Corona-Langzeitfolgen

Junge Covid-19-Patienten: „Hatte einen Nervenzusammenbruch“

Eine Covid-19-Erkrankung kann auch für junge Menschen dramatisch verlaufen. Drei Betroffene erzählen von ihren Spätfolgen – und warnen.

Coronavirus: Das sind die Symptome, so wird es übertragen

Während die Zahl der Neuinfektion mit dem Coronavirus wieder steigt, sorgen sich viele um die Symptome. Verweisen Niesen, Schnupfen, Halsschmerzen oder Erbrechen, Durchfall und Kopfschmerzen auf das Coronavirus? Dieses Video zeigt, wann sie alarmiert sein sollten.

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Berlin. Sie alle sind jung, waren körperlich fit und hatten keinerlei Vorerkrankungen. Und sie alle teilen dasselbe Schicksal. Sie sind an Covid-19 erkrankt, hatten zunächst milde bis gar keine Symptome. Die böse Überraschung folgte einige Zeit später. Drei junge Covid-19-Patienten erzählen ihre Geschichte – und warnen zugleich vor den möglichen Langzeitfolgen einer Infektion.

Ben Meier (28): „Ich hatte erstmal einen Nervenzusammenbruch“

Ben Meier möchte nicht, dass hier sein richtiger Name steht. Er befürchtet Unverständnis für seine Situation. Wochenlang hatte er während des Corona-Lockdowns Kontakte gemieden, blieb die meiste Zeit Zuhause, verließ seine Wohnung nur zum Einkaufen. Er wollte vorbildlich handeln, sich an die Regeln und Empfehlungen halten. Dann endlich traf er Freunde, besuchte wieder seine Eltern. Dass Meier sich zu diesem Zeitpunkt mit dem Coronavirus infiziert hatte, ahnte der 28-Jährige nicht.

„Ich hatte keine Symptome“, erklärt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Wenige Tage später bemerkte er etwas Ungewöhnliches. Die Zigarette schmeckte plötzlich nach nichts, beim Abendessen kochte er mit vier Knoblauchzehen. Es brachte nichts, Meiers Geschmackssinn war verschwunden. Auch interessant: Coronavirus – Was wir über Sars-CoV-2 wissen – und was nicht

Was in den folgenden Tagen passierte, beschäftigt Meier bis heute. Sein Magen krampfte sich heftig zusammen. An Corona dachte er erstmal nicht. „Ich hatte weder Husten noch Fieber“, erinnert er sich. Seine Magenprobleme alarmierten auch nicht seine Hausärztin. „Wenn es dir Mittwoch wieder gut geht, dann geh ruhig arbeiten“, erklärte sie Meier.

Covid-19: Mit schweren Schmerzen in der Brust ins Krankenhaus

Die Schmerzen ließen nach, er ging zur Arbeit. Am dritten Tag im Büro wurden die Schmerzen jedoch so stark, dass Meier den Kassenärztlichen Notdienst anrief. Ein Arzt betrat seine Wohnung nicht, ordnete aber einen Corona-Test an. Meier ließ sich am 29. Mai testen. Einen Tag später stand fest: Er ist an Covid-19 erkrankt. „Ich hatte erstmal einen Nervenzusammenbruch“, erinnert er sich. „Ich bin eigentlich nicht nah am Wasser gebaut, aber in diesem Moment habe ich geweint.“ Lesen Sie auch: Coronavirus – Was ist eigentlich ein Superspreader?

Mit wem hatte ich Kontakt? Wen könnte ich auf der Arbeit angesteckt haben? Was passiert jetzt mit mir? Fragen, auf die Meier nicht vorbereitet war. Noch am selben Tag kam er mit starken Schmerzen in der Brust ins Krankenhaus. Woher die Symptome kommen, konnte Meier niemand erklärten. Da er nicht beatmet werden musste, konnte er das Krankenhaus nach einer Nacht verlassen. Und musste sich in Quarantäne begeben.

Meier konnte weiterhin kaum was im Magen behalten. „An die Woche in Quarantäne kann ich mich kaum erinnern. Ich hatte starke Schmerzen, war vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Ich glaube, das ist Verdrängung“, sagt Meier heute. Eine Erfahrung, die ihn bis heute mitnimmt. „Ich will nicht mehr in meiner Wohnung wohnen“, sagt er. Zu düster sei das Gefühl, das er noch heute dort bekommt.

