Sister Act

Die Schwester. Beste Freundin? Erbitterte Rivalin?

Zwischen Zickenalarm, Terrorschwester oder Verbündete: Man kann sie sich nicht aussuchen, ist aber meist froh, dass es sie gibt – sechs Geschichten über die Schwester.

Pippa durfte Kate Middletons Brautjungfer sein, als diese den britischen Thronfolger Prinz William heiratete – eine Ehre, wie sie auch bei bürgerlichen Hochzeiten nur besten Freundinnen und Schwestern zuteilwird. Und oft ist die Schwester eben genau das: die beste Freundin. Dennoch weiß keiner, wie sehr es Kate wirklich gestört hat, dass für viele Beobachter Pippa der eigentliche Hingucker war. Denn die Schwester ist eben auch immer Konkurrentin und Maßstab.

Die Soziolinguistin Deborah Tannen hat nun ein Buch über diese einzigartige Beziehung zwischen Frau und Frau geschrieben. „Du warst ja schon immer Mamas Liebling!“ heißt es (erscheint 26.09.2011 im Mosaik-Verlag), und es soll helfen, die eigene Schwester besser zu verstehen.

Sie befasst sich dabei mit der ganzen Bandbreite an Problemen, die zwischen Schwestern auftreten können: die kleine verwöhnte Schwester (Kapitel fünf: „Ich bin die Prinzessin, du bist der Frosch“), die Konkurrenz zwischen fast gleich alten Mädchen, die herablassende große Schwester und die Allianzen, die sich innerhalb einer Familie mit Schwester-Kindern bilden können. Tannen hat dafür Gespräche zwischen Schwestern analysiert, die „wie bei Müttern zu unseren besten wie zu den problematischsten gehören können“. Das Buch hat Tannen übrigens zwei Menschen gewidmet: Naomi und Mimi, ihren großen Schwestern.

Auf dieser Seite erzählen sechs Redakteurinnen, was für sie das ganz Besondere am Schwester-Sein ist.

Polka tanzen, Wange an Wange

Die Mitte im Bunde. Wir sind drei Schwestern, zwei Brüder dazu, aber hier geht es ja nur um Frauen. Eine ist jünger, eine älter. Wir sind aus der Generation „Auftragen“, das war das Einzige, was mich wirklich nervte früher, abgesehen von den üblichen Geschwister-Gemeinheiten.

Die Große bekam neue Klamotten, wir erbten sie, nur zu Feierlichkeiten wurden wir alle mit einem neuen Modell von der Schneiderin ausgestattet, identisch, was auch nicht ganz einfach für die Große war, wenn die kleine Schwester acht Jahre jünger ist. Die Große ging eine Zeit lang ins Internat, zur Kompensation bekam sie coole Sachen, während ich immer noch in der Leder-Kniebundhose zur Schule gehen musste. Ich erbte da nicht mehr, wir waren allmählich gleich groß.

Unser Vater starb sehr früh, wir Geschwister schlossen den Kreis um unsere Mutter. Für Zickenalarm war darin kein Platz.

Einmal, vor bald 30 Jahren, versuchten wir in Los Angeles in eine Diskothek zu kommen, wir Älteren waren schon verheiratet und hatten Kinder, Ausweise hatten wir nicht mit, der Türsteher glaubte nur unserer kleinen Schwester, dass sie volljährig ist. Wir lachen bis heute darüber.

Die Große lebt in Kanada, sie ist dort hingezogen mit einem Mann, den ich für meinen Freund hielt. Nie konnte ich ihr böse sein deswegen. Er wurde nicht ihr Glück, das hat mich traurig gemacht.

