Nach dem Fall Boetticher

"Sex mit einem 40-Jährigen? Absurd!"

Eine Beziehung zu einer 16-Jährigen kostete den CDU-Politiker Christian von Boetticher Karriere und Ansehen. Drei junge Mädchen erzählen, was sie darüber denken.

Drei 16-Jährige zu treffen ist nicht so einfach. Bis halb fünf haben all drei Schule, danach hat die eine Klavierstunden an dem einen Tag, die andere einen Termin beim Kieferorthopäden am anderen, und die dritte ist, als es nach vielem Hin und Her doch noch klappt, erst mal nicht aus ihrem Zimmer zu bewegen. "Ein einziges Extremerlebnis", beschreibt der Vater das Leben mit der Tochter, als er im Garten der Familie Getränke serviert.

Der CDU-Politiker Christian von Boetticher hat vor einer Woche seine Spitzenkandidatur bei der nächsten Landtagswahl in Schleswig-Holstein zurückgezogen. Der 40-Jährige hatte eine Beziehung zu einer 16-Jährigen. Darüber wollen wir mit den Freundinnen Josefine, Emma und Linda reden. Die drei leben in Berlin und gehen aufs Gymnasium.

Morgenpost Online: Findet ihr die Aufregung über den Fall von Boetticher nachvollziehbar?

Josefine: Nun ja, ich finde diese Beziehung auch nicht ganz normal.

Linda: Ich verstehe nicht, was das Mädchen an dem 40-Jährigen findet. Aber wenn es nun wirklich die große Liebe ist, dann sollen die beiden auch zusammen sein dürfen. Dann finde ich es eher seltsam, dass es sein Berufsleben so zerstört. Schließlich ist es ja legal.

Morgenpost Online: Und warum kannst du dir das so gar nicht vorstellen?

Linda: Weil ich nicht auf alte Männer stehe. Ein 40-Jähriger – das geht gar nicht. Keine Ahnung wie man solche Typen attraktiv finden kann.

Josefine: Die Interessen sind bei diesem Altersunterschied doch total verschieden. Er will CDU-Spitzenkandidat werden, sie ist Schülerin.

Morgenpost Online: Nun ja, ein 40-jähriger Mann kann einem ja einiges bieten, Einladungen, Geschenke. So eine "Pretty Woman"-Story eben. Das ist kein bisschen attraktiv?

Josefine: Nein, das ist absurd. Er könnte ihr Vater sein. Da ist eine Grenze überschritten.

Morgenpost Online: Und wo ist die Grenze?

Josefine: Wenn man ein ähnliches Leben hat. Eine Schülerin hat einen ganz anderen Alltag, verdient kein eigenes Geld, weiß überhaupt nicht, wie ihre Zukunft aussieht. Wenn beide aber einen Job haben, ein ähnliches Leben führen, dann wissen sie viel eher, woran sie beim anderen sind.

Emma: Ein Lehrer aus unserer Schule hatte ein Verhältnis mit einer Schülerin. Sie war 18 und er, keine Ahnung, so um die fünfzig. Das was extrem seltsam. Die beiden haben geheiratet, und sie ist dann auf die Schulfeste mit dem gemeinsamen Baby gekommen.

Linda: Und wenn man sich vorstellt, wie uralt der ist, wenn seine Kinder dann mal Teenager sind wie wir! Wer weiß, wie lange der dann noch lebt.

Morgenpost Online: Ist das anziehend, wenn ein Freund für seine Freundin alles bezahlt?

Linda: Also wenn er viel Geld hat, und ich trotzdem immer alles bezahlen muss, dann finde ich das nicht okay. Aber ich finde nicht, dass einer sein ganzes Taschengeld für mich ausgeben muss.

Morgenpost Online: Christian von Boetticher hat gesagt, er habe lange mit seiner Freundin vor allem über das soziale Netzwerk Facebook Kontakt gehabt. Seid ihr auch schon mal von einem älteren Mann angeschrieben worden?

Josefine: Das ist mir noch nie passiert.

Emma: Wenn ich von jemandem angeschrieben werde, den ich nicht kenne, antworte ich auch nicht. Freundinnen von mir haben schon mal jemanden über Facebook kennengelernt. Aber die waren dann nicht so viel älter.

