Schweiger-Krimi

„Tatort“ im Netz - Kritik an Schweiger, Lob für Yardim

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Im Internet hat Neu-Ermittler Til Schweiger für Diskussionen gesorgt - besonders seine undeutliche Aussprache. Am Ende kippte die Schmähstimmung gegen die Hamburger Tatort-Premiere jedoch.

Til Schweiger als Kommissar Nick Tschiller hat mit „Willkommen in Hamburg“ eine Traumquote erzielt. 12,57 Millionen Menschen (Marktanteil: 33,5 Prozent) ließen sich die viel diskutierte Premiere des Kinostars nicht entgehen. Damit hängte er sogar den neuesten „Tatort“ aus Münster ab. Die Folge „Das Wunder von Wolbeck“ mit den Münsteraner Hauptkommissaren Frank Thiel (Axel Prahl) und Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) hatte im November 2012 immerhin 12,19 Millionen Krimifans vor den Bildschirm gelockt.

NDR-Intendant überzeugt

Mehr Zuschauer als bei der Schweiger-Premiere gab es das letzte Mal im Jahr 1993. Damals ermittelte das legendäre Duo aus Hamburg, Paul Stoever (Manfred Krug) und Kommissar Peter Brockmöller (Charles Brauer). Sie erreichten 12,83 Millionen Zuschauer. Lutz Marmor, NDR-Intendant, sagt zu dem Ergebnis: „Das ist ein Top-Ergebnis! Das Wagnis hat sich gelohnt. Herzlichen Glückwunsch an Til Schweiger, Fahri Yardim und Christian Alvart sowie das gesamte Team!“

Der Schweiger-Film entpuppte sich vor allem beim jüngeren Publikum als Hit: Bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren betrug der Marktanteil nach Angaben der Marktforschungsfirma Media Control (Baden-Baden) 33,8 Prozent. Hinter dem „Tatort“ rangierte die Rosamunde-Pilcher-Verfilmung „Sonntagskinder“ mit 5,50 Millionen Zuschauern (14,7 Prozent) auf Platz zwei.

Sekundenweise Tweets mit #tatort

Im Internet polarisierte Til Schweiger allerdings mit seinem Debüt als „Tatort“-Kommissar. Ein Blick in die sozialen Netzwerke machte das deutlich. „Ich gucke keinen Tatort mehr, ich lese ihn auf Twitter“, schrieb „babyschaefchen“, während Til Schweiger seinen Einstand als „Tatort“-Kommissar gab. Tatsächlich hätte man, nur um am nächsten Tag in der Kaffeeküche mitreden zu können, die Timeline beim Kurznachrichtendienst verfolgen können, ohne den Fernseher auch nur eine Minute anmachen zu können.

Sekundenweise gingen die Tweets mit Hashtag #tatort ein, sammelten sich die Postings bei Facebook in der Kommentarspalte der „Tatort“-Seite. Jeder Satz, jede Plotwendung wurde intensiv von den Nutzern auseinandergenommen.

Hoffen auf den Tod des Kommissars

Auffällig dabei: Solange der „Tatort“ lief, überwogen die Schmähungen. „Ich mag ja das neue Tatort-Format, in dem man statt auf den Tod des Verbrechers auf den Tod des Kommissars hofft“, ätzte beispielsweise „fritztram“. Und „frolueb“ schrieb: „Falls Ihr den Realismus in diesem Tatort sucht … der heult sich gerade bei den guten Dialogen und der interessanten Story aus.“

Bei Facebook hielten einige Schweiger-Fans zwar noch dagegen, aber insgesamt wirkte es, als käme „Willkommen in Hamburg“ nicht gut an. Lobende Erwähnung erhielten lediglich Regie und Bildführung: „Geil gefilmt“, lobte „Tee_Lichtenrade“. Und „robikraus“ forderte den „Oscar für die Kamera“.

Überraschend war die Ablehnung nicht. Wochenlang hatten NDR und Schweiger das Ermittler-Debüt von Deutschlands derzeit erfolgreichstem Filmemacher in den Schlagzeilen gehalten. Dass die Quote selbst für erfolgsgewohnte „Tatort“-Verhältnisse grandios ausfiel – wen wundert’s. Erstaunlich war dann aber schon die Beteiligung: Mit rund 5500 Likes hatte das Facebook-Posting auf der „Tatort“-Seite schon zwei Stunden nach Ausstrahlungsende mehr als doppelt so viele wie an einem durchschnittlichen „Tatort“-Tag. Auch die Kommentarfunktion wurde eifrig genutzt. Bis null Uhr hatten 5300 Nutzer ihre Meinung kundgetan.

Schweigers Aussprache in der Kritik

Hauptmanko, egal, wohin man schaute: Schweiger. Und das Ballern. „Ich frag mal so: Scheißfilm oder Schießfilm?“ machte „tmsklein“ seinem Unmut über die bleihaltige Handlung Luft. Viele sahen in Schweigers Debüt eine Westentaschenversion gängiger Hollywood-Action: „James Schweiger“, „Til Willis“ oder „Stirb schweigsam“ lauteten Verballhornungen bei Twitter.

Und: „Nach Keinohrhasen und Zweiohrküken jetzt Dreischussleichen“, verwies ein User auf Schweigers größte Kinoerfolge. Ohnehin sahen viele User zu seinen Kinofilmen Parallelen: „Irgendwie ist der Tatort ein Mash-up von Til-Schweiger-Filmen“, schrieb „xoMariska“. Vor allem an Schweigers System, seine Kinder zu beschäftigen, störten sich viele: „Schweigers Tochter nuschelt genauso wie der Papa“, schrieb „tboley“ und sprach damit auch das Thema an, das die Tweets und Postings am meisten beherrschte: Schweigers Aussprache. „Vorsicht, der Kommissar kann Spuren von Nuscheln enthalten“, versuchte sich „MBL_de“ an einem Wortwitz.

Je länger der Tatort lief, desto wohlwollender wurden die Kommentare

Neu ist das nicht. Parodien von Schweiger bestehen seit Jahren in erster Linie darin, die Sätze zwischen den Zähnen hervorzupressen, sodass nur leiernde Zischlaute bleiben. Drehbuchautor Christoph Darnstädt hatte vorgesorgt und Schweigers Nuscheln mit folgendem Dialog eingebaut: „Nick Tschiller“ – „Schiller wie der Dichter?“ – „Nee, mit T, ich nuschel n’bisschen.“ Die einhellige Reaktion vieler User: „EIN BISSCHEN???“ Für den selbstironischen Einschlag gab es aber nicht nur Hohn, sondern auch Lob nach dem Motto: „Humor hat er ja.“

Je länger der „Tatort“ lief, desto mehr kippte die Schmähstimmung, und immer mehr wohlwollende Kommentare mischten sich darunter. „Jetzt im Ernst: Das ist nicht dolle, aber deutlich besser als die meisten anderen Tatorte“, lautete das Urteil von „Jawl“. „Empathy25“ schrieb: „So’n bisschen überdreht, aber im Großen ne coole Nummer! Der Partner war die positive Überraschung.“ Bitter für Schweiger: Selbst bei vielen Postings, die den Film lobten, kam er eher schlecht weg. Sein Sidekick Fahri Yardim als Yalcin Gümer hingegen erhielten Bestnoten.

( BM )