Zwischen den Rahmen meiner Erinnerungen steht ein ziemlich verrückter, typisch amerikanisch. Mit Blümchenrand und einem Kettchen aus kleinen Würfeln, die das Wort „Sisters“ ergeben. Darin steckt ein Foto von uns beiden Älteren, wir sehen erholt und völlig behämmert aus, tanzen Wange an Wange Polka auf den Auslöser zu. Wenn alles zu viel ist, dann schaue ich darauf und bin wieder gut. Gleich daneben steht eine Aufnahme mit uns drei Schwestern, aufgenommen an einem herrlichen Sommerabend auf Sylt. Wir waren eingeladen und trugen jede einen anderen Pastellton. Sehr harmonisch. Rein zufällig. Wir sind sehr verschieden. Aber wir sind Schwestern. Alles andere ist nicht so wichtig. Inga Griese

Große Schwestern im Doppelpack

Jule hat eine Kartoffelnase“, sagte meine große Schwester, als ich noch ein Baby war. „Sag das nicht, das bleibt sonst“, sagt meine Mutter. Als ich drei Jahre alt war, musste ich mich auf Geheiß meiner großen Schwestern eine Zeit lang immer vor den Vorhang stellen, wenn meine Eltern ins Kinderzimmer kamen. Eine meiner Schwestern hatte ein Loch in den Vorhang geschnitten: der Brautschleier für eine Puppe. Als ich vier Jahre alt war, und nur durch fiese Petzaktionen überhaupt durchsetzen konnte, dass man mich mitspielen ließ, durfte ich in den Abenteuern meiner anderen großen Schwester meist Verblichene darstellen.

Den toten Kapitän beispielsweise, dessen Aufgabe es war, weitab vom Geschehen sich in imaginären Wellen zu wälzen. Als ich fünf war, haben mich beide Schwestern, immer wenn ich schrie, ins Bad gesperrt und dort den Abzug angestellt. Der war so laut, dass meine Eltern mein Gebrüll nicht gehört haben. Solange ich denken kann, musste ich bei Autofahrten immer in der Mitte sitzen – beziehungsweise nachdem ich zu groß geworden war, um Platz im Fußbereich zu finden.

Als ich zwölf war, haben sich meine beiden älteren Schwestern im Urlaub auf das Schamloseste an zwei Kellner rangeschmissen und unsere Familie damit zum Gespött des sizilianischen Hotels gemacht. Wenn nicht gleich des ganzen Strandes. Sie haben sicher von der Geschichte gehört. Große Schwestern zu haben müsste eigentlich gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen.

Andererseits: Wer würde sonst ein Leben lang zu einem halten, auch wenn die kleine Terrorschwester mal die neue Babypuppe bei der Autofahrt aus dem Fenster geschmissen hat? (Bille, die wollte wirklich nur frische Luft schnappen, es war ein Unfall). Wer sonst weiß genau, was man meint, ohne dass man viel sagen muss. Wer sonst könnte jemals mehr ein Stück von einem selbst sein als sie: Schwestern. Judith Luig

Eine lebende Fernbedienung

In den Siebzigern, als die Fernbedienung noch etwas Exotisches war, gab es dafür einen lebenden Ersatz: mich. „Lauter“, „leiser“ oder „umschalten“, so steuerte mich meine Schwester, wenn wir samstagnachmittags das Kinderprogramm schauen durften. Daran kann sie sich heute natürlich nicht mehr erinnern. „Aber das stimmt bestimmt“, sagt sie. Ehrlich, ich hätte alles getan für meine dreieinhalb Jahre ältere Schwester, die für mich wahrhaft die Größte war.

Und die mit spürbarer Zuneigung geizte, besonders in der Öffentlichkeit. Waren ihre Freundinnen zu Besuch, durfte ich nicht ins Zimmer. „Du nervst“, hieß es. Und so saß ich wie eine unglückliche Verliebte nebenan. Aber ich machte es meiner Schwester auch sehr schwer, die Liebe zu erwidern. Sie erinnert sich vor allem daran, dass ich ihre Lieblingsdinge zerstörte. Wie diesen famosen Papp-Computer. Sorgfältig hatte sie ihn aus Bastelbögen zusammengefrickelt, die dem Mickey-Mouse-Heft beilagen.