Coronavirus-Infektion: Erschöpfung, Müdigkeit, Schwindel

Am 9. Juni durfte Meier sein Zuhause wieder verlassen. 150 Meter weit ist er gelaufen, danach ging gar nichts mehr. „Ich bin drei Monate vollkommen schlapp gewesen“, erzählt er. Ein anhaltendes Gefühl von Erschöpfung überkommt ihn noch heute, dazu Anfälle von Müdigkeit und Schwindel.

Mit seiner Hausärztin hat er sich mittlerweile zerstritten. „Ich kann ihnen nicht helfen“, soll sie zu Meier gesagt haben. „Sie hatten halt einen komischen Verlauf.“ Eine zweite Ärztin konnte auch keine Ursachen finden. „Ärzte, die einem nichts sagen können: Das Gefühl finde ich unfassbar schlimm“, urteilt Meier. Es sei kein Vorwurf gegenüber Ärzten im Allgemeinen. Meier weiß, dass die Symptome auch Ärzte vor ein Rätsel stellen. „Aber es ist schon sehr frustrierend.“ Auch spannend: Corona – Wann sollte man sich auf das Virus testen lassen?

Kurze Zeit später meldete er sich freiwillig für eine Corona-Studie. Meier hatte die Hoffnung, so etwas mehr unter Beobachtung zu kommen. Er wurde enttäuscht. Nachdem er Blut abgegeben hatte, teilten ihm die Ärzte mit: „Sie haben keine Antikörper.“ Warum – auch dieses Mal hatten die Ärzte keine Antwort. Meier war ab diesem Moment uninteressant für die Studie. „Das Gefühl zurückgewiesen zu werden, das ist echt heftig“, sagt er.

Clarissa Engels (26): „Ich hatte exakt die gleichen Symptome wie im Februar“

Am Sonntag feierte sie noch ausgelassen Karneval, am Rosenmontag zeigten sich erste Symptome. „Ich war platter als sonst, hatte Kopf- und Gliederschmerzen“, sagt Clarissa Engels. Die 26-Jährige kommt aus dem Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, dem Kreis, der zu Beginn der Pandemie besonders hart getroffen wurde. Zwar feierte sie nicht auf der berühmt gewordenen Karnevalssitzung in der Gemeinde Gangelt, vor einer Infektion hat sie es dennoch nicht bewahrt.

Am 5. März ließ sich Engels auf das Coronavirus testen. Der Test war positiv. Bis zum 5. April musste sie sich in Quarantäne begeben. „Die Kopf- und Gliederschmerzen gingen schnell weg“,sagt sie. „Allerdings kam danach ein trockener Schnupfen.“ Engels Nase war zu, lief aber nicht. „Ich hatte keinen Geschmackssinn mehr, alles hat nach Pappe geschmeckt.“

Hinzu kamen anhaltende Erschöpfung, Atemnot und Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses. „Die Symptome waren schlimmer als bei einer starken Grippe“, schildert Engels. Nachts schlafen fiel ihr schwer, möglich war es zum Teil nur mit geöffnetem Fenster und im Sitzen.

Covid-19-Patientin: Schwere Symptome kamen zurück

Nach ihrer Zeit in Quarantäne fühlte sich Engels besser. Doch zwischen dem 6. und 17. Mai plagte die 26-Jährige ein schwerer Rückfall. „Ich hatte exakt die gleichen Symptome“, sagt sie. Lesen Sie auch: Heinsberg-Studie – Forscher kritisieren falsche Dunkelziffer

Ein weiterer Corona-Test folgte. Ergebnis: negativ. Die Folgen ihrer Infektion spürt sie noch heute. „Vorher war ich 15 Kilometer joggen, das war nie ein Problem. Daran ist aktuell gar nicht zu denken.“ Auch ihr Gedächtnis bereitet ihr zunehmend Probleme, manchmal vergisst sie Sachen einfach.

Woran es liegt – genaue Antworten auf diese Frage hat auch Engels nicht. Seit Februar hat sie zahlreiche Ärzte aufgesucht, darunter auch Fachärzte. „ Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich heulend in der Arztpraxis stand“, sagt sie.

Coronavirus-Infektion: Sind sportliche Menschen stärker betroffen?

Ihre Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis könnten vergleichbar mit den Gedächtnis-Einschränkungen beim Pfeiffer-Drüsenfieber sein, erklärte ihr ein Neurologe. „Da braucht es bis zu zwei Jahre, bis es wieder in Ordnung ist“, so seine Einschätzung. Und auch ihre Sportlichkeit könnte eine Ursache für die Langzeitfolgen sein. „Wenn man sportlich ist und dann außer Gefecht gesetzt wird, dann trifft es einen wohl härter“, so die Mutmaßung einer ihrer Ärzte. Auch interessant: Corona-Hotspots – Wo sich das Virus schnell ausbreitet

Mittlerweile hat Clarissa Engels einen Antrag für eine Reha gestellt.

