Auszeichnung

Historischer Beschluss: Kein Literaturnobelpreis im Herbst

Wegen eines Sex-Skandals wird der Literaturnobelpreis erstmals seit 1949 nicht vergeben. 2019 soll es dann zwei Nobelpreise geben.

Vergabe des Literaturnobelpreises fällt dieses Jahr aus

Der Literaturnobelpreis wird in diesem Jahr nicht vergeben. Die Verleihung solle im kommenden Jahr nachgeholt werden, teilte die Schwedische Akademie in Stockholm mit. Die Entscheidung werde parall...

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Stockholm.  Es ist ein historischer Beschluss, von dem selbst schwedische Kulturredaktionen am Freitag überrascht wurden. Erstmals seit 1949 wird der Nobelpreis in Literatur in diesem Herbst nicht ausgeteilt. Dies verkündete die für den Preis verantwortlichen „Schwedische Akademie“ am Freitag in einer Pressemitteilung, die für weltweites Aufsehen sorgte.

Stattdessen werden 2019 zwei Literaturnobelpreise vergeben, hieß es. Schon siebenmal wurde der Preis seit seiner ersten Vergabe 1901 nicht ausgeteilt oder verschoben, heißt es in der Mitteilung beschwichtigend. Doch noch nie wegen eines Skandals.

Der Grund für den Aufschub sei laut Pressemitteilung die „nunmehr geschwächte Akademie und ein vermindertes Vertrauen für die Akademie in der Umwelt“. „Es ist notwendig, dass die Akademie Zeit bekommt, um ihre volle Stärke wiederherzustellen, wieder mehr Preisjurymitglieder zu engagieren und das Vertrauen in seinen Betrieb wiederherzustellen, bevor der nächste Preisträger ernannt wird“, so der Ständige Sekretär der Preisjury, Anders Olsson.

Beschluss zur Aussetzung des Preises kam überraschend

Noch bei der wöchentlichen Zusammenkunft der Nobelpreisjury am Donnerstagabend mehrten sich die Zeichen dafür, dass der Preis vergeben wird. „Ich gehe davon aus, das wir den Preis austeilen. Es wäre schade, den Nobelpreis einzuziehen, nur weil ein paar Preisrichter abgesprungen sind“, sagte Jurymitglied Kristina Lugn nach der abendlichen Sitzung.

Auch Akademiemitglied Göran Malmqvist sagte zuvor, dass die Auswahl des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers unabhängig vom Skandal gemäß Plan verlaufe. Den Preis aufzuschieben, „erscheint mir vollständig verrückt“, sagte er der Zeitung „DN“. „Wir sind die mittellange Liste mit 20 Schriftstellern durchgegangen. Ende Mai werden wir die letzte Liste mit fünf Schriftstellern erarbeitet haben“, sagte er.

„Wir haben dann den ganzen Sommer, um die fünf Schriftsteller zu lesen – und wir lesen schnell“, verriet er der Zeitung „DN“. „Einige der Jurymitglieder lesen 700 Bücher im Jahr“, sagte er. In zeitlichen Verzug komme man also nicht. Dennoch kommt es nun ganz anders.

Arnault arbeitete nie für die Schwedische Akademie

Seinen Anfang nahm der verworrene Skandal um den Literaturnobelpreis im November 2017 durch das vermeintliche Fehlverhalten eines Mannes. Im Rahmen der „MeToo“-Debatte hatte eine Zeitung 18 anonym gehaltene Frauen zu Wort kommen lassen. Die bezichtigten den Ehemann des Jurymitgliedes Katarina Frostenson (65), Jean-Claude Arnault (71), der sexuellen Übergriffe, die teils bis zu 20 Jahre zurücklägen und damals nicht angezeigt worden seien. Wohl auch aus Angst.

Arnault galt als Schlüsselfigur im Kulturleben. Zwar arbeite er nie für die Schwedische Akademie. Doch abgesehen davon, dass er mit einem Jurymitglied verheiratet ist, zählte er auch andere Preisrichter zu engen Freunden.

Mit seiner Frau führte er zudem den privaten Kulturklub „das Forum“. Das Paar erhielt dafür Gelder und Räumlichkeiten der Schwedischen Akademie in Stockholm und Paris, wo auch ein Teil der Übergriffe stattgefunden haben soll.

Arnault streitet alles als „Dummheiten“ ab. Eine Voruntersuchung gegen ihn wurde in Teilen eingestellt. Gleichzeitig bestehen aber Vorwürfe wegen Vetternwirtschaft. Zudem soll seine Ehefrau ihm mehrmals die noch heimlichen Namen von Nobelpreisträgern mitgeteilt haben, die er dann weitererzählte.

