Verwandschaft

Promis haben ihre liebe Not mit der Familie

Der große Bruder von Sängerin Madonna lebt auf der Straße. US-Präsident Obamas Onkel ist ein Illegaler. Genau wie sie haben zahlreiche weitere Prominente und Politiker Ärger mit der buckligen Verwandtschaft.

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Mischpoke. Ein Wort wie ein resigniertes Schulterzucken, wie ein geduldiges Lächeln mit hochgezogener Augenbraue. Es klingt nach liebevoller Verachtung, nach: Was soll man machen, Familie kann man sich nicht aussuchen. Nach buckliger Verwandtschaft, peinlichem Anhang und schicksalsergebener Treue – obwohl Mischpoke im Jiddischen eigentlich wertneutral ist. Verwandtschaft, besonders in Großfamilien, scheint irgendwie immer eine leise Verachtung zu implizieren, eine Zumutung, eine kleine Frechheit sogar. Man muss nämlich ganz schön viel aushalten können.

Nehmen wir Barack Obama und George W. Bush zum Beispiel, sie werden vielleicht keine besten Freunde mehr werden, aber als Cousins arrangieren sie sich ganz gut. Die (sehr entfernte) Verwandtschaft der beiden hatten Forscher der New England Historic Genealogical Society im US-Wahlkampf 2008 herausgefunden – so zum Beispiel auch, dass Brad Pitt ein Cousin neunten Grades von Obama ist, seine Frau Angelina Jolie hingegen eine Cousine von dessen damaliger Konkurrentin Hillary Clinton – und diese wiederum über irgendwelche Ecken mit Celine Dion, Alanis Morissette und: Madonna. Womit wir (über viele Ecken) beim Thema sind.

"Sie kennen vielleicht meine Schwester"

Kein Großcousin oder Schwippschwager hat es in dieser Woche in die Zeitungen geschafft, sondern Madonnas leiblicher, zwei Jahre älterer Bruder Anthony Ciccone, und das ganz unabsichtlich, die Reporterin wusste nicht, wen sie da vor sich hatte, als sie den weißbärtigen Mann interviewte. Für die Zeitung „Michigan Messenger“ hatte sie Obdachlose unter einer Brücke befragt, und auf einmal hatte dieser Mann, der sich in eine Wolldecke gehüllt hatte, gesagt: „Sie kennen vielleicht meine Schwester. Sie heißt Madonna und ist Sängerin.“

Der 55-jährige Anthony hat es nie so richtig aus Michigan, der Heimat der Großfamilie Ciccone, herausgeschafft. Während seine Schwester, das dritte von insgesamt acht Kindern, zu einer der berühmtesten Frauen der Welt wurde mit einem Einkommen von mehr als 50 Millionen Dollar im Jahr. Anthony hat die letzten Jahre bei seinem Vater Silvio in der Weinhandlung gearbeitet und jahrelang mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen gehabt. Dann, sagte Ciccone der Lokalreporterin, habe sich die Familie von ihm abgewandt. Offenbar war seine Schwester in diesen Dingen schon immer rigoros, auch mit ihrem Bruder Christopher, der ihre Karriere lange begleitet hatte, wollte sie nichts mehr zu tun haben, als sie von seiner Kokainsucht erfahren hatte. Und dann schlug Christopher zurück, Verwandtschaft hin oder her, und schrieb das Enthüllungsbuch „Meine Schwester Madonna und ich“.

Ernüchternde Realität

Der Buchtitel erinnert an einen prominenten Fall in Deutschland – „Der Kanzler, leider mein Bruder, und ich“ musste Gerhard Schröder im Jahr 2004 über sich ergehen lassen. Schröder hatte sich aus prekären Verhältnissen bis zum Bundeskanzler hochgearbeitet, während die Karriere seines Halbbruders gelinde gesagt ins Stocken geriet. Er war arbeitslos. Fast hätte er an einer Reality-Show bei ProSieben im Stil von „Big Brother“ teilgenommen, aber da konnte vielleicht doch sein Bruder einschreiten.

Bei Madonna und Christopher jedenfalls waren die engen Bande endgültig gekappt. Sein Bruder Anthony läuft heute durch Traverse City (Michigan), klopft bei der Fürsorge an und sammelt Leergut für ein bisschen Pfand.

Je glanzvoller und unnahbarer das Leben, je märchenhafter Aufstieg und Reichtum sind, desto ernüchternder kommt die Realität der gewöhnlichen Verwandtschaft daher. Vor ein paar Jahren erschien eine blasse, übergewichtige Lynne Beckham im Boulevardblatt „News of the World“, sie war arbeitslos, Mutter von drei Kindern, lebte von Sozialhilfe, und in dem Haus, das ihr wohlhabender Bruder ihr gekauft hatte, wohnte ihr vorbestrafter neuer Freund Kevin Briggs. Sie hatte, bis auf den Kinderreichtum, so gar nichts mit ihrem millionenschweren, attraktiven Fußballerbruder David gemein. „Das Einzige, was mein Dad mir sagte“, erzählte David Beckham mal in einem Interview, sei gewesen: „Pass auf deine beiden Schwestern auf. Und das werde ich immer tun.“ So weit es eben geht.

Mette-Marit und ihr Vater

Besonderes Aufsehen erregt die Verwandtschaft in Königshäusern. Prinzessin Mette-Marit von Norwegen zum Beispiel musste sich für ihren trinkenden Vater, der seine Hochzeit mit einer Stripperin großspurig vermarktete, verteidigen. Kate Middleton für einen nichtsnutzigen Onkel, der mit Drogen und Sex-Affären für Schlagzeilen sorgte, mit ihr aber in keinerlei Kontakt stand.

Und dann ist da natürlich noch dieser andere Verwandte des US-Präsidenten. Onyango Obama (67) fuhr mit dem Auto im Bundesstaat Massachusetts, als die Polizei ihn stoppte. Sie stellte nicht nur fest, dass er ein paar Bier zu viel getrunken hatte, sondern auch, dass er sich illegal in den USA aufhielt. Onyango ist ein Halbbruder von Obamas kenianischem Vater. Den Cops sagte er, er müsse mal eben im Weißen Haus anrufen. Obwohl sich Neffe und Onkel mehr als 40 Jahre nicht gesehen hatten. Aber Mischpoke bleibt Mischpoke.