Orkantief

Erste Weihnachtsmärkte schließen wegen "Joachim"

In Frankreich waren Hunderttausende ohne Strom, der Bahnverkehr kam teilweise zum Erliegen. Jetzt hat der Sturm Deutschland erreicht – und Schäden angerichtet.

Im schwerem Orkantief "Joachim" ist der unter Malta-Flagge fahrende Frachter "TK Bremen" vor der Südküste der französischen Bretagne gestrandet. Die Behörden haben Umweltalarm ausgelöst, da Öl ausläuft. "Im Rumpf gibt es ein Loch, der Ölfilm ist mittlerweile einen Kilometer lang und fünf Meter breit", sagte die Bürgermeiserin des Ortes Erdeven, Marie-Françoise Le Jossec, dem Nachrichtensender BFM.

Die Tanks des Schiffes sollen ausgepumpt werden, erklärte am Freitag Michel Gayda vom Küstenschutz. Er warf die Frage auf, warum das Schiff trotz Sturmwarnung überhaupt den schützenden Hafen verlassen habe. Die 19-köpfige Besatzung des 109 Meter langen Schiffes sei per Helikopter in Sicherheit gebracht worden.

Das Schiff war am Donnerstag aus dem Hafen von Lorient ausgelaufen, um nördlich der Insel Groix vor der Weiterfahrt nach Großbritannien auf bessere Wetterbedingungen zu warten. TV-Bilder zeigten den Havaristen mit seinen hohen Aufbauten in Schräglage am Strand.

Nach Angaben der zuständigen Präfektur in Brest war der Frachter abgesehen von 220 Tonnen Treibstoff weitgehend leer. Die Behörden hätten zudem schwimmende Öl-Barrieren in Stellung gebracht.

"Joachim" war in der Nacht über die französische Küste mit Orkanböen der Stärke zwölf gezogen. In Westfrankreich fiel nach Regierungsangaben in rund 400.000 Haushalten der Strom aus, davon 100.000 in der Bretagne. Innenminister Claude Guéant betonte im Rundfunksender "France Info": "Der Schwachpunkt sind die Stromausfälle, da knapp 400.000 Haushalte keine Stromversorgung mehr haben".

Der Bahnverkehr in der Region kam weitgehend zum Erliegen. Allein in den Departements Finistére und Morbihan sei die Feuerwehr zu mehr als 300 Einsätzen ausgerückt. Beeinträchtigungen wurden auch auf der Luftverkehrs-Drehscheibe in Paris erwartet, wo der Andrang der Reisenden im Vorfeld des Weihnachtsfestes groß ist.

Orkantief "Joachim" über Deutschland

Mit Sturm, Regen und Schnee bewegte sich "Joachim" vom Westen dann auf Deutschland zu. Am Freitagmorgen war der Kern des Tiefs über den Benelux-Staaten. In Rheinland-Pfalz und auf dem Feldberg im Schwarzwald wurden Böen der Stärke 12 gemessen, sagte Meteorologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach am Freitag.

Im Saarland seien Bäume und ein Baugerüst umgestürzt, berichtete die Polizei in Saarbrücken.

Das Sturmtief erreichte Baden-Württemberg, der Deutsche Wetterdienst warnte vor Erdrutschen und Überschwemmungen von Straßen. Bei Dauchingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) prallte am Freitagmorgen ein Nahverkehrszug gegen einen auf den Schienen liegenden Baum; verletzt wurde nach Polizeiangaben niemand. Im Ortenaukreis blockieren umgestürzte Bäume mehrere Straßen; der Sturm fegte auch Verkehrsschilder und Bauzäune um.

In Furtwangen (Schwarzwald-Baar-Kreis) blieben zwei Schulen vorsichtshalber geschlossen.

Sicherheitsbedenken verschaffte auch in Hessen zahlreichen Schülern einen Frühstart ins Wochenende. In Hanau wurden am Freitag alle Schüler nach der fünften Stunde nach Hause geschickt. Auch in anderen Städten gab es sturmfrei: Wegen der Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) hatte es das staatliche Schulamt in Darmstadt den Schulleitern nach Angaben einer Stadtsprecherin freigestellt, den Unterricht um 11.00 Uhr zu beenden, damit die Schüler sicher nach Hause gelangen konnten.

Erste Weihnachtsmärkte schließen wegen Orkan

"Nach der Orkanwarnung des Deutschen Wetterdienstes erschien uns das Gefährdungspotenzial für unsere Schüler zu groß, da viele von weit her kommen", sagte der Leiter der Robert-Gerwig-Schule, Rainer Eberlei. Auch der Karlsruher Zoo blieb vorsorglich geschlossen, ebenso wie der Weihnachts- und der Wochenmarkt in Friedrichshafen am Bodensee.

Auch in Chemnitz soll der Weihnachtsmarkt am Freitagnachmittag sogar ganz geschlossen werden. Die Stadt begründete das mit Sicherheitsbedenken.

Die Dresdner Stadtverwaltung erwäge dies derzeit nicht, hieß es. Man sei aber in Bereitschaft. "Sollte es extrem werden, werden auch wir schließen", erklärte das Marktamt Leipzig. In Werdau wurde das nachmittägliche Bühnenprogramm auf dem Weihnachtsmarkt abgesagt. Auch hier soll kurzfristig entschieden werden, ob der Markt vorübergehend ganz geschlossen werden muss.

Der Staatsbetrieb Sachsenforst warnte unteressen vor dem Betreten der Wälder. Vor allem in den oberen Lagen der Mittelgebirge sei es gefährlich. Dort könnten durch starke Schneefälle und Orkanböen Äste, Baumkronen oder ganze Bäume herab- oder umstürzen. Das bedeute Lebensgefahr.

Schienenverkehr betroffen

Wegen der Unwetter stellte die Deutsche Bahn den Regionalverkehr in der Südwestpfalz vorübergehend ein. Ein Notverkehr mit Bussen lasse sich wegen der teils schlechten Straßenverhältnisse mit umgestürzten Bäumen nicht einrichten, sagte ein Bahnsprecher am Freitag in Frankfurt.

Der Fernverkehr laufe weiter. Dagegen ruhe der Schienenverkehr auf den Strecken Saarbrücken-Kaiserslautern, Saarbrücken-Pirmasens, Kaiserslautern-Kusel, Kaiserslautern-Lauterecken und Kaiserslautern-Pirmasens.

Schneefälle sorgen für massive Verkehrsprobleme

Kräftige Schneefälle führten am Freitagmorgen in Südthüringen zu massiven Verkehrsproblemen. Auf winterlichen Straßen ereigneten sich zahlreiche Unfälle, wie das Lagezentrum des Innenministeriums mitteilte. In Mönchsberg (Landkreis Sonneberg) rutschte ein mit 15 Kindern besetzter Schulbus auf dem Weg zur Schule gegen eine Mauer.

Kinder und Fahrer blieben unverletzt. Auf der Autobahn 71 forderte die Polizei Lastwagenfahrer südlich des Rennsteigtunnels auf, die Parkplätze anzufahren, um Platz für den Winterdienst zu schaffen. Auf mehreren Straßen blockierten liegengebliebene LKW den Verkehr, darunter in Lehesten (Kreis Saalfeld-Rudolstadt) ein mit Salzsäure beladener Transporter.

Heftiger Regen überflutet Straßen

Im Hunsrück wurden nach starkem Regen zahlreiche Straßen überflutet. "Bei uns stehen diverse Land- und Bundesstraßen unter Wasser", sagte ein Sprecher der Polizei in Birkenfeld (Kreis Birkenfeld) am Freitag. Es gebe bereits mehrere Straßensperrungen. "Die Bäche neben den Straßen laufen einfach über", sagte er.

Die Feuerwehr sei derzeit im Dauer-Einsatz wegen vollgelaufener Keller und umgestürzter Bäume. Wegen Schneefalls seien am Morgen Lastwagen zwischen Morbach und Birkenfeld hängengeblieben. "Es ist das volle Programm", sagte der Sprecher.

Auch rund um Hermeskeil (Kreis Trier-Saarburg) hieß es "Land unter". Straßen standen wegen Starkregens unter Wasser. In einem Sägewerk mussten Maschinen wegen eindringenden Wassers weggeräumt werden, sagte ein Sprecher der Polizei. Ein Sprecher der Polizei in Prüm in der Eifel sagte: "Es ist einfach nur Sauwetter."

Zug in der Schweiz entgleist

Durch "Joachim" entgleiste in der Schweiz ein Zug. Bei dem Unfall im Nordwesten des Landes wurden nach Angaben der Polizei am Freitagmorgen drei Menschen leicht verletzt, darunter der Lokführer.

Der Zug kam demnach in einem Wald zwischen den Gemeinden Tavannes und Tramelan von den Gleisen ab. Über die Region waren nach Angaben der Schweizer Wetterbehörde Meteosuisse in der Nacht heftige Winde mit Spitzengeschwindigkeiten von 120 Stundenkilometern hinweggefegt.

Im Lauf des Tages werde "Joachim" über die Mitte Deutschlands ziehen, am stärksten werde der Sturm am Nachmittag. Für ganz Süddeutschland gab der DWD Unwetterwarnungen vor heftigen Schneefällen, Dauerregen und schwerem Sturm heraus.