Man konnte eine Murmel hineinwerfen, an ein paar Hebeln drehen und dann kam die Kugel wieder raus. Zumindest so lange, bis ich das Ding in den Fingern hatte. Später, wir waren schon fast erwachsen, soll ich ihre weiße Lieblingsbluse mit schwarzen Sachen zusammen gewaschen haben. Das habe ich längst vergessen, ist ja mehr als 20 Jahre her. Wenn sie heute davon spricht, klingt sie immer noch kurz sauer. Die Vorteile einer Schwester – so meine Erfahrung – lassen sich erst richtig schätzen, wenn beide groß sind. Ich freue mich schon, wenn sie das nächste Mal vorbeischaut. Gerne auch zum Fernsehen. Brenda Strohmaier

Nein, wir sind keine Zwillinge!

Meine Schwester und mich trennen 18 Monate. Eigentlich ist das der perfekte Abstand. In der Schule lag immer genau ein Jahrgang zwischen uns. Schulhefte inklusive gemachter Hausaufgaben habe ich nach den Sommerferien immer gleich komplett weitergereicht. Äußerst praktisch. Zumindest für meine kleine Schwester. Und fast immer folgten wir zwei auch demselben Weg.

Erst ging es gemeinsam in die Ballettschule, dann zum Hockeytraining, zum Firmungs-Unterricht bei Pfarrer Mohr, später auch auf dasselbe Internat. Aber um ehrlich zu sein, waren wir immer froh, wenn wir nicht zusammen in eine Gruppe eingeteilt waren, sondern jede für sich sein durfte. Jede mit ihren Freundinnen. Denn zu oft wurden wir wie Gleichaltrige behandelt, manchmal sogar für Zwillinge gehalten. Oder noch schlimmer: miteinander verwechselt.

Wenn man uns fragt, sehen wir uns (natürlich) überhaupt gar nicht ähnlich. Aber in genau diesen Verwechslungsmomenten hatten wir vielleicht beide das Gefühl, dass uns unsere Einzigartigkeit genommen wird. Oder spielte das Konkurrenzdenken eine Rolle? Oder sind sich unsere Wesen doch ähnlicher, als wir es wahrhaben wollen? Vielleicht. Längentechnisch hat sie mich jedoch schon vor Jahren überholt, sodass ich immer wie die „Kleine“ neben ihr aussehe. Die Rolle der großen, vernünftigen Schwester hat sie mir jedoch großzügigerweise gelassen.

Am aller ähnlichsten sind wir uns übrigens besonders dann, wenn einer von uns etwas Ungerechtes im Alltag widerfährt: wenn einer von uns der Parkplatz vor der Nase weggeschnappt wird, es Stress an der Uni oder Ärger mit der Hausverwaltung gibt. Dann rufe ich sie an oder umgekehrt und jede regt sich für die andere via Handy mit auf. Verbündete fürs Leben, eben! Und das in jeder Situation. Caroline Börger

Eine, die über meine Witze lacht

Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, zog mir meine drei Jahre ältere Schwester mit einer Barbie eins über den Schädel. Diesen schmerzhaften Zusammenstoß verarbeitete ich wenige Tage später in einem Schulaufsatz, der mir vor ein paar Jahren wieder in die Hände fiel. Da hatte ich diese Episode nur noch in verschwommener Erinnerung. Meine Eltern hatten sie völlig vergessen, meine Schwester erinnert sich dunkel an einen großen, schlimmen Streit.

Wie auch immer: „The Barbie incident“ hat unser Verhältnis nicht weiter belastet. Dass sie mir viele Jahre später, sie 16, ich 13, in einer Auseinandersetzung faschistoides Verhalten vorwarf, verletzte mich wesentlich mehr als der Barbie-Hieb. Und ihr Kalendereintrag an meinem Geburtstag „Beginn der großindustriellen Kratzbürstenproduktion“ war auch nicht wirklich nett. Ansonsten verlief unser Schwesternleben, auch nach Aussage unserer Eltern, ziemlich harmonisch. Keine weiteren Gewalttätigkeiten. Im Gegenteil. Gemeinsam verbrachten wir Stunden damit, aus Lego riesige mobile Häuser zu bauen – mit Schleusentüren (gegen wilde Tiere) und angesetzten Baggerschaufeln (irgendwie muss man sich ja einen Weg durch den Dschungel bahnen).

