Berliner Spaziergang

Ansgar Oberholz - der Wirt der digitalen Gesellschaft

Der Gastronom hat in Berlin-Mitte ein Café, in dem es Steckdosen und kostenlosen Internetzugang gibt. Seine Gäste machen es zu ihrem Büro.

Foto: M. Lengemann

Ansgar Oberholz braucht einen Seitenspiegel für seinen alten Golf. Warum hat er nicht einfach im Internet bestellt? Nein, es muss Autoteile Tip in Wedding sein. Der Mann, der sich mit dem „Sankt Oberholz“, dem wichtigsten Treffpunkt der Internetkreativen, gewissermaßen heiliggesprochen hat, fährt mit dem Fahrrad vor. „Denn mal bitte in Abteilung 620“, sagt ein Verkäufer. Nur dass Abteilung 620 nicht so leicht zu finden ist. Aber deshalb sind wir hier. Hier gibt es keine Suchmaschine, heute laufen wir durch die analoge Welt. Eine Reise zu Tüftlern, die sich nicht mit Webseiten beschäftigen, sondern mit Auspuffkühlungen.

Das Geschäft fing als kleiner Laden an, es wuchs und wuchs, heute sind es 17 Abteilungen auf 7000 Quadratmetern, verteilt über fünf Stockwerke. Sogar in das Haus gegenüber ist der Laden hineingewachsen. Die gelben Firmenschilder ranken wie eine wilde Pflanze über die ansonsten schmucklose Fassade. Unmerklich ist dieses Imperium entstanden. Es sieht nach einer wilden Expansion aus, einem Organismus, der mit Bedürfnissen der Kunden und den Möglichkeiten des Inhabers gewachsen ist. So war es auch mit dem Internet. Viele beschäftigten sich erst damit, als es zu groß geworden war, um es noch ignorieren zu können. Oberholz weiß auch, wie man etwas Erfolgreiches anfängt, wenn noch keiner richtig hinschaut.

Radkappen, überall Radkappen. Ab 2,49 Euro das Stück. Daneben Felgen aus Aluminium. Ab 79 Euro das Stück. Schicke Radkappen sind die günstigere Variante, sie erwecken lediglich den Eindruck teurer Felgen. Oberholz kann sich das gar nicht lange genug anschauen. „Gerade weil ich kein Autofan bin“, sagt er. Das hier sei eine Reise in eine fremde Welt, in „andere Resonanzfelder“, so nennt er das. Zu „Nerds“, wie man Menschen nennt, die sich voll auf eine Sache konzentrieren. Ob Autos oder eine andere Szene, nicht selten geht es darum, das Größte, das Leistungsstärkste zu haben. Oberholz berichtet von einem neuen Statussymbol: Er habe irgendwo gelesen, dass Smartphones entwickelt werden, die sich aufpumpen, je mehr ungelesene Mails im Postfach liegen. Er lacht sein Dass-es-so-was-auch-gibt-Lachen, so, wie es Menschen tun, die ahnen, welchen Wahnsinn diese Welt zu bieten hat.

Oberholz hat mit seinem Café einen Ort geschaffen, der Maschinen freundlicher macht. 2005 hat er am Rosenthaler Platz gemeinsam mit einer Partnerin ein Café eröffnet, in dem es Steckdosen und kostenlosen Internetzugang gibt. Für Leute war das gedacht, die auf dem Weg zur Arbeit einen Espresso trinken und Mails checken wollen. Es hat nicht gleich funktioniert. Laptops in der Öffentlichkeit waren Angebern vorbehalten. Doch dann ging es los. Allerdings schauten sie nicht auf dem Weg ins Büro vorbei, sie machten das Café zu ihrem Büro. Tippen, Kaffee, Blicke.

Autos dagegen spielen für dieses urbane Publikum kaum mehr eine Rolle. Weder zum Vorankommen noch zum Angeben. Wenn, dann sind Air-Books, leichte Edelrechner, das Statussymbol. Vor allem aber sind es Projekte, am besten geheime. Unwichtig sei auch nicht, sagt Oberholz, dass am Nebentisch hübsche Frauen sitzen. Neulich blieb ein Ring liegen, darauf stand „Auf ewig Dein!“. Eine Frau ließ ihn auf dem Tisch, nach einem tränenreichen Streit mit einem Mann. Das klingt nicht nach Netzwerken und Datenkabeln. Oberholz dokumentiert solche Geschichten liebevoll in seinem Blog. Es blieb auch schon Unterwäsche liegen und Karten für den Papst im Olympiastadion.

Neugier eines Kleinstadtpunks

Den Seitenspiegel hat er bekommen. Wir sind jetzt draußen und laufen die Sellerstraße hinunter, wir wollen Richtung Hauptbahnhof, vorbei am ehemaligen Proberaum, den Oberholz in den 90er-Jahren dort für seine Band hatte. Das Bild, das von Oberholz im Internet kursiert, zeigt einen kühlen Typen mit anrasierten Haaren. Einen Hipster, denkt man, ei-nes jener Großstadtgewächse, bei denen Schein wichtiger ist als Sein. Aber wer Oberholz trifft, sieht eher einen Menschen, der sich viel erhalten hat von der Neugier eines Kleinstadtpunks. Das Sankt im Namen seines Cafés und die Dekoration dort mit Wildtieren ist auch eine Parodie auf seine Heimat. Oberholz wuchs im pfälzischen Wittlich auf, bevor er Anfang der 90er-Jahre nach Berlin zog. Auch er muss mehr arbeiten als früher, als Gastwirt und Familienvater. Er schiebt sein Fahrrad. Es scheppert.

Warum ausgerechnet sein Laden so eine Bedeutung errungen hat, dass sogar die „Tagesthemen“ schon hier filmten – Oberholz weiß es auch nicht so genau. Er erzählt eine Geschichte von seinem Vater, der früher ein so großer Musikfan war, dass er eigentlich immer den Klang seiner Anlage optimierte. High-Ender. Er habe manchmal den Stecker des Verstärkers herausgezogen, umgedreht wieder hineingesteckt, die Musik wieder eingeschaltet und ein „Aaah, das klingt gut“ von sich gegeben. Er hatte lediglich die Pole gewechselt. Auch so was verstehen nur Nerds.

Vielleicht war es beim „Sankt Oberholz“ ähnlich unerklärlich: Vielleicht hat er seinen Laden damals einfach richtig gepolt für seine Gäste, als am Rosenthaler Platz noch nicht viel zu spüren war vom Mitte-Hype.

Ganz so romantisch wie früher sei es aber nicht mehr, sagt Oberholz. Das freie Arbeiten, von egal, wo, ist recht etabliert, Firmen unterstützen es sogar. Das spart auch Büroplätze. Der gemeinsame Zugriff auf Dokumente über das Netz, der noch vor wenigen Jahren nur von Firmenbüros funktionierte, ist selbstverständlich und kostengünstig geworden. Junge Programmierer sind so gefragt, dass sie eben auch in Cafés arbeiten dürfen. Viele junge Gründer haben inzwischen Geld von Investoren erhalten und müssen mit Leistung zurückzahlen. Sie tun nur noch so, als würden sie ein lässiges Leben führen. Berlin bietet mittlerweile viele Arbeitsplätze für Kreative, gleichzeitig ist die Stadt teurer geworden. Im „Oberholz“ gibt es längst auch ruhigere Arbeitsplätze, im zweiten Stock. Neulich kam eine Staatsdelegation aus Südkorea vorbei. Die Beamten schauten sich neugierig um. Sie wollen flexible Arbeitsplätze staatlich fördern – und fragten Oberholz prompt, ob er auch Kinderbetreuung anbiete.

Irgendwer muss ausliefern, was bei Amazon bestellt wird

Links an der Heidestraße stehen Lagerhallen, wie im Gewerbegebiet einer Kleinstadt, einige Hundert Meter vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Männer in Latzhose laden Getränkekisten aus Lagern in Laster. Wir fragen uns, was diese Arbeiter wohl sagen zur „digitalen Boheme“, diesen Begriff prägte Sascha Lobo, der wohl bekannteste Blogger, der im „Sankt Oberholz“ Stammgast war. Diese Bohemiens kokettieren damit, dass sie Job und Privatleben nicht mehr trennen, dass sie nicht mehr brauchen als Laptop und Flatrate. Doch unser Spaziergang durch das Gewerbegebiet zeigt, dass das eine ohne das andere nicht kann; dass Internet ohne Spedition in großen Teilen nicht funktionieren würde: Irgendwer muss ja ausliefern, was bei Amazon bestellt wird.

Wir nähern uns den Jugendorten von Oberholz. Nach der Bandprobe saß er oft in einer Truckerkneipe zwischen den Lagerhallen hier und hat Bier mit Kumpels getrunken. „Ohne Kinder wäre ich nie so weit gekommen“, sagt er. „Sonst würde ich wohl immer noch mit Bands in Kreuzberg rumhängen.“ Er musste Geld verdienen, mit seinen Ideen den Lebensunterhalt sichern. Damit kamen auch neue Aufgaben. Nun muss der Mann, dessen Geschäft nicht unwesentlich auf Dauerinternet basiert, darauf achten, dass seine Tochter (14) und sein Sohn (15) nicht zu viel Zeit vor dem Computer verbringen. „Wir versuchen, das restriktiv zu handhaben“, sagt er. So läuft das zu Hause in Prenzlauer Berg: Die Tochter chattet, der Sohn spielt. Wenn mal der Router ausfällt, öffnen sich die Türen der Kinderzimmer, und beide strecken ihren Kopf raus. Wie eine Wetterstation sei das, sagt Oberholz: „Tür zu: Internet. Tür auf: kein Internet.“ Natürlich spielt sein Sohn auch World of Warcraft, ein Online-Spiel mit gewissem Suchtfaktor. Wenn es zu viel wird, schaltet Papa einfach das Internet ab. Und es gibt diese Kindersicherung: Oberholz bekommt regelmäßig eine Mail, in der steht, wann sein Sohn gespielt hat. Der weiß das nur nicht.

Er ist früh aufgestanden an diesem Tag, wie immer. Oberholz schreibt an seinem neuen Buch „Für hier oder zum Mitnehmen?“. Dabei geht es um einen jungen Mann, der ein Café in Mitte eröffnet. Oberholz wird 40 Jahre alt. Das Buch wird unweigerlich auch eine erste Lebensbilanz werden. Eine recht heitere. Letztlich ist ja alles gut gelaufen. Ende der 90er ist er gescheitert mit seiner Werbeagentur, keine Seltenheit während der New-Economy-Blase. Aber genervt habe ihn vor allem, dass Kunden meist zielstrebig das Langweiligste seiner Konzepte ausgesucht hätten. So mache Dienstleistung keinen Spaß. Nun ist er Gastwirt, das ist ein Beruf, bei dem er jeden Tag von vorne anfangen muss. „Kontrolliert man einmal die Tomaten nicht“, sagt er, „dann kriegt man beim nächsten Mal nicht mehr die frischen.“ Aber es ist sein Laden, so, wie er ihn sich vorgestellt hat. Da prüft er auch das Gemüse gern.

Hardcore der 90er-Jahre

Wir bleiben vor einer Tankstelle stehen. Sie ist neu, und irgendwas stimmt nicht mit ihr: Die Dächer über den Zapfsäulen sind auffällig klein. Sie sieht nicht deutsch aus. Eher, als würde sie aus einem Land stammen, in dem es weniger regnet. „Frankreich“, tippt Oberholz. Wir reden über Globalisierung und starren auf die vielen Kameras, die wie Selbstschussanlagen auf jeden Winkel der Tankstelle gerichtet sind. 1,78 Euro, so viel kostet ein Liter Superbenzin an diesem Tag. Fast so viel wie eine Radkappe bei Autoteile Tip. Wie lange Autofahren wohl noch bezahlbar sein wird? „Insgesamt macht uns das Internet ja unabhängiger von Autos“, sagt Oberholz. Das fange damit an, dass man nicht mehr von Laden zu Laden fahren muss, um sich Turnschuhe auszusuchen. Man bestellt sie gezielt.

Oberholz biegt in einen Hinterhof ein, geht zu einer rostigen Tür im Keller. Hier hat er in den 90er-Jahren Gitarre gespielt und gesungen. „So Hardcore-Zeugs.“ Sein Vater habe sich Sorgen um ihn gemacht, als er das Demotape hörte, auf seiner teuren Anlage. Nun ist Oberholz ja selber Vater, und eigentlich dürfte ihn kaum ein Hobby seines Nachwuchses schockieren. Er erzählt vom Lied „Zu jung“ von Kraftklub, einer Band aus Chemnitz. „Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebellieren? / Egal, wo wir hinkommen, unsre Eltern warn schon eher hier“, singen sie. Und: „Bei euch starb Kurt Cobain / Bei uns ein bleicher Michael Jackson.“ Ja, wie sollen Kinder rebellieren gegen einen coolen Daddy wie Oberholz? Der Sohn einer Öko-Freundin aus Prenzlauer Berg, sagt er, trage nur weiße Hemden und wolle möglichst viel Geld verdienen. „Früher hätte er sich wohl die Haare wachsen lassen und von Kunst geredet.“

Das „Sankt Oberholz“ feiert bald den siebten Geburtstag, genau wie sein jüngster Sohn. Wird der Laden noch angesagt sein, wenn er anfängt, Cafés zu besuchen? Seine Tochter, sagt Oberholz, benutze nicht mal mehr E-Mails. Für sie seien die so altmodisch wie für andere Faxgeräte. Da fällt es schwer, vorauszusehen, was der Arbeitsplatz der Zukunft ist. „Sicher ist aber, dass Arbeitsplätze außerhalb von herkömmlichen Büros eine Zukunft haben“, sagt Oberholz.

Unterwegs haben wir eine kleine Brücke überquert. Berlin ist wohl die einzige Großstadt, die kein gewachsenes Viertel um ihren größten Bahnhof hat. Er wurde ja erst vor einigen Jahren gebaut. Ob man hier auch ein erfolgreiches Café für die digitale Boheme eröffnen könnte? Bevor Oberholz antwortet, stehen wir in einer Sackgasse. Am Ende der Heidestraße, direkt vor dem Bahnhof, türmen sich Bauzäune vor uns auf. Er schiebt einen zur Seite, wir schlüpfen durch die Lücke und stehen vor dem Hamburger Bahnhof.

Dort gibt es auch ein Café mit drahtlosem Internet. Es ist 13 Uhr, aber wir sind die einzigen Gäste. Oberholz zeigt mit dem Finger auf die Spree. Vorbei fährt ein Dampfer in den Vereinsfarben vom FC Union Berlin. Wir sind überrascht, dass es so ein Fußballboot gibt, und schauen im Internet nach: Es scheint ein Publikumsrenner zu sein. „Nur drahtloses Internet anzubieten, das reicht schon lange nicht mehr“, sagt Oberholz. Er blickt dem Vereinsboot hinterher, ziemlich lange. Wenn er bald eine Reederei für mobiles Arbeiten gründet, mit Dampfern, die immer online sind, dann wurde diese Idee soeben geboren.

Zur Person

Der Gastwirt: Im Jahr 2005 eröffnete Ansgar Oberholz das „Sankt Oberholz“ am Rosenthaler Platz. Es entwickelte sich zum Arbeitsplatz der „Digitalen Boheme“, der Internetkreativen. Mittlerweile bietet er auch Büroplätze an und Gästewohnungen. Der Treffpunkt ist international bekannt. Das „Oberholz“ taucht in der internationalen Presse regelmäßig im Zusammenhang mit der Berliner Start-up-Szene auf.

Der Autor: Derzeit schreibt Oberholz an seinem Buch „Für hier oder zum Mitnehmen?“, das im Herbst im Ullstein-Verlag erscheinen wird. Es handelt von einem jungen Mann, der in Berlin-Mitte ein Café eröffnet. Zudem dokumentiert er in seinem Blog seit Jahren die Dinge, die Gäste in seinem Café liegen lassen (www.sanktoberholz.de).

Der Quereinsteiger: Oberholz wuchs auf dem pfälzischen Land auf. Ab 1993 studierte er in Berlin Physik, Mathematik, Philosophie und Forensik und spielte als Sänger und Gitarrist mit verschiedenen Bands. Er machte keinen Abschluss, gründete aber 1997 in der angeheizten New Economy eine Werbeagentur, die er dann wieder aufgeben musste. Nun kümmert Oberholz sich, mit seiner Partnerin, in Vollzeit um das „Sankt Oberholz“. Er hat drei Kinder.

Der Spaziergang: Fremde Milieus möge er, sagt er, also schlug er einen Weddinger Autoteileladen als Treffpunkt vor. Um die Ecke, in der Heidestraße, ist der ehemalige Proberaum seiner Band. Weiter ging es zum Hamburger Bahnhof. Oberholz findet es faszinierend, wie wenig entwickelt dieses Gebiet direkt am Berliner Hauptbahnhof ist.