Marie Schmidt (31): „Ich wurde in die psychosomatische Ecke gedrängt“

Wo sie sich mit dem Coronavirus angesteckt hat, weiß Marie Schmidt bis heute nicht. Auch sie möchte ihren richtigen Namen nicht nennen und hat Angst vor negativen Reaktionen. Schmidt hat Kontakte jeglicher Art vermieden, sah wochenlang nur ihren Partner, mit dem sie zusammen wohnt. Bis sie einen Corona-Test machen durfte, war es ein langer Weg.

„Ich konnte ja keine Kontakte nachweisen und war in keinem Risikogebiet“, sagt die 31-Jährige. Und trotzdem plagten sie Symptome: Husten, Schwächegefühl, extreme Kopfschmerzen. „Da ich gegen Grippe geimpft bin, war mir klar: Das ist nichts Normales.“

Ende März stand das Ergebnis fest: Schmidt war an Covid-19 erkrankt, ihr Partner nicht. Die darauffolgende Zeit beschreibt sie als „pures Chaos“. Vier Wochen lang begab sie sich in Quarantäne, versprochene Rückmeldungen vom Gesundheitsamt mit Verhaltenstipps und allgemeinen Erklärung zum Ablauf der Quarantäne, blieben aus. „Niemand hat sich für mich interessiert“, klagt sie.

Drei Wochen lang traten die Symptome in Wellen auf: Schwäche, Durchfall, Übelkeit, starke Glieder- und Kopfschmerzen, Herzrasen. „Ich war kurz davor, mich selbst ins Krankenhaus einzuweisen“, sagt Schmidt.

31-jährige Covid-19-Patientin: Durchwachsene Erfahrungen mit Ärzten

In der vierten Woche ließen die Symptome nach. Sie konnte das Bett verlassen. Eine Woche lang war sie noch krankgeschrieben, ehe sie wieder zur Arbeit ging. Es ging gut. Vier Wochen lang. „Plötzlich sind meine Lymphknoten geschwollen, ich hatte extrem starke Kiefer- und Kopfschmerzen sowie Kreislaufprobleme“, sagt die 31-Jährige. Es folgte ein erneuter Krankenschein. Bis heute ist er gültig.

Woher kommen die Symptome? Warum kamen sie vier Wochen später zurück? In Intervallen plagen sie Augenschmerzen, Gleichgewichts- und Wortfindungsstörungen, Gedächtnisprobleme. Zahlreiche Tests hat sie über sich ergehen lassen: „ Es wurde ausgeschlossen, dass ich eine andere Infektion hatte.” Auch interessant: Corona-Regeln – Das gilt jetzt in Ihrem Bundesland

Auch sie besuchte zahlreiche Ärzte. „Im Mai wurde ich von niemanden wirklich ernst genommen. Man wird in die psychosomatische Ecke gedrängt“, sagt sie. Einmal sagte sie am Telefon zu einer Ärztin: „Ich habe Angst, dass ich sterben muss.“ Die habe aber nur geantwortet: „Sie sollten sich entspannen.“

Wann Schmidt wieder arbeiten gehen kann, weiß sie nicht. Zu undurchsichtig ist ihr Verlauf, zu unvorhersehbar kommen und gehen die Symptome. Letzte Woche hatte sie eine Nierenentzündung. „Eine Corona-Infektion ist wie eine Tombola, bei der man nicht mitmachen möchte.“

Corona-Langzeitfolgen: Facebook-Gruppe für Betroffene

Die drei Betroffenen sind Mitglied der Facebook-Gruppe „COVID-19 Langzeitbeschwerden“ – ein Plattform zum Austauschen mit Gleichgesinnten. Betroffene können hier über Symptome sprechen und sich gegenseitig Tipps geben. „Zu wissen, dass es andere Patienten gibt, ist eine wahnsinnige Erleichterung“, sagt Schmidt.

Mittlerweile haben die Administratoren eine Webseite online gestellt. Die Seite www.c19langzeitbeschwerden.de dient dazu, „Betroffene, Angehörige, behandelnde Ärztinnen und Ärzte, Politik und Öffentlichkeit über die möglichen gesundheitlichen Langzeitbeschwerden nach einer COVID-19 Infektion zu informieren“, heißt es. (dmt)

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