Sehr viel später gab es eine Phase, in der ich meine Schwester einfach nur anstrengend fand: Als sie mit 16, 17 aufbegehrte, sich frauen-, friedens- und sonst wie bewegte und sich alle elterliche Aufmerksamkeit auf den rebellischen Teenager konzentrierte. Dass ich von den ewigen Streitereien in den kommenden Jahren profitieren würde, sie den Weg auch für mich freikämpfte, war mir damals nicht klar.

Von ihrem Au-pair-Aufenthalt in Frankreich schickte sie mir 20 Mark als Notgroschen für ein Taxi, damit ich bloß nicht trampte oder mich nachts von angetrunkenen Führerscheinneulingen nach Hause aufs Dorf chauffieren ließe.

Auf meine Schwester kann ich mich immer verlassen. Auch darauf, dass sie ein dankbares Publikum ist: Sie lacht über meine Witze. Nicht aus Nettigkeit, sondern weil sie mich wirklich wahnsinnig komisch findet. Annemarie Ballschmiter

Die Prinzessin, die Strenge, der Clown

Ich habe meine Musik aufgeräumt. Ich habe Kassetten gefunden, die ungefähr zehn Umzüge überlebt haben. Länder und Städte. Feuchte Keller. Ich habe meine Charlatans-Kassette gefunden. Als ich die hellblauen Aufkleber sah, wusste ich sofort, die ist es. Ich erinnerte mich noch an die exakte Reihenfolge der Lieder. Kassettenrekorder gesucht. Freude. Aber dann: kreischende Jungs von der amerikanischen Ostküste. Alles überspielt, mit New Kids on the Block. Umzüge, Länder, Keller, alles umsonst, das muss vor sehr langer Zeit passiert sein. Es ist schlimm, was kleine Schwestern anrichten können. Andererseits: Vielleicht hätte ich die Charlatans nie gekannt, wenn mich meine andere Schwester nicht drauf gebracht hätte.

Wir sind drei. Und bei dreien hat man keine Chance, schon gar nicht als Betroffene. Es könnte an diesen Spielen liegen, auf die man als gelangweiltes Kleinkind ziemlich schnell kommt. Vater, Mutter, Kind. König, Königin, Königskind. Ernie, Bert, Krümelmonster, John, Paul, Ringo, was auch immer. Bei drei Schwestern gibt es für jede eine Rolle, und aussuchen kann man sich die natürlich nicht. In chronologischer Reihenfolge sind es ungefähr diese: 1. Die Prinzessin. 2. Die Strenge 3. Der Clown.

Das ist bei meinen beiden Schwestern und mir so, das ist bei meiner Mutter und ihren beiden Schwestern so, das war bei meiner Oma und ihren beiden Schwestern so, das ist bei allen mir bekannten Drei-Schwestern-Familien so (und lässt sich, nebenbei, nicht ohne Weiteres auf Drei-Brüder-Konstellationen übertragen). Es lässt sich möglicherweise erklären mit dem Einmal-Weitergeben der üblichen Geschwister-Eigenschaften, wie sie in Zeitschriften der Unterhaltungspsychologie gerne beschrieben werden: Die Verantwortung rutscht von der Ersten auf die Zweite, und um Beachtung kämpfen gleich drei. Und: Bei dreien lässt sich immer einer ausschließen, damit gewinnt jedes Spiel an Reiz.

Aber wer hat schon Zeit, Erklärungen zu suchen? Betroffene sind meist ausreichend damit beschäftigt, alle Spielvarianten durchzugehen. Nicht nur zur Not lautstark und bereit, aus Banalitäten Dramen zu gestalten. Man sollte nicht den Fehler machen, sich da einzumischen. So erbittert wie gestritten wird hier auch geliebt. Am Ende sind wir mit unseren Rollen zusammen ein ziemlich ganzes Ganzes. Gegen uns drei hat man keine Chance.

Ach, und da ist noch etwas: Liebe Schwester, es war eigentlich gar nicht so schlimm, dass ich Dich damals auf das NKOTB-Konzert begleiten musste, obwohl es natürlich mein gesellschaftliches Aus bedeutet hätte, wenn mich dort jemand gesehen hätte. Aber immerhin habe ich da meine beste Freundin kennengelernt. Sie hat ihre Schwester hingebracht. Jennifer Wilton