Drei wichtige Jurymitglieder geben Rücktritt bekannt

Die Juryvorsitzende, Sara Danius, nahm die Anschuldigungen sehr ernst. Sie beauftrage eine Anwaltsfirma mit der internen Prüfung der Vorfälle. Und sie wollte die Ehefrau von Arnault aus der Akademie entfernen.

Hier hätte der Skandal enden können. Doch eine Mehrheit stimmte für deren Verbleib. Daraufhin gaben drei gewichtige Jurymitglieder ihre Protestrücktritte bekannt. Mitglieder der Akademie setzen private Freundschaften vor die Integrität der Institution, begründeten sie. Jurymitglied Horace Engdahl, ein guter Freund von Arnault, bezeichnete dahingegen Danius als die schlechteste Ständige Sekretärin der Akademie seit ihrer Gründung.

Statt den Medien ängstlich in die Arme zu fallen und damit einen Keil in die Preisjury zu rammen, hätte sie die schwammige Kritik an Arnault, der ja nie direkt für Akademie gearbeitet hatte, aussitzen sollen. So wurden die Risse in der Preisjury immer tiefer.

Danius und Frostenson gingen, andere folgten. Inzwischen sind nur noch zehn von insgesamt 18 Mitgliedern aktiv. König Carl Gustaf, Schirmherr der Akademie, kündigte an, die Ernennungsregeln für die Preisjury zu ändern.

Arnault soll auch Prinzessin Victoria belästigt haben

Derzeit können die faktisch abgehenden Mitglieder nicht ersetzt werden, weil sie offiziell lebenslänglich berufen sind. Erst letzte Woche brachte dann die Zeitung „Svenska Dagbladet“ das Fass zum Überlaufen. Unter Berufung auf drei Zeugen, berichtete sie, dass Arnault sogar die Tochter des Königs, Kronprinzessin Victoria bei einer offiziellen Veranstaltung in den Po gekniffen haben soll.

Der Hof entschied zwar, die Angaben nicht zu kommentieren, Ex-Hofsprecherin Elisabeth Tarras Wahlberg dementierte die Vorwürfe, die in ihrer Amtszeit geschehen sein sollen sogar, doch die Preisjury war damit zu stark angriffen.

Die Polizei leitete zudem vor einer Woche eine Voruntersuchung wegen Wirtschaftskriminalität ein, ohne Details zu benennen. Vermutlich geht es um Arnaults Kulturklub, Steuer und Buchführungsvergehen und die Veruntreuung von Geldern der Akademie. „Die Vergehen sind nicht gering“, sagte Chefankläger Jan Tibbling dieser Redaktion vor einer Woche. Es ist also unklar, was noch alles ans Licht kommen wird.

Rückzug gilt als schmerzhaft, aber notwendig

Die Schwedische Akademie werde nun die „Formen ihrer Arbeitsweise entwickeln“, hieß es am Freitag. Auch sollen Maßnahmen gegen Vetternwirtschaft und das Durchstechen von Preisträgernamen an die Öffentlichkeit vor der offiziellen Bekanntgabe eingeführt werden, so die Akademie.

Der überraschende Bescheid zur Einstellung der diesjährigen Vergabe stieß auf unterschiedliche Reaktionen in Schweden. Grundsätzlich wurde die Entscheidung als schmerzhaft, aber notwendig betrachtet, auch mit Rücksicht auf die kommenden Preisträger.

„Niemand kann etwas anderes behaupten, als dass der Literaturnobelpreis der vornehmste Preis der Welt ist. So war das nicht von Anfang an. Er hat sein enormes Prestige seit der Gründung der Akademie 1789 und der ersten Preisvergabe gemäß Nobels Testament 1901 langsam aufgebaut. Nun radiert man das alles mit einem Schlag. Das ist auf der einen Seite ehrenwert. Man zeigt, dass man die Krise ernst nimmt. Aber wie soll das weitergehen? Nicht nur die Schwedische Akademie liegt nun am Boden auch der Nobelpreis liegt am Boden“, kommentierte Mattias Berg vom „Radio Schweden“.

König Carl Gustaf kommentiert den Beschluss

Der schwedische Kommentator Göran Greider forderte den Abgang der verbliebenen Jurymitglieder, um einen frischen Neustart zu garantieren. Auch Ministerpräsident Stefan Löfven äußerte sich. „Das ist natürlich traurig. Es ist ein wichtiger und prestigevoller Preis. Nun ist es wichtig, dass die Akademie in ihre Gesamtheit dafür arbeitet, Vertrauen wiederherzustellen. Ich hoffe, dass das hält, und man im nächsten Jahr zwei Preise austeilt“, sagte er.

„Ich respektiere den Beschluss der Akademie. Es zeigt, dass nun der Fokus auf der Wiederherstellung des Ansehens liegt“, kommentierte König Carl Gustaf wohlwollend.

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