Linda: Also mich hat noch keiner angeschrieben, aber ich kriege das von den Freundinnen meiner Schwester mit. Die sind 14 und anders drauf. Da gab es letztens eine Geschichte von einem so in dem Alter von Boetticher, der hat dem Mädchen versprochen, er wolle für sie nach Berlin ziehen und ihr ein Haus bauen und so was.

Morgenpost Online: Nutzt ihr Facebook zum Daten oder um Leute kennenzulernen?

Josefine: Ich nutze es eher um mit Leuten Kontakt zu halten, die ich nicht häufig sehen kann. Ich schaue mir ihre Bilder an, was sie so machen (lacht): Über Facebook kann man auch gut stalken. Ich nutze es ab und zu, um kleine unverbindliche Nachrichten zu schreiben, aber nicht, um neue Leute kennenzulernen.

Emma: Letztes Jahr hat sich meine Klasse ständig per Facebook über die Hausaufgaben ausgetauscht, das war extrem hilfreich.

Morgenpost Online: Und wenn ihr mal auf einer Party jemanden seht, den ihr toll findet, würdet ihr den anschreiben?

Emma: Nee. Ich warte eher, bis mir jemand eine Anfrage schickt.

Morgenpost Online: Das klassische Verhalten: Mädchen warten, bis Jungs sie anschreiben?

Emma: Nicht unbedingt, ich schreibe auch Mädchen eher nicht an.

Morgenpost Online: Wie viel Zeit verbringt ihr so bei Facebook?

Linda: Ich schaue schon jeden Tag rein. Kann ja sein, dass mir jemand etwas Dringendes geschickt hat. Aber selbst wenn ich mit jemandem hin- und herschreibe, mache ich das nie viel länger als eine Stunde am Tag.

Morgenpost Online: Sind eure Lehrer auch bei Facebook?

Emma: Viele. Einer ist sogar während des Unterrichts online. Der erzählt uns dann immer, was er Neues gesehen hat. Manchmal sagt er auch zu unseren Postings: Das oder das hätte ich jetzt nicht geschrieben.

Morgenpost Online: Findet ihr das peinlich, so ein Anbiedern der Lehrer?

Linda: Manche aus meiner Stufe finden das lustig. Ich bin mit keinem Lehrer über Facebook befreundet.

Josefine: Wir haben einen Lehrer, der hat mehr Schüler als Facebook-Freunde als Menschen, die er privat kennt. Das ist peinlich.

Morgenpost Online: Habt ihr den Skandal von iShareGossip mitbekommen, wo Jugendliche über andere lästern?

Josefine: Ich habe da mal raufgeschaut, um zu wissen, was so geschrieben wird und ob ich wen kenne. Aber da geht es eigentlich nur um Jüngere. Fast nie um die Oberstufe.

Morgenpost Online: Heißt das, Jüngere gehen unbedarfter, naiver mit sozialen Netzwerken um?

Josefine: Ja, die nutzen sie anders. Die stellen auch viel mehr Fotos rein und machen sich keine Gedanken darüber.

Morgenpost Online: Spricht mit euch jemand darüber, wie ihr mit sozialen Netzwerken umgeht?

Alle drei: Ja. Alle.

Josefine: Noch bevor das in den Zeitungen stand, gab es an unserer Schule wegen iShareGossip eine Projektwoche darüber. Jede Klasse musste sich mit verschiedenen Aktionen beteiligen. Wir mussten Argumente sammeln, die gegen iShareGossip sprechen. Sobald dann alle drüber sprachen, wurde die ganze Geschichte uninteressant.

Emma: Oh, Gott, ja, in jeder Klasse musste es diskutiert werden.

Morgenpost Online: Nervt die Bevormundung?

Josefine: Na ja, beides. Manche alten Leute glauben, dass wir sonst was da treiben, und wenn da auch nur ein Bild von mir drinstehe, dann ruiniere das jede Bewerbung. Aber jüngere Klassen sollte man tatsächlich ein bisschen bremsen.

Morgenpost Online: Mit wie viel Leuten seid ihr verlinkt?

Emma: Irgendwas zwischen 150 und 200 Leuten. Wenn man zu viele Freunde hat, sieht das auch schlecht aus.

Morgenpost Online: Seid ihr jetzt erst so vernünftig oder wart ihr das immer schon?

