Nackte Solidarität

Ganz Großbritannien macht den Harry

Nach der Kritik an den Nacktfotos des Windsor-Sprösslings zeigen sich nun Tausende seiner Fans im Internet solidarisch – und ziehen blank.

Es ist wie die menschliche Komödie: Nichts davon ist uns fremd. Und weil ein königlicher Prinz, der sich nackt per Smartphone hat ertappen lassen, das Musterbild eines Underdogs abgibt, auf den alle Bigotten dieser Welt einschlagen, kommt nach klassischem britischem Muster sofort Hilfe herbei und stellte sich an seine Seite. Denn man kann es nicht zulassen, dass ein Mensch in seiner Hilflosigkeit – und was ist hilfloser als der homo insapiens in seinem Geburtskostüm? – ungeschützt bleibt! Werfen wir also rasch das Handtuch der Solidarität über seine Blöße – und entblößen uns selber.

So geschehen in der Afghanistan-Provinz Helmand, wo jetzt Mitglieder der King's Royal Hussars sich in glühender Sonne vor zwei gepanzerten Patrouille-Wagen vom Typ Mastiff aufreihten und stilgerecht salutierten, stolz in ihren Stiefeln, dem einzigen Kleindungsstück, die linke Hand gekonnt ihre Scham bedeckend, die man im Englischen gerne mit „modesty“ umschreibt. „Support Prince Harry With A Naked Salute“ nennt sich die entsprechende Facebook-Seite, deren Aufruf bei Harrys Berufsgenossen, der kämpfenden Truppe in Afghanistan, auf fruchtbaren Boden fiel.

Lawine der Solidarität

Und nicht nur dort. Uniformierte in aller Welt, auch in den USA und in Israel, haben inzwischen Fotos von sich ins Internet gestellt, mit nacktem Salut. 16.000 waren es allein bis Mittwoch, eine wahre Lawine der Solidarität. Der eine hält eine Plastikflasche; ein Zweiter salutiert hinter einem Militärfahrzeug, wieder andere lassen ihre Gewehre prekär von den Schultern baumeln, während die Rechte sich zur Schläfe hebt. Auch an weiblicher Unterstützung mangelt es nicht: Hier eine salutierende Kämpferin, die mit einem Gürtel ihre Oberweite umschlungen hält, dort eine patriotische britische Soldatenbraut mit gezückter Rechten, wobei die Linke obere Bedeckung vorschützt, während der Union Jack ihre Hüfte umkleidet.

Jordan Wylie, 28 Jahre alt, aus der nordenglischen Stadt Blackpool, der die Facebook-Seite „Support Prince Harry With A Naked Salute“ einrichtete, hat sich seinerseits über die Entrüstung ob des nackten Prinzen entrüstet. „Abscheulich“ nennt er sie. „Es waren doch nur die Possen von einem, der zu den Jungs gehört.“

In der Tat, und zu den kämpfenden Jungs noch dazu. Nicht nur hat Prinz Harry bereits eine dreimonatige Tour in Afghanistan hinter sich, er meisterte in diesem Jahr in den USA auch die Ausbildung zum Piloten der Apache-Kampfhubschrauber und steht bereit, erneut nach Helmand zu gehen, um als Captain des Army Air Corps, zu dem er gehört, Solidarität einer ganz anderen Art zu zeigen – mit der Truppe und den Gefahren, denen sie sich aussetzt.

Die Öffentlichkeit steht mit großer Mehrheit hinter dem Dritten in der Thronfolge. Laut einer Umfrage für die „Sunday Times“ stimmten 68 Prozent mit Ja auf die Frage, ob Harrys Benehmen in Las Vegas „akzeptabel“ war. Gleichzeitig befand eine Mehrheit von 61 Prozent, dass die „Sun“ nicht recht daran tat, die Fotos des nackten Prinzen zu veröffentlichen. Solche Kontraste treten routinemäßig bei Umfragen dieser Art auf: Ohne die Publikation in besagten Boulevard-Blatt wäre die breite Öffentlichkeit gar nicht in der Lage gewesen, das Benehmen des Windsor-Prinzen zu benoten.

Gegenüber der großen Unterstützung für den Underdog Harry fallen die 3600 Beschwerden, die beim britischen Presserat eingetroffen sind, nicht hinlänglich ins Gewicht. Bemerkenswert an dieser Zahl ist vor allem, dass darunter sich weder eine Stimme aus dem Buckingham Palace noch aus dem St. James's Palace befindet, der offiziellen Residenz des Prinzen. Der Presserat geht in der Regel nur dann einer Beschwerde nach, wenn die gekränkte Partei sich meldet.

Kränkung und Exzentrik

Wer aber könnte mehr „gekränkt“ sein durch Harrys Aufführung als das Königshaus? Wenn von dort keine Reaktion kommt, darf man vermuten, dass Prinz Charles oder auch seine Mutter noch schwanken zwischen Entrüstung und Kapitulation vor der britischen Exzentrik, die dem „Sünder“ allemal verzeiht, wenn er mehr auf die Waagschale zu bringen hat als nur Possen in Las Vegas.

Kein Zweifel, dass in Harry längst mehr herangewachsen ist als eine Schwäche für Nackt- oder Nachtklubs. Man fühlt sich fast an Shakespeare und die beiden Teile von „König Heinrich IV.“ erinnert, in denen ein liederlicher, undisziplinierter Prinz Harry, den Falstaff nur „Prince Hal“ nennt, alle Schichten der Unart durchläuft, ehe er, geläutert, im folgenden Drama „Heinrich V.“ als König zu Glanz aufläuft. Königtum winkt „unserem“ Harry nicht, dafür das Auf und Ab eines jungen Mannes in der Reifung seiner Jahre.

Gerade gestern – wohl als Kontrast – wurde bekannt, dass sich der Prinz im kommenden Jahr an einer erneuten Polarexpedition beteiligen wird, diesmal zum Südpol. Es werden drei Teams aus den USA, Großbritannien und dem Commonwealth dabei sein, wobei in jeder Gruppe vier Kriegsverwundete sich den Strapazen dieses Trecks unterwerfen. Das Ganze ist gedacht als Fundraising-Unternehmen der Hilfe für verwundete Soldaten. Bei „Walking With the Wounded“, so heißt die Organisation, hatte Harry bereits im Frühjahr 2011, damals in Richtung Nordpol, mitmacht. Dabei war er allerdings nicht nackt.