben. Zudem könnten behandelte Geimpfte auch in anderen Abteilungen als der Neurologie gelandet sein. Vor der Behandlung Verstorbene tauchen in den Zahlen nicht auf.
  • Die Befragung endete erst Mitte April. Zu diesem Zeitpunkt durften auch Arztpraxen bereits kurze Zeit impfen. Diese waren allerdings nicht Teil der Befragung.
  • Die Befragung ist beschränkt auf Neurologie-Abteilungen und mögliche Thrombosen im Gehirn. Auftreten können diese Blutgerinnsel aber auch in anderem Körperregionen wie dem Bauchraum.

(jkali/mahe/afp)