Josefine: Wir wurden darüber vielleicht auch einfach überinformiert und übergewarnt.

Morgenpost Online: Wann müsst ihr eigentlich abends zu Hause sein?

Josefine: Das kommt total drauf an, wo wir sind. Wenn wir bei jemandem zu Hause sind und dann auch noch zu zweit heimfahren, dann kann ich bleiben, so lange ich möchte.

Morgenpost Online: Wie lange möchte man denn?

Linda: Das will ich am liebsten selbst entscheiden.

Emma: Es kommt drauf an, ob es heißt, dann und dann bist du zu Hause oder dann und dann fährst du los.

Josefine: Emma ist die große Expertin im Verhandeln mit den Eltern.

Emma: Also in den Ferien musste ich so in der Regel um ein Uhr losfahren, mit dem Fahrrad.

Josefine: Ich muss immer schreiben, wenn ich losgehe…

Emma: Und wenn ich in der Bahn sitze.

Morgenpost Online: Geht ihr auch in Läden, die erst ab 18 sind?

Josefine: Na ja. Es gibt eigentlich immer Wege, irgendwo reinzukommen.

Morgenpost Online: Dafür ist es dann ja schon praktisch, einen älteren Freund zu haben. Habt ihr Freundinnen mit älterem Freund?

Josefine: Wir kennen eine, die hatte mit 15 einen 28-Jährigen.

Linda: Die waren schon relativ lange zusammen.

Josefine: Ich fand das komisch.

Linda: Wie konnte das für sie erfüllend sein, habe ich immer gedacht. Aber es war dann einfach so. Hätte Josefine einen älteren Freund, würde ich sie schon fragen, was sie so toll an ihm findet.

Morgenpost Online: Was würden eure Eltern zu einem 30-jährigen oder älteren Freund sagen?

Josefine: Sie würden ihn vermutlich erst mal kennenlernen wollen.

Linda: Die wären wohl erst ein bisschen schockiert. Auf jeden Fall würden sie vorsichtig reagieren. Aber das hängt auch davon ab, wie der sonst so drauf ist.

Morgenpost Online: Könntet ihr euch vorstellen, einen jüngeren Freund zu haben?

Josefine: In unserer Parallelklasse hatten mal alle Mädchen einen Freund eine Klasse drunter, und dann haben sie noch mal so untereinander getauscht.

Linda: Und alle, die nicht involviert waren, fanden es merkwürdig.

Josefine: Also mit 15 ist man doch dauernd damit beschäftigt, dass man irgendwo reinkommt. Bei Konzerten zum Beispiel. Wenn du da jetzt einen 14-Jährigen mitnimmst, hast du noch weniger Chancen. Für den Jungen ist eine ältere Freundin natürlich ’ne Auszeichnung.

Linda: Genau, der denkt: "Ich bin so krass, dass sogar Ältere mich toll finden."

Morgenpost Online: Ab wann ist man denn alt aus eurer Sicht?

Linda: Ab dreißig so ungefähr.

Josefine: Na ja, wenn man so voll im Beruf drinsteckt.

Morgenpost Online: Wie sollte er denn sein, der Richtige? Ist Aussehen wichtig?

Großes Gelächter.

Josefine: Na ja, wenn man als Erstes denkt, "Mann, ist der hässlich", dann entwickelt sich auch nix.

Linda: Man sollte sich mit ihm wohlfühlen, unterhalten können und so.

Morgenpost Online: Sprechen Jungs Mädchen an, oder sprecht ihr auch jemanden an?

Linda: Viele Jungs machen gar nichts, wenn ein Mädchen Interesse hat, dann muss sie schon selbst aktiv werden.

Josefine: Aber das ist ja auch nicht so ein Problem, jemanden anzuquatschen.

Morgenpost Online: Und wer ruft zuerst an?

Linda: Ich glaube, ich würde eher warten. Aber andere Mädchen nicht.

Josefine: Wenn ich wirklich krasses Interesse hätte, würde ich schon selbst etwas tun. Aber Signale müsste es schon gegeben haben. Ich würde nicht denken: Hey, ich bin das Mädchen, ich mache das nicht.

Morgenpost Online: Glaubt ihr an die wahre Liebe?

Josefine: Irgendwann schon.

