Inventar versteigert

Wulff stiehlt Berliner Blogger Lobo die Show

Der bekannte Berliner Blogger Sascha Lobo hat geheiratet und ist mit seiner Frau zusammengezogen. Die Junggesellenbude in Prenzlauer Berg muss ausgeräumt werden – und so hat er kurzerhand einen "Facebook Fire Sale" ausgerufen: "Alles muss raus". Eigentlich eine öffentlichwirksame Aktion, wäre ihm nicht jemand in die Parade gefahren.

Foto: David Heerde

Die Jugendsünden sind golden und stehen nackig im Flur. Ein paar Besucher betrachten sie aufmerksam von allen Seiten, vielleicht werden sie sie mitnehmen. „Diese Schaufensterpuppen habe ich vor ein paar Jahren gekauft“, erklärt Sascha Lobo. „In meiner Singlezeit standen sie im Gästezimmer. Wenn Bekannte zu mir kamen haben sie bestimmt oft gedacht, was ist das denn fürn doofer Typ’.“ Lobo lächelt. Doof findet der bekannte Berliner Blogger, dessen Markenzeichen der rote Irokesenschnitt ist, inzwischen viele Gegenstände in seiner Fünf-Zimmer-Altbauwohnung in der Schönhauser Allee. Im Dezember hat der 36-Jährige geheiratet und ist mit seiner Frau zusammengezogen. Die Junggesellenbude in Prenzlauer Berg muss ausgeräumt werden. Und so hat Lobo kurzerhand einen „Facebook Fire Sale“ ausgerufen.

„Alles muss raus – Möbel und Zeug am Freitag in Berlin abholen“, hat Lobo auf seiner Seite gepostet. Im Nu hat sich die Nachricht im Netz weitergesprochen. Rund 70 Leute stürmen am Freitagabend in Lobos Wohnung und packen ein, was noch zu haben ist. Den Preis legen sie selbst fest. Die Hälfte der Einnahmen will Lobo an den Kältebus spenden.

1, 50 Meter breite Buchstaben sind gleich weg

Für den Autor, der sich den größten Teil seines Lebens in der Blogosphäre bewegt, liegt es nah, auch die eigene Wohnungsauflösung über das Internet zu organisieren. Facebook sei super dafür geeignet, schnell mal ein paar unliebsame Möbel loszuwerden, sagt er.

„Schau mal, den müssen wir auch unbedingt noch mitnehmen“, ruft Friederike Franze ihrer Freundin zu. In einem Ikea-Regal hat sie einen goldenen Gartenzwerg entdeckt, der die recht Hand zum Hitler-Gruß hebt. „Ein Nazizwerg??“ fragt Sabrina Apitz skeptisch zurück. „Ja, der hat bestimmt Seltenheitswert.“ „Den müssen wir dann aber gleich in einem Beutel verstecken, wenn wir U-Bahn fahren.“ Die beiden Fotografinnen haben bereits sämtliche Vorhänge abmontiert, Samtstoff in hellgrau, weinrot und kitschblau. „Die können wir gut als Deko für unsere Shootings benutzen“, sagt Franze und beginnt, auch noch die grellgelbe Lampe im Flur abzuschrauben.

Eigentlich waren sie wegen der großen Metallbuchstaben gekommen, die Lobo in einer Inventarliste veröffentlicht hatte. Die stammen aus einem alten Schriftzug von „Fujifilm“ – die Buchstabenfolge „film“ hatte Lobo vor Jahren ergattert und in seinen Flur gestellt. Die Buchstaben sind schon gleich zu Beginn weg. Martin Beyerle hat das „F“ bereits die vier Stockwerke heruntergewuchtet. Zwei Meter hoch und circa 1, 50 Meter breit ist das Metallungetüm. „Das kommt als Wandschmuck in mein neues Büro“, sagt der Designer. Problem nur: Sein Büro ist in Köln. Und Beyerle fährt mit dem Zug zurück. „Ich werde wohl ein wenig mit dem Schaffner feilschen müssen.“ Groß genug dafür, dass es eine eigene Fahrkarte beanspruchen könnte, ist das F jedenfalls. 15 Euro hat Beyerle Lobo dafür gegeben.

Nach einer Stunde ist fast alles weg

Der Blogger scheint fast verwundert, dass sich die Leute so um sein größtenteils verkitschtes Inventar reißen. „Vor einigen Jahren dachte ich: große Buchstaben aus Metall, wie cool ist das denn? Aber man wird reifer mit der Zeit“, sagt er und nippt an einem alkoholfreien Bier. In seinem schwarzen Anzug, zu dem er Turnschuhen trägt, beobachtet er, wie Mitte Zwanzigjährige Hipster seine Regale auseinanderbauen, Stühle, Lampen und Kisten heraustragen. Wehmütig ist er nicht. „Wenn man in einer so großen Wohnung alleine wohnt schafft man sich eine ganze Menge Quatsch an.“ Hinter ihm wird gerade ein Leuchtquadrat herausgetragen. Für die gemeinsame neue Wohnung haben er und seine Frau sich eine komplett neue Einrichtung zugelegt. Die sei ein bisschen ernsthafter. „Ich habe überhaupt keine Lust mehr auf den ganzen altem Kram“, sagt er.

Nach einer knappen Stunde ist fast alles weg – selbst die goldenen Schaufensterpuppen. Kristin Rybicki will sich eine ins Schlafzimmer stellen. Allerdings nicht nackt: „Die werde ich als Kleiderständer für meine Blusen benutzen“, sagt die 36-jährige Sales Managerin. 15 Euro zahlt sie für die Puppe und drei Kisten aus Bast.

Am Ende des Abends hat Lobo rund 350 Euro eingenommen. 175 Euro wird er dem Kältebus spenden. „Weil das Projekt ein ganz simpler Weg ist, Menschen direkt zu helfen“, sagt der Blogger, während er einen letzten Rundgang durch die Wohnung macht. „Es ist vielmehr weggegangen als ich dachte.“ Nur das altrosa Sofa im hintersten Zimmer wollte keiner haben. Auf einer Party vor vier Jahren, zu der Lobo seine Twitter-Anhänger einlud, hatten Gäste eine kleine Orgie darauf veranstaltet. Internetaktivisten hätten den Abend mit einem Dreier ausklingen lassen, erzählt er. „Das nehme ich ganz bestimmt nicht in die neue Wohnung mit.“ Ansonsten sei er ganz zufrieden mit der Aktion. Nur eines ärgert ihn an diesem Tag: „Eigentlich wollte ich heute den bekanntesten Umzug in Berlin starten“, sagt Lobo. „Aber dann hat mir Wulff mit seinem Auszug aus Bellevue die Show gestohlen.“