Compliance-Verfahren

Trotz „Fehlern“: Julian Reichelt bleibt „Bild“-Chefredakteur

| Lesedauer: 6 Minuten
Georg Altrogge
"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt ist von seinen Funktionen freigestellt, bis die Vorwürfe gegen ihn geklärt sind.

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt ist von seinen Funktionen freigestellt, bis die Vorwürfe gegen ihn geklärt sind.

Foto: imago images/Jörg Schüler

Nach Compliance-Verfahren: Springer-Verlag sieht keinen Grund für Abberufung. Doch Reichelt muss die Macht nun mit einer Frau teilen.

Berlin. In der seit Wochen schwelenden Personal-Affäre an Spitze der „Bild“-Zeitung ist die Entscheidung gefallen: Julian Reichelt bleibt Chefredakteur des Boulevardblatts – trotz einiger „Fehler“ im Umgang mit Mitarbeiterinnen. Dies gab das Verlagshaus Axel Springer am Donnerstag bekannt. In der Erklärung hieß es: „Der Vorstand ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht gerechtfertigt wäre, Julian Reichelt aufgrund der in der Untersuchung festgestellten Fehler in der Amts- und Personalführung – die nicht strafrechtlicher Natur sind – von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen.“

Das Bekenntnis des Konzerns zu seinem mächtigsten Journalisten kommt für viele Beobachter durchaus überraschend. Wie das Medienhaus bekannt gab, werde Reichelt „mit sofortiger Wirkung seine Arbeit fortsetzen“. Diese Entscheidung habe der Vorstand auf Basis der „vorliegenden Erkenntnisse“ getroffen. Der 40-Jährige Journalist war vor zwei Wochen – laut Verlag auf eigenen Wunsch – von seinen Aufgaben entbunden und freigestellt worden, um die laufenden Compliance-Ermittlungen nicht durch seine Anwesenheit in der Redaktion zu belasten. Lesen Sie dazu: „Bild"-Chef Julian Reichelt beurlaubt

Julian Reichelt: Der Vorwurf lautete Machtmissbrauch

Im Kern der Untersuchung standen nach Verlagsangaben Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Dazu hieß es: „Entgegen der in einigen Medien kolportierten Darstellung gab es keine Vorwürfe und auch im Untersuchungsverfahren keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung.“ Julian Reichelt habe die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die oben genannten Vorwürfe jedoch bestritten und dies auch eidesstattlich versichert, so eine Sprecherin.

Über die Gründe der Entscheidung für den Verbleib Reichelts in seinem Amt teilte das Medienhaus mit: „In die Gesamtbewertung sind auch die enormen strategischen und strukturellen Veränderungsprozesse und die journalistische Leistung unter der Führung von Julian Reichelt eingegangen.“ Vorstandschef Mathias Döpfner erklärte: „Um die Wahrheit herauszufinden, hatten wir zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen, dabei keine Vorverurteilung vorzunehmen, Privates und Berufliches grundsätzlich zu trennen und die von einigen betroffenen Hinweisgebern gewünschte Vertraulichkeit zu wahren. Wir sind nach gründlicher Abwägung zur Überzeugung gelangt, dass es richtig ist, dass Julian Reichelt nun in einer Doppelspitze mit Alexandra Würzbach seine Arbeit fortsetzen kann.“ Würzbach hatte die Redaktion in den vergangenen Wochen während Reichelts Freistellung geleitet.

„Wir wollen und müssen aus dieser Erfahrung lernen und besser werden.“

Ein Persilschein ist das Votum des Vorstands jedoch nicht. Döpfner über Reichelt: „Er hat Fehler gemacht. Nach allem, was im Zuge der Untersuchungen zum heutigen Tage bekannt geworden ist, halten wir eine Trennung aber für unangemessen.“ Und er kündigte Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitskultur bei dem Boulevardblatt an: „Uns ist klar: Auch wenn es keinen rechtlichen Handlungsbedarf gibt, besteht Änderungsbedarf bei der Führungskultur in der ‚Bild‘-Redaktion. Wir wollen und müssen aus dieser Erfahrung lernen und besser werden.“

Julian Reichelt gab ebenfalls eine Erklärung ab: „Ich bin erleichtert und froh, jetzt wieder in die Redaktion zurückzukehren. Ich weiß, ich habe im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen Fehler gemacht und kann und will das nicht schönreden. Was ich mir vor allem vorwerfe ist, dass ich Menschen, für die ich verantwortlich bin, verletzt habe. Das tut mir sehr leid. Rückwirkend kann ich das nicht mehr ändern, aber ich werde meine Chance jetzt nutzen und mich dafür einsetzen, gleichberechtigt mit Alexandra Würzbach und gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als ein Team eine neue Unternehmenskultur für ‚Bild‘ zu schaffen und vorzuleben.“

Jan Böhmermann sprach als erstes über Reichelts Verfehlungen öffentlich

Schlagzeilen in eigener Sache machte der Journalist seit Anfang des Monats. Am 5. März hatte der Satiriker Jan Böhmermann die internen Ermittlungen in seiner Late-Night-Show „ZDF Magazin Royale“ erstmals öffentlich gemacht. Kurz darauf berichtete das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ über Vorwürfe des Machtmissbrauchs und Fehlverhaltens. Reichelt soll mit einer Reihe von Mitarbeiterinnen Beziehungen gehabt und in diesem Zusammenhang seine Machtposition ausgenutzt haben. Der Chefredakteur wies dies vehement zurück.

Das Unternehmen beauftragte die externe Anwaltskanzlei Freshfields mit der Aufklärung, die sich auch deswegen schwierig gestaltete, weil die betroffenen Frauen anonym bleiben wollten. Die Juristen gingen auch Hinweisen auf Drogenmissbrauch und Mobbing nach. Nichts davon bestätigte sich offenbar in einer Form, die aus Sicht des Managements eine Trennung von Reichelt erforderlich gemacht hätte. Die Untersuchungen waren auch deshalb so langwierig, weil die befragten Mitarbeiterinnen auf der Wahrung strikter Anonymität bestanden.

Verlag hatte Hinweise auf „Aktivisten-Netzwerk“, das Sturz des „Bild“-Chefs betrieb

Gegenüber seiner Redaktion hatte der Chefredakteur erklärt, Opfer einer gegen ihn und seine Zeitung gerichteten Kampagne zu sein. Er sei entschlossen, dagegen vorzugehen: „Die Vorwürfe sind falsch. Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen ‚Bild´ und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt.“ Seine Kritik richtete sich ebenso gegen Medien wie gegen vermutete Strippenzieher und Tippgeber im Hintergrund. Reichelt zeichnete das Bild einer orchestrierten Diffamierung mit dem Ziel, ihn aus dem Amt zu befördern.

Tatsächlich gab es nach Erkenntnissen des Verlagshauses schon in einem frühen Stadium eindeutige Hinweise auf ein „Netzwerk von Aktivisten“, das die offensichtlich die Demission des in der Branche umstrittenen Chefredakteurs betrieb. So wurden Medienjournalisten einflussreicher Publikationen bereits über ein heikles Ermittlungsverfahren gegen Reichelt informiert, als dieses offiziell noch gar nicht eingeleitet worden war.

Mit der Entscheidung pro Reichelt dürften Führungsstil und die Arbeitskultur bei „Bild“ unter Reichelt insgesamt auf den Prüfstand gestellt werden. Dazu könnte auch der verlagsweit geltende Verhaltenskodex („Code of Conduct“) gehören. Das Boulevardblatt und seine Produktions- und Arbeitsbedingungen werden Axel Springer wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.