Linda: Also ich kann es mir jetzt nicht vorstellen, dass man irgendjemanden findet, von dem man sagt, mit dem will ich immer zusammen sein. Stelle ich mir eher anstrengend vor. Aber eine Freundin von uns hat eine Fernbeziehung, und die denken jetzt schon eher in die Zukunft.

Emma: Wenn zwei zusammenkommen, dann denke ich mir oft: Na, wie lange das wohl hält.

Josefine: Wir verändern uns ja noch. Ich weiß ja nicht einmal, was ich studieren will. Wie soll ich da wissen, mit wem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte? Und man möchte ja auch ein bisschen ausprobieren und so…

Emma: Und selbst wenn man mit einem immer zusammenbleibt, ob das am Ende des Lebens dann wirklich immer nur der eine war, ist ja auch die Frage.

Linda: (lacht) Ja eben. Und kann das dann die wahre Liebe gewesen sein?

Morgenpost Online: Ist es wichtig, einen festen Freund zu haben?

Emma: Manchen schon.

Josefine: Ja, und da heißt es dann auch: "Wie, die hat keinen Freund?" Das ist ja auch so etwas wie eine Bestätigung.

Linda: Meine kleine Schwester hatte mir neulich von einem Bekannten erzählt, der so komisch sei, und der habe ja auch noch nie ’ne Freundin gehabt. Da hab’ ich gesagt: "Hey, ich hatte auch noch keinen festen Freund." Sie sagte dann nur, "Ach ja, stimmt. ’tschuldigung, aber bei dir ist das ja was anderes."

Morgenpost Online: Fiebert ihr der Zeit nach der Schule eigentlich entgegen?

Josefine: Ja, total. Das ist ständig Thema, was wir dann machen.

Linda: Ich stelle es mir ein bisschen wie bei meinem zweimonatigen Austausch im Ausland vor. Da habe ich niemanden gekannt, und es war ein spannender Neuanfang.

Morgenpost Online: Malt ihr euch manchmal eure Zukunft aus? Wie sie in 20 Jahren sein mag?

Emma: O je. Ich wüsste erst mal gern, was ich in zwei Jahren studieren soll.

Josefine: In zehn Jahren, wenn ich Ende 20 bin, hätte ich schon gern etwas erreicht. Jetzt nicht so Haus mit Garten oder so. Eher, was ich wirklich machen will im Leben, wo ich stehe.

Linda: Na ja, später will ich schon eine Familie, Kinder und auch ein Haus. Von mir aus auch ein Reihenhaus mit Garten. Aber das muss nicht schon in zehn Jahren sein. Ich hatte mal ’ne Mitschülerin, die wusste ganz genau, wie viele Kinder sie haben wollte, wie die heißen sollten… Also das wäre nichts für mich. Ich gucke erst mal, was kommt.

Josefine: Ich hoffe, dann vor allem zufrieden zu sein mit dem, was ich habe.

Morgenpost Online: Fühlt ihr euch von euren Eltern verstanden?

Josefine: Im Prinzip schon. Nur die machen sich halt immer Sorgen, mit dem abends Weggehen und so.

Emma: Na ja, die wollen halt immer nur, dass alles sicher ist. Und wir wollen eben auch was erleben.

Morgenpost Online: Klingt ziemlich harmonisch…

Josefine: Wir streiten uns schon auch. Aber die höchsten Wellen der Pubertät sind ja jetzt auch vorbei.

Emma: Stimmt, es ist schon besser geworden.

Linda: Klar, wir streiten uns auch, aber ich glaube, das ist im Rahmen. Im Großen und Ganzen verstehen wir uns gut.

Morgenpost Online: Würdet ihr einen Freund mit nach Hause bringen?

Emma: Klar. Wäre mir auch wichtig, wenn’s was Ernstes ist und man längere Zeit zusammen ist.

Linda: Wenn Familienfest ist, kann man jemanden ja auch mal mitbringen.

Josefine: Na ja, muss man aber auch nicht sofort machen, finde ich. Wirkt eher abschreckend…

Morgenpost Online: Und übernachten. Wäre das ein Problem?

Emma: Bei einer Freundin von mir darf jede übernachten, nur kein Junge. Bei uns wäre das kein Problem.

Linda: Dann käme aber schon erst mal ein Gespräch und so Sprüche: "Passt aber auf!" Letztendlich wäre es aber kein Problem.