Auszeichnung

Literatur-Nobelpreise für Peter Handke und Olga Tokarczuk

Zwei Literatur-Nobelpreise werden in diesem Jahr vergeben. Der Preis für 2019 geht an Peter Handke, der für 2018 an Olga Tokarczuk.

Peter Handke und Olga Tokarczuk sollen mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden. Preis.FOTO: MATT CROSSICK/PA WIRE/DPA

Peter Handke und Olga Tokarczuk sollen mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden. Preis.FOTO: MATT CROSSICK/PA WIRE/DPA

Foto: BERLIN - / FOTO: MATT CROSSICK/PA WIRE/DPA Foto: Barbara Gindl/apa/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Stockholm. Der Literatur-Nobelpreis 2019 geht an den Österreicher Peter Handke, der für 2018 an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit.

Die kuriose Situation von zwei Literatur-Nobelpreisträgern ist durch eine schwere Krise der Schwedischen Akademie 2018 verursacht worden: Im vergangenen Jahr war der Preis erstmals seit 1901 nicht verliehen worden – deshalb gibt es 2019 zwei Auszeichnungen.

Das Preiskomitee lobte Olga Tokarczuks „erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform repräsentiert“. Peter Handke wurde „für ein einflussreiches Werk, das mit linguistischem Einfallsreichtum die Randbereiche und die Besonderheit der menschlichen Erfahrung erforscht“ ausgezeichnet.

Olga Tokarczuk schreibt über „die schrecklichen Dinge“ in der Geschichte Polens

Olga Tokarczuks ist eine der bekanntesten polnischen Autorinnen ihrer Generation, setzt sich gegen Fremdenhass ein und kritisiert ihr Heimatland Polen.

Fast sieben Jahre schrieb die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk an ihrem letzten Roman. Als er erschien, traf sie damit den Nerv der Zeit. Ihr Historienroman „Ksiegi Jakubowe“ („Die Bücher Jakobs“ 2014) sei angesichts der Migrationskrise hochaktuell, loben Kritiker das Werk über die multikulturelle Geschichte des heute katholisch geprägten Polens.

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Sie wolle die Geschichte ihres Landes neu aufschreiben, ohne dabei „die schrecklichen Dinge“, zu verstecken, sagte die 57-Jährige einmal. Polen stelle sich als tolerantes und offenes Land dar, so die studierte Psychologin. „Aber wir haben schreckliche Dinge getan“.

Texte der Nobelpreisträgerin spielen im Reich zwischen Mythen und Realität

Seit rund 30 Jahren veröffentlicht die in Sulechow bei Zielona Gora (Grünberg) geboren Schriftstellerin Gedichte, Romane und Erzählungen. Ihre Werke führen Leser oft in ein Reich zwischen Mythen und Realität.

2015 wurde sie mit dem Brückepreis der Europastadt Görlitz-Zgorzelec geehrt. Ihr Werk weite den Blick auf die neue Literatur in Mittel- und Osteuropa, hieß es damals zur Begründung. Zu ihren Auszeichnungen zählen auch der polnische Buchpreis „Nike“ (2015, 2008) sowie der Brücke-Berlin-Preis (2002), den sie mit Übersetzerin Esther Kinsky erhielt.

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Ihr Kampf für Toleranz und vor allem die Konfrontation Polens mit den eigenen Vergehen schufen der Polin auch Feinde. Sogar Todesdrohungen habe sie erhalten, erzählt sie einmal der Zeitung „Gazeta Wyborcza“.

Peter Handke polarisiert als zorniger Schriftsteller

Peter Handke polarisiert seit Jahrzehnten mit seinen Werken und sorgte mit seiner Pro-Serbien-Haltung immer wieder für Kopfschütteln und Proteste.

Nach einem abgebrochenen Jura-Studium startete Handke mit Verve ins Autorenleben. 1966 erschien sein Debütroman „Die Hornissen“. Im selben Jahr wurde er fast über Nacht bekannt: In einer Schmährede warf er dem legendären Literatenzirkel Gruppe 47 „Beschreibungsimpotenz“ vor.

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Die einen sahen es als furiose Selbstinszenierung, andere als Beginn einer kometenhaften Karriere. Seine Bekanntheit festigte Handke mit der Uraufführung von „Publikumsbeschimpfung“ in Frankfurt. Mit seinen Theaterwerken - etwa mit „Kaspar“, „Die Reise zum sonoren Land“ oder „Untertagblues“ - blieb Handke präsent.

Mit mehr als 20 Stücken Theatergeschichte geschrieben

2011 sorgte die fünfstündige Uraufführung von „Immer noch Sturm“ bei den Salzburger Festspielen über den Freiheitskampf der Kärntner Slowenen für Aufsehen. Weggefährte Claus Peymann inszenierte 2016 am Wiener Burgtheater Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“.

Mit seinen mehr als 20 Stücken habe er Theatergeschichte geschrieben, urteilte die Jury des österreichischen Nestroy-Preises, die ihn 2018 für sein Lebenswerk ehrte.

Anne Carson und Margaret Atwood wurden große Chancen ausgerechnet

Die weltweit höchste Auszeichnung für Literatur ist mit neun Millionen Schwedischen Kronen, etwa 828.000 Euro, dotiert. 2017 ging der Preis an den britischen Romanautor Kazuo Ishiguro.

Wettanbieter hatten vor allem den Kanadierinnen Anne Carson und Margaret Atwood große Chancen ausgerechnet.

Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Nobelpreisen wird die literarische Auszeichnung meist an einen einzelnen Preisträger verliehen. Nur viermal seit der ersten Vergabe 1901 bekamen ihn zwei Literaten gemeinsam, zuletzt im Jahr 1974.

Der Skandal um die schwedische Akademie

Es war ein dramatisches Jahr für die Schwedischen Akademie mitsamt eines ausgiebigen Skandals und einer Verurteilung wegen Vergewaltigung.

Dem Fotografen Jean-Claude Arnault, Ehemann der Schriftstellerin und Mitglied der Akademie, Katarina Frostenson, waren sexuelle Belästigung , Indiskretionen und finanzielle Vorteilnahme vorgeworfen worden. Gleichzeitig wurde scharfe Kritik an der ständigen Sekretärin der Akademie, Sara Danius, geübt. Ihr wird vorgeworfen, in den Belästigungs- und Korruptionsskandal involviert gewesen zu sein.

Die Akademie-Mitglieder Klas Östergren, Kjell Espmark und Peter Englund hatten daraufhin bekannt gegeben, dass sie sich von ihrer Tätigkeit zurückziehen werden. Zu sehr sei die Ehre der Institution verletzt worden. Ihr Protest hatte schließlich Erfolg: Frostenson und Danius traten beide von ihren Ämtern als Mitglieder der Akademie zurück.

Das Problematische war, dass dieser Schritt die Akademie schließlich handlungsunfähig machte. Zuvor waren bereits weitere Mitglieder aus anderen Gründen zurückgetreten. Von 18 Mitgliedern waren schließlich nur noch elf übrig. Die kritische Menge lag bei zwölf. Der Preis konnte nicht vergeben werden.

Der Skandal um Arnault hatte bereits im November 2017 im Zuge der #MeToo-Enthüllungen begonnen, nachdem 18 Frauen in der schwedischen Zeitung „Dagens Nyheter“ Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung und Übergriffen gegen Arnault vorgebracht hatten. Wegen Vergewaltigung wurde er im Dezember 2018 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, mittlerweile ist das Urteil rechtskräftig.

Die Literatur-Nobelpreisträger der vergangenen zehn Jahre:

  • 2018: Wird wegen einer Krise in der Schwedischen Akademie erst 2019 verliehen.
  • 2017: Der gebürtige Japaner und britische Romanautor Kazuo Ishiguro, der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat.
  • 2016: Der Amerikaner und Songwriter Bob Dylan für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition.
  • 2015: Die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt.
  • 2014: Der Franzose Patrick Modiano für die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt der Besatzungszeit durchschaubar gemacht hat.
  • 2013: Die Kanadierin Alice Munro, einer Virtuosin der zeitgenössischen Kurzgeschichte.
  • 2012: Der Chinese Mo Yan, weil er mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint.
  • 2011: Der Schwede Thomas Tranströmer, weil er uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist.
  • 2010: Der Peruaner Mario Vargas Llosa für seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage.
  • 2009: Die deutsche Schriftstellerin Herta Müller, die mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet.

Nobelpreise in den Kategorien Frieden, Wirtschaft und der „Alternative Nobelpreis“

Nachdem in dieser Woche bereits die Nobelpreise für Medizin , Physik und Chemie vergeben wurden, geht es nach Literatur weiter mit dem Friedens- und dem Wirtschafts-Nobelpreis. Am 4. Dezember wird außerdem der sogenannte „Alternative Nobelpreis“ an die Klimaaktivistin Greta Thunberg verliehen.

Diesen Preis „für die Gestaltung einer besseren Welt“ bekommt sie jedoch nicht alleine: Der indigene Sprecher Davi Kopenawa aus Brasilien, die Menschenrechtsaktivistin Aminatou Haidar aus der Westsahara sowie die Juristin Guo Jianmei aus China werden ebenfalls mit dem Preis ausgezeichnet.

Offiziell geehrt werden die Preisträger am 10. Dezember in Stockholm und Oslo, am Todestag von Preisstifter und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel. (jzi/msb/dpa)