Altersunterschied

Wenn ältere Frauen auf junge Männer stehen

Sie sind schön, über 40 und sie wollen einen jüngeren Partner. Die "Cougardame" hat heute ihre prominenten Vorbilder in Demi Moore, Halle Berry oder Jennifer Aniston. Alle gehen sie mit jüngeren Männern aus. Und der selbstbewusste Umgang mit dem Alter scheint immer normaler zu werden.

Früher roch sie nach Fusel und billigem Parfum. Ihre Röcke zeigten immer zu viel Bein für ihr Alter und ihre Blusen zu viel Dekolleté. Nacht für Nacht trieb sie sich in den Bars von Vancouver herum, sie trank zu viel, blieb immer zu lange und ging niemals alleine ins Bett – je jünger die Männer, desto besser die Beute. Wie ein Puma, der durch die Wälder von Kanada streift, dachten die Menschen voll Mitleid und Spott. Immer einsam und hungrig und immer auf Trebe – wie die Raubkatze, die sie dort oben Cougar nennen.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute trägt sie Kaschmir und Seide und riecht nach Champagner und Chanel No. 5. Die Cougardame hat die Salons erobert und ihren schlechten Ruf wie ein billiges Polyesterkleid abgestreift. Sie spielt eine der Hauptrollen in „Sex and the City“, „Desperate Housewives“ und in der neuesten US-Serie „Lipstick Jungle“. Sie hat ihre prominenten Vorbilder in Demi Moore, Halle Berry, Drew Barrymore oder Jennifer Aniston, die allesamt mit jüngeren Männern ausgehen.

Ihr Beiname „Cougar“ hat sich über die kanadische Provinz hinaus in der ganzen englischsprachigen Welt ausgebreitet. Er bezeichnet ein Phänomen, einen Trend oder einfach einen Frauentyp, für den es in der deutschen Sprache kein einziges Wort gibt. Und er hat über die Jahre eine beachtliche Umwertung erfahren.

Ein milderes Synonym für das gängige "MILF"

Zuallererst war der Begriff „Cougar“ nicht mehr als ein Schimpfwort, ein milderes Synonym für das gängige „MILF“ (Mother I'd Like to Fuck). Er bezeichnete Frauen zwischen 35 und 50, die Angst vor dem Älterwerden haben, die versuchen, sich mit mädchenhafter Kleidung und viel zu jungen Männern zu schmücken und dabei vor allem verzweifelt und würdelos wirken. Die Cougarfrau – das galt als Konsens – war ein bemitleidenswertes Geschöpf, vom Jagdinstinkt getrieben, meistens einsam und alt und ein bisschen vulgär. Ihre Beute waren hirnlose „Toy Boys“ – junge, meist ziellose Kerle, die sich auf sexuelle Abenteuer mit einer älteren Frau einließen, nur um sich eine Zeit lang von ihr aushalten zu lassen.

Es muss in Städten wie New York oder Boston oder San Francisco gewesen sein, wo sich die Cougarfrau ganz langsam zur Dame mauserte. Hier wimmelte es geradezu vor reifen, schönen und erfolgreichen Frauen, die ein selbstbewusstes Singleleben führen. Frauen, die sich Tag für Tag gegen ihre männliche Konkurrenz behaupten, aber nicht auch noch ihre Freizeit mit ihnen verbringen wollen. Irgendwann machten sie einfach das, was die Männer seit Jahrtausenden taten: Sie fanden Gefallen an jüngeren Partnern. Sie gingen mit Männern aus, die nicht nur über Geld und Karriere sprachen, die sie nicht mit ihrem langweiligen Businesstalk nervten und dazu einfach umwerfend aussahen. Auf einmal galt die Cougarfrau nicht mehr als würdelos alterndes Schreckgespenst, sondern als selbstbewusste, anziehende Dame, die auf sich achtet und ganz genau weiß, was sie will. Die Cougardame, dieses edle und schöne Geschöpf der nordamerikanischen Wildnis, wurde plötzlich ihrem Namen gerecht. Sie wurde selbst zur begehrten Trophäe.


Unlängst hat das Boston Magazine diese Entwicklung als neuen gesellschaftlichen Trend deklariert. Die begehrenswerte Cougardame, schrieb die Zeitschrift, sei dabei, das amerikanische Ausgehverhalten auf den Kopf zu stellen. Anstatt selbst auf die Jagd zu gehen, ließen sich die Frauen mittlerweile einfach erobern. Nicht mehr die Cougars gingen jetzt auf Beutezug, sondern die Cougar Hunter, junge Männer zwischen 20 und 30, die Gefallen an reiferen Frauen gefunden haben. Candace Bushnell, die Autorin von „Sex and the City“, hat mit ihrer neuen Serie „Lipstick Jungle“ ein idealtypisches Abbild dieser Frau geschaffen. Die Serie handelt von drei Freundinnen – eine Filmproduzentin, eine Modedesignerin und eine Chefredakteurin –, die zu den einflussreichsten Frauen New Yorks gehören. Zwei von ihnen, gespielt von Brooke Shields und Kim Raver, haben die Vierziger erreicht, und beiden nimmt man ab, dass sie sich selbst zu keiner Zeit schöner fühlten als jetzt. Eine von ihnen beginnt schließlich eine Affäre mit einem 25-jährigen Mann.

Die Vorliebe für reifere Frauen

Glaubt man Deutschlands größter Singleumfrage, die gerade die Kontaktbörse ElitePartner.de veröffentlicht hat, kann sich ein Drittel der über 45-jährigen Frauen vorstellen, einen mehr als sieben Jahre jüngeren Partner zu haben. Ein vier bis sechs Jahre Jüngerer käme für jede Zweite in Frage. „Die klassischen Rollenmuster lösen sich immer mehr auf“, sagt Diplom-Psychologin Lisa Fischbach. „Damit wandelt sich auch die Vorstellung, dass Frauen einen gleichaltrigen oder älteren Partner haben müssen. Noch fehlt diesem Partnerschaftsmodell eine umfangreiche gesellschaftliche Akzeptanz, aber die Tendenz ist vorhanden.“

Seit einiger Zeit befassen sich unzählige amerikanische Websites mit dem Phänomen, mal mehr, mal weniger seriös, manchmal ernst und manchmal scherzhaft. Auf www.cougarhunter.ca können sich junge Männer beispielsweise die besten Strategien für die Jagd nach reiferen Frauen aneignen. Die Seite urbancougar.com erklärt den Trend gar als Beginn einer ganz neuen Ära, und cougarplanet.com berichtet über prominente Paare in Hollywood. In ihrer Hall of Fame präsentiert die Seite historische Figuren wie Heinrich VIII., Julius Cäsar und Benjamin Franklin, die alle eine Vorliebe für reifere Frauen hatten. Dazu kann man T-Shirts, Tassen und Sticker bestellen. Es gibt Filme, Talk Shows und Ratgeberbücher. Das Berühmteste stammt von der Sex-Kolumnistin der Toronto Sun. Valerie Gibson hat 2007 das Buch „Cougar – Ratgeber für ältere Frauen, die mit jüngeren Männern ausgehen“ herausgebracht. Sie war es auch, die als erste die Herkunft des Wortes im kanadischen Vancouver verortete.

Der Ausdruck „Cougar“ bleibt ein schillernder Begriff. Er wird nie ganz seine sexistische und anrüchige Note verlieren wird. Frauen mit einer Vorliebe für junge Männer werden immer eine Zielscheibe männlichen Spotts bleiben. Aber war es mit dem Sugar Daddy je anders? Wirkten ältere Männer mit blutjungen Frauen nicht auch schon immer etwas lächerlich? Mit dem Geschlecht hat es jedenfalls nichts mehr zu tun, wenn man auch jenseits der 40 als attraktiv und begehrenswert gilt. Der selbstbewusste Umgang mit dem Alter scheint normaler zu werden. Jüngere Frauen in den USA bezeichnen sich selbst schon als CIT – als